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Mutter erhebt schwere Vorwürfe / NRW-Innenminister bekräftigt Kritik

Missbrauchsfall Lügde: Kreis der Verdächtigen wächst

DÜSSELDORF / HAMELN-PYRMONT/ LÜGDE. Im Elbrinxer Missbrauchsfall hat sich der Kreis der Verdächtigen auf sechs erweitert. Drei Männer sitzen bereits als Hauptverdächtige in Untersuchungshaft. Gegen einen weiteren Beschuldigten sei ein Verfahren wegen Verdachts der Strafvereitelung eingeleitet worden, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Innenausschuss des Landtags.

veröffentlicht am 14.02.2019 um 11:48 Uhr
aktualisiert am 14.02.2019 um 23:30 Uhr

Blick auf den Campingplatz Eichwald in Lügde-Elbrinxen, aufgenommen mit einer Drohne. Ein Dauercamper soll hier Kinder für Pornodrehs missbraucht haben. Foto: Guido Kirchner/dpa
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite

Nach dpa-Informationen steht die Person in dringendem Tatverdacht, Daten manipuliert zu haben. Sie sitzt nicht in U-Haft. Darüber hinaus liege derzeit gegen zwei weitere Personen ein Tatverdacht vor, sagte Reul. In diesen beiden Fällen soll es um Beihilfe gehen, nicht um Mittäterschaft.

Derweil erhebt eine Pyrmonter Mutter schwere Vorwürfe gegen die Behörden. „Wenn sie schon 2016 den Hinweisen nachgegangen wären, dann wäre meiner Tochter nichts passiert.“ Die Mutter einer Sechsjährigen, die das in einem Interview mit NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ festgestellt hat, war diejenige, die am 20. Oktober 2018 bei der Pyrmonter Polizei Anzeige gegen Andreas V. erstattete. Damit brachte sie die Ermittlungen wegen mutmaßlich mehr als 1000 sexueller Gewalttaten an aktuell 31 identifizierten Kindern auf einer Parzelle des Campingplatzes im Lügder Ortsteil Elbrinxen erst in Gang.

Zuvor hatte ihre seit dem Sommer mit der Pflegetochter (8) des heutigen Hauptbeschuldigten Andreas V. befreundete Sechsjährige zu Hause erzählt, V. habe ihr Schlimmes angetan und ihr wehgetan. Die Gelegenheit dazu soll der 56-Jährige beim letzten von zwei mehrtägigen Übernachtungsbesuchen des Pyrmonter Mädchens bei seiner Ziehtochter auf dem Campingplatz genutzt haben.

Dass Mitarbeitern von Polizei und Jugendämtern offenbar gravierende Bewertungs- und Kommunitaktionsfehler unterliefen, nachdem sie bereits im Herbst 2016 eindeutige Missbrauchs-Hinweise von einem Vater und einer Jobcenter-Mitarbeiterin erhalten hatten, glaubt längst nicht nur die Pyrmonter Mutter.

Auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) hat am Donnerstag seinen Vorwurf des Behördenversagens bekräftigt. „Meine Oma hätte gemerkt, dass da was nicht stimmt“, sagte Reul im Innenausschuss des NRW-Landtags in Düsseldorf.

Mit einer Bewertung der Ermittlungen gegen Polizeibeamte und Mitarbeiter von Jugendämtern in dem Missbrauchsfall hielt sich der Minister aber zurück. „Beide Polizisten sind tätig geworden, aber nicht vollständig“, sagte Reul. Es sei aber „nicht so, dass sie nichts getan haben“. Gegen beide Beamte seien Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Zudem werde gegen sie strafrechtlich ermittelt.

NRW-Familienminister Joachim Stamp nannte es derweil „alarmierend, dass in den nun durch die Ermittlung aufgedeckten Fällen über Jahre scheinbar keine Hinweise auf den Missbrauch der Kinder durch Schulen, Kindertageseinrichtungen oder Eltern beziehungsweise Verwandte erfolgten“. Das erklärte er in seiner Stellungnahme vor dem Ausschuss für Familie, Kinder und Jugend des NRW-Landtages, der ebenfalls am Donnerstag zusammenkam. Zugleich erklärte er, Polizei und Staatsanwaltschaft nähmen „auch mögliche Verfehlungen von Jugendämtern, Polizei und gegebenenfalls weiteren Akteuren“ in den Blick.

Für Irritationen hatte am Vormittag eine vorläufige Einschätzung der Generalstaatsanwaltschaft am Oberlandesgericht (OLG) Hamm gesorgt. Ein vom Kölner Stadtanzeiger und dem WDR zitierter Satz aus einem internen Bericht des NRW-Innenministeriums für den Innenausschuss erweckte den falschen Eindruck, die Generalstaatsanwaltschaft sehe keinen Grund für ein Vorgehen gegen Polizisten und Jugendamtsmitarbeiter.

Der WDR zitierte die Generalstaatsanwältin am OLG Hamm mit den Worten: „Nach meiner Bewertung rechtfertigt der berichtete Sachstand nicht die Aufnahme des Anfangsverdachts strafrechtlich relevanten Verhaltens gegen Beamte der Kreispolizeibehörde Lippe und Mitarbeiter der Jugendämter der Kreise Hameln und Bad Pyrmont.“ Daher habe sie den leitenden Oberstaatsanwalt in Detmold um Überprüfung der Einleitung entsprechender Ermittlungsverfahren und zeitnahe Berichterstattung über das Ergebnis gebeten.

Diese Einschätzung stammt laut WDR vom 5. Februar. Die Generalstaatsanwältin hat zwar die Dienst- und Fachaufsicht über die in dem Fall ermittelnden Staatsanwaltschaften. Ihre Einschätzung dürfte aber allenfalls als Momentaufnahme gelten – und erscheint ziemlich irrelevant. Denn das Polizeipräsidium Bielefeld ermitteln längst wegen möglicher Strafvereitelung im Amt gegen zwei Polizeibeamte und wegen Verletzung der Fürsorgepflicht durch Mitarbeiter von Jugendämtern, weil offenbar mehrere Hinweise von 2016 auf einen möglichen sexuellen Kindesmissbrauch im Sande verlaufen waren.

Als abschließend kann das Statement schon deshalb nicht gelten, weil die Anhörung mutmaßlich wichtiger Zeugen noch gar nicht abgeschlossen ist.

In ihrer Stellungnahme von Donnerstagmittag versucht die Generalstaatsanwaltschaft Hamm dann auch, die Zitate gesichtswahrend zu relativieren. Die Ausführungen der Staatsanwaltschaft Detmold zu den Ermittlungen hätten nicht alle für die strafrechtliche Bewertung relevanten Gesichtspunkte erkennen lassen, heißt es in der Mitteilung. „Deshalb hat die Generalstaatsanwaltschaft Hamm die Staatsanwaltschaft Detmold um einen ergänzenden Bericht gebeten.“ Darüber habe die Generalstaatsanwältin das NRW-Justizministerium informiert. Der ergänzende Bericht aus Detmold stehe noch aus. „Daher werden derzeit weder von dort noch von der Generalstaatsanwaltschaft Hamm weitere Auskünfte zu der o.g. Fragestellung erteilt“, heißt es weiter aus Hamm.

Nach derzeitigen Erkenntnissen wurden auf einer Parzelle des Elbrinxer Campingplatzes über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren mindestens 31 Kinder im Alter zwischen 4 und 13 Jahren missbraucht. Drei Tatverdächtige im Alter von 56, 48 und 33 Jahren sitzen in Untersuchungshaft.




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