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Für 2060 werden nur noch 26 000 Mitglieder prognostiziert – Kirchensteuereinnahmen sinken entsprechend

Landeskirche Schaumburg-Lippe schrumpft um die Hälfte

BÜCKEBURG. Seit Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrtausends hat sich die Mitgliederzahl der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe von knapp 100 000 Mitgliedern auf heute 51 000 Mitgliedern bereits fast halbiert. Und für die kommenden 40 Jahre wird eine weitere Halbierung auf dann nur noch 26 000 Mitglieder prognostiziert. Das hat gravierende Folgen.

veröffentlicht am 02.05.2019 um 15:24 Uhr

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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Eine Prognose, die natürlich entsprechende Auswirkungen auf die Finanzen der Landeskirche hat – sprich: Den Einnahmen aus der Kirchensteuer, aus der sich Kirchen heutzutage größtenteils finanzieren. Umgerechnet müsste die Landeskirche heute mit einem Haushalt von 4,5 Millionen Euro auskommen und nicht wie derzeit knapp zehn Millionen Euro. Das geht aus der am Freitagmittag veröffentlichten „Freiburger Studie zur Mitglieder- und Finanzentwicklung der großen Kirchen in Deutschland“ hervor.

Kurzfristig hat die Landeskirche bereits die Ergebnisse der Studie bewertet. „Wir halbieren uns und müssen reagieren“, sagten Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke, Synodenpräsident Klaus-Dieter Kiefer und Landeskirchenamts-Präsident Christian Frehrking im Rahmen eines Pressegesprächs: „Wenn uns nur noch die Hälfte der Gelder zur Verfügung steht, müssen wir uns bereits heute bei jeder Pastoreneinstellung, jeder anderen Stellenbesetzung oder Investition fragen: Können wir uns das noch leisten.“ Denn die heute getroffenen finanziellen Entscheidungen würden die Landeskirche für die kommenden 40 Jahre binden. Es gehe um nachhaltige Investitionen und nicht mehr darum, nach dem Gießkannenprinzip jedem etwas zu geben, so Frehrking.

Der Landesbischof bezeichnete die „klaren und deutlichen Ergebnisse“ der Studie als eine „bittere Erfahrung, aber auch eine Riesenaufgabe“. Die Landeskirche werde wie die gesamte Kirche um ihre gesellschaftliche Rolle kämpfen: „Wir sind Partner des Staates. Das wollen wir bleiben. Wir müssen uns anstrengen.“ Manzke zählte mit Kindertagesstätten, Diakonie, Pflegeheimen, Beratungsangeboten wie Sucht -oder aber Flüchtlingsberatung sowie den Angeboten der Kirchengemeinden eine ganze Reihe von Bereichen auf, in denen die Landeskirche aktiv ist. Das Ziel werde und müsse sein, diese Angebote zu bewahren und gut aufzustellen, trotz knapper Finanzen.

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Einen erheblichen Anteil am Mitgliederrückgang wird nach den Ergebnissen der Studie mit 35 Prozent auf die demografische Entwicklung zurückzuführen sein – eine Entwicklung, die von der Landeskirche nicht zu beeinflussen ist. 15 Prozent des Rückgangs sind dagegen auf andere Faktoren zurückzuführen. Und hier sieht die Studie, aber auch die Schaumburg-Lippische Landeskirche, Chancen, dem Rückgang entgegenzusteuern und neue Schäfchen zu gewinnen oder zu binden. Drei Hinweise gibt die Studie, wie das gelingen kann: die Taufquote verbessern, die gezielte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und die Sicherung der diakonischen Tätigkeit der Kirche und Verstetigung der Zukunft.

In allen drei Bereichen sieht sich die Landeskirche bereits gut aufgestellt, wie das Führungstrio sagte. Denn bereits 2010 hat sie die Zukunftswerkstatt angestoßen, über 100 Entscheidungsträger eingeladen und viel Geld in die Hand genommen (250 000 Euro) und, um Weichen für die Zukunft zu stellen. Um die Taufquote zu verbessern (Erwachsene, die bereits aus der Kirche ausgetreten sind, lassen in der Regel ihre Kinder nicht mehr taufen), sind in vielen Gemeinden Tauffeste initiiert worden – mit regem Zuspruch, wie Landeskirchen-Pressesprecher Ulrich Hinz feststellte.

Um Kinder und Jugendliche zu erreichen ist der Personalstand bei den Hauptamtlichen durch die Anstellung neuer Diakone und Musiker – erinnert sei an den Pop-Kantor – deutlich verbessert worden. Rund um die Konfirmation gibt es veränderte Angebote. Im diakonischen Bereich ist die Landeskirche dabei, die Profilierung in der diakonischen Altenpflege zu sichern. Rückgängen oder Streichungen bei Pastorenstellen begegne die Landeskirche bereits, in dem sie Kooperative Gemeinden eingerichtet hat. Der Landesbischof: „Wir sind seit zehn Jahren dabei, uns kundenorientierter als gewohnt aufzustellen.“

Zugute komme der Landeskirche, dass sie dezentraler aufgestellt ist, als andere Landeskirchen und bereits sehr schlanke Strukturen hat, sagte der Präsident des Landeskirchenamtes. Die Landeskirche müsse sich so aufstellen, dass Standards gehalten, werden, gleichzeitig aber auch nicht die Ehrenamtlichkeit aus der Kirche gedrängt werde. Angesicht immer vielfältig werdender Verwaltungsaufgaben für Kindergärten, Buchführung, Bauen, Brandschutz oder der eigentliche Gemeindeverwaltung gehe es auch darum, die Pastoren „für ihre eigentliche Arbeit freizuschaufeln, so der Synodenpräsident: „Wir müssen uns so aufstellen, dass wir in der Fläche nah dran sein können.“ Die Kirche müsse „hin zu den Menschen“.

Der Landesbischof erinnerte an die gute Verankerung der Landeskirche in Schaumburg. Es gebe gute Chancen, ein guter sozialer Partner zu sein: „Die Bereitschaft, in Schaumburg, mit der Kirche zusammenzuarbeiten, schätze ich als sehr hoch ein.“ Und nannte Handwerker, Landwirtschaft, oder aber Rettungskräfte, für die die Landeskirche etwa die Notfallseelsorge anbietet: „Wir leben unsere Bezüge und wir sind gewollt in gesellschaftlichen Bezügen.“

Und wenn das alles noch nichts nutzt, gibt es ja auch noch den Glauben. Oder wie es der Synodenpräsident Klaus-Dieter Kiefer formulierte: „Wir müssen die Fakten zur Kenntnis nehmen, wir müssen daran arbeiten und mit viel Gottvertrauen gegenanglauben.“




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