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Polizei: Männer haben in Lügde 23 Kinder gequält

Mehr als 1000 Fälle von Kindesmissbrauch auf Lipper Campingplatz

LÜGDE/DETMOLD. Der Fall des sexuellen Kindesmissbrauchs in Lügde-Elbrinxen ist offenbar noch viel schlimmer und umfangreicher als befürchtet: Die Polizei spricht von „23 Opfern, vermutlich aber mehr“, von „mehr als 1000 Taten“ sowie 13 000 Dateien kinderpornografischen Inhalts. Ein Opfer kommt offenbar aus Hameln-Pyrmont.

veröffentlicht am 30.01.2019 um 11:58 Uhr
aktualisiert am 30.01.2019 um 19:13 Uhr

Eine Sonderkommission ermittelt auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde-Elbrinxen. Drei Männer sollen auf dem Campingplatz 23 Kinder sexuell missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt haben. Foto: Friso Gentsch/dpa
Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
Der Chef der vom Bundeskriminalamt unterstützten Detmolder Sonderkommission „Camping“, Gunnar Weiß, sagt: „Und wir stehen noch am Anfang der Ermittlungen.“

Drei tatverdächtige Deutsche sitzen in U-Haft. Der 56-jährige Andreas V. aus Lügde gilt als Hauptverdächtiger – er soll nach Erkenntnissen der Ermittler mit einem 33-Jährigen aus Steinheim die Kinder im Wechsel für Pornovideos missbraucht und gefilmt haben, wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch in Detmold mitteilten. Der dritte Tatverdächtige, ein 48-Jähriger aus Stade, soll als Auftraggeber fungiert haben. Im Gegensatz zu den anderen beiden hat er ein Teilgeständnis abgelegt.

Unter den Opfern ist auch ein Kind aus dem Landkreis Hameln-Pyrmont, das bei einem der Männer lebte und für das das Jugendamt Hameln-Pyrmont zuständig ist.

Der erste Hinweis auf sexuellen Missbrauch kam 2018 von einem sechsjährigen Mädchen, einer Freundin des siebenjährigen Pflegekindes des Hauptverdächtigen aus Lügde. Der alleinerziehende Pflegevater, der seit 30 Jahren als Dauergast auf dem Campingplatz Eichenwald in Lügde-Elbrinxen in einer Gartenlaube lebte, ist daraufhin im Dezember festgenommen worden. Die Opfer waren zu den Tatzeitpunkten 4 bis 13 Jahre alt und kommen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, sagte Soko-Chef Weiß. Die Taten sollen sich in einem Zeitraum von zehn Jahren auf dem Campingplatz in Lügde ereignet haben.

Fragezeichen wirft das Verhalten der Jugendämter auf: Auf die Frage, warum ein Kind in die Obhut eines Mannes mit heruntergekommener Unterkunft auf einem Campingplatz gegeben wird, reagierten Polizei und Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit Stirnrunzeln. Beim Jugendamt des Kreises Lippe war Ende 2016 eine Kindeswohlgefährdung angezeigt worden. Das Jugendamt dazu: „Diese Anzeige bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes – nicht eines möglichen Missbrauchs.“ Das Jugendamt habe die Situation vor Ort geprüft. „Die Einschätzung der Mitarbeiter ergab: Das Kind lebte in keinem verwahrlosten Umfeld, sodass das Jugendamt das Kind nicht in Obhut nahm.“

Die Staatsanwaltschaft ermittelt aber auch gegen das Jugendamt des Landkreises Hameln-Pyrmont. „Wir überprüfen, ob die Behörde Fehler gemacht hat“, sagt der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Dazu hat die Staatsanwaltschaft im Jugendamt Hameln-Pyrmont Unterlagen sichergestellt. Im Fall der Pflegetochter aus Hameln-Pyrmont, die zu den Opfern gehört, hatte das Jugendamt Hameln-Pyrmont das Pflegeverhältnis 2017 anerkannt, „da weder der Gesundheitszustand, die finanzielle Lage noch das erweiterte Führungszeugnis des Mannes Grund zur Beanstandung gaben“. Die Entscheidung, das Kind in die Obhut des Mannes zu geben, so erklärt es der Landkreis Hameln-Pyrmont, habe insbesondere auf dem Wunsch der Mutter des Kindes beruht. „Nach der Unterbringung hat ein Prüfungsverfahren des Kreises Hameln-Pyrmont stattgefunden, im Januar 2017 wurde ein Pflegeverhältnis für das Kind anerkannt.“ Heute sieht der Landkreis den Fall in einem anderen Licht, Pressesprecherin Sandra Lummitsch sagt: „Wir hätten uns sehr gewünscht, dass es uns schon früher gelungen wäre, Risse in der Fassade zu erkennen. Als wir dann von diesem schlimmen Verdacht erfuhren, haben wir sofort gehandelt.“

Die Polizei hat bislang fünf Wohnungen in Ostwestfalen und Niedersachsen durchsucht. Dabei sind neben zehn Computern und neun Mobiltelefonen 40 Festplatten und 400 weitere Datenträger mit 13 000 Sex-Dateien sichergestellt worden. Die offenbar erste Tat des sexuellen Missbrauchs in diesem großen Fall hat bereits im Jahr 2008 stattgefunden: Ein damals acht Jahre altes Mädchen gilt aktuell als erstes der bislang 23 Opfer.




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