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„Hoffentlich übernehmen die Ämter auch die Verantwortung für die Toten“

Nach Corona-Kritik aus Kreishaus: Heimleiter greift Verwaltung an

LANDKREIS. In einem offenen Brief kritisiert die Einrichtungsleitung des Seniorenwerkes Herminenhof in Bückeburg die Kreisverwaltung teils scharf. Zuvor hatten Tobias Besser von der Heimaufsichtsbehörde und Kreissprecher Klaus Heimann den Schaumburger Pflegeheimen unter anderem vorgeworfen, teils „genervt“ auf Fragen zu ihrer Personalsituation in CoronaZeiten reagiert zu haben.

veröffentlicht am 11.05.2020 um 11:57 Uhr

Heimann hatte auch gesagt, Besuche in Heimen sollten wieder zugelassen werden, sofern der Verwaltung ein vom Gesundheitsamt abgesegnetes Hygienekonzept der jeweiligen Einrichtung vorliegt. Darauf entgegnet Herminenhof-Leiter Dennis Hackert in seinem Brief: „Hoffentlich übernehmen die Gesundheitsämter dann auch die (Mit-)Verantwortung für die zu erwartenden Todesfälle.“

Vor allem zeigt sich Hackert verärgert über „Ihre pauschalen Aussagen zu Personalmangel“. Heimann hatte gesagt, bereits vor der Krise hätten den Heimen die Mitarbeiter gefehlt. Dies entspreche, so Hacker, so allgemein „nicht den Tatsächlichkeiten“.

Seit Monaten wende man in Bückeburg Zeit auf, um Erlässe, Verordnungen und Beschlüsse umzusetzen, wehrt sich der Heimleiter gegen den von ihm so empfundenen Vorwurf „mangelnder Mitwirkung in der gemeinsamen Bewältigung der aktuellen Herausforderungen“. Die Aussagen Heimanns und Bessers ließen „saubere Recherche“ vermissen.

Der wohl direkteste Angriff Hackers: Das Seniorenwerk wende „enorme Ressourcen“ für Schutzausrüstung und Hygienebedarf auf, da „die zuständigen Stellen“ – gemeint ist offenbar das Kreishaus – dazu nicht oder nur eingeschränkt in der Lage seien. Dies sei der Fall, weil die Verantwortlichen an der Stadthäger Jahnstraße Empfehlungen des Robert-Koch-Institutes nicht umgesetzt hätten. jcp

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Der offene Brief im Wortlaut:

Offener Brief an den Landkreis Schaumburg zum Artikel „Besuchsverbot in Pflegeheimen: Wer kontrolliert Zustände und informiert Angehörige" vom 05.05.2020

Sehr geehrter Herr Besser, sehr geehrter Herr Heimann,

im Namen aller Pflegenden unseres Landkreises einen herzlichen Dank für Ihre Stellungnahme zur aktuellen Situation in den stationären Pflegeeinrichtungen im Landkreis Schaumburg.

Ihre pauschalen Aussagen zum Personalmangel, unzureichender oder zweifelhafter Kommunikation zu Angehörigen und Betreuern oder mangelnden Mitwirkung in der gemeinsamen Bewältigung der aktuellen Herausforderungen kann die Seniorenwerk gGmbH so nicht stehen lassen. Ihre verallgemeinernden Aussagen verärgern uns mit Blick auf den seit Monaten diesseits betriebenen Zeitaufwand für die Umsetzung aller Erlässe, Verordnungen und Beschlüsse sowie den Mehraufwand der notwendig ist, um unseren Bewohnerinnen und Bewohnern diese herausfordernde Zeit so angenehm wie möglich zu machen. Alle Mitarbeiter leisten hier großartiges. Eine saubere Recherche sieht jedenfalls anders aus.

Darüber hinaus wurden und werden im Seniorenwerk enorme Ressourcen aufgewendet, um Schutzausrüstung und Hygienebedarf zu beschaffen und zu bevorraten, da die zuständigen Stellen diese Materialien auf Grund fehlender Umsetzung der Empfehlung des RKI „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012" nicht und aktuell nur eingeschränkt zur Verfügung stellen konnten. Das wöchentliche Abfordern von Personalschlüsseln war zumindest keine Handlungsempfehlung des Berichts und auch nicht sinnhaft, um der Pandemie entgegen zu wirken. Pauschal von einem Personalmangel in Pflegeeinrichtungen, schon vor Corona, zu berichten entspricht nicht den Tatsächlichkeiten.

Sie sprechen sich in Ihrer Stellungnahme dafür aus, Heimbesuche wieder zu ermöglichen. Flächendeckende Ausnahmegenehmigungen sollen auf Basis eines Hygienekonzepts durch die Gesundheitsämter erteilt werden. Hoffentlich übernehmen die Gesundheitsämter dann auch die (Mit)Verantwortung für die zu erwartenden Todesfälle innerhalb der Bewohnerschaft der Pflegeeinrichtungen. Die Erstellung eines darauf ausgerichteten Hygienekonzepts, die Umsetzung des genehmigten Konzepts sowie die Kontrolle der Einhaltung aller daraus hervorgehenden Richtlinien und Handlungsanweisungen fällt übrigens in den Verantwortungsbereich der Pflegeeinrichtungen. Sie können sicher sein, dass hier mit größter Sorgfalt seitens der Heimbetreiber vorgegangen wird.

Mit freundlichen Grüßen

Dennis Nackert Einrichtungsleitung Seniorenwerk Herminenhof




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