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Fahrer am Straßenrand braucht Hilfe /30 Minuten dauert es, bis jemand stoppt

Notfall im Auto - aber keiner hält an und hilft

HAMELN. Es sind Minuten, die über Leben und Tod entscheiden. 30 Minuten saß ein Fahrer im Auto unter der Brücke, die in Kirchohsen über die Pyrmonter Straße führt. Er hatte wahrscheinlich einen Herzinfarkt erlitten. Obwohl die Straße viel befahren ist, hielt niemand an. Erst Petra Horn reagierte auf das Winken des Mannes. Wie kommt es aber, dass so viel vorbeigefahren sind?

veröffentlicht am 22.02.2019 um 13:24 Uhr
aktualisiert am 22.02.2019 um 15:42 Uhr

Ein Herzinfarkt ist eine lebensbedrohliche Situation, in der jede Minute zählt. Foto: pixabay
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Es ist Donnerstagmorgen, als Petra Horn auf ihrem Weg zur Arbeit auf das Auto am Straßenrand aufmerksam wird. Warnblinker an, steht der Wagen unter der Brücke, die in Emmern über die Pyrmonter Straße führt, aus dem Fenster der Fahrerseite winkt jemand. Petra Horn entscheidet sich, anzuhalten, trotz aller Gedanken, die ihr in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf schießen: „Nur jemand, der telefoniert? Mulmiges Gefühl, als Frau, habe ich mein Handy dabei…?. Der entscheidende Gedanke aber ist: „Vielleicht braucht jemand Hilfe.“

Sie liegt richtig. Sie geht zur Beifahrerseite, um nicht auf der Straße zu stehen und von einem vorbeifahrenden Auto erwischt zu werden. Hinter dem Steuer sitzt ein Mann, um die 70, erzählt sie, der offensichtlich Hilfe braucht. „Das Handy lag neben ihm auf dem Beifahrersitz, aber er war nicht in der Lage zu telefonieren.“ Er habe schlecht Luft gekriegt, sich ans Herz gefasst, erzählt Petra Horn, habe jedoch noch sprechen können. Sie ruft sofort den Notruf 112, der kommt kurze Zeit später. Bis dahin spricht Petra Horn mit dem Fahrer, um ihn zu beruhigen, und stellt ihm unter anderem diese Frage: „Wie lange stehen Sie denn schon hier?“ „Über eine halbe Stunde“, habe er geantwortet.

Eine halbe Stunde ohne Hilfe in einer bedrohlichen Situation. Petra Horn war fassungslos und ist es umso mehr, als sie erfährt, dass der Mann nicht überlebt hat.

Das Sana-Klinikum, in das er eingeliefert wird, hat den Fall der Polizei gemeldet. Immer dann, wenn der Verdacht aufkommt, dass es sich um eine Straftat handeln könne, würden Fälle selbstverständlich gemeldet, erklärt Damaris Bollmann. Ob eine Straftat vorliegt – unterlassene Hilfeleistung – , versucht zunächst die Polizei, in diesem Fall die Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont / Holzminden, einzuschätzen. Die Erörterungen seitens der Polizei lassen sich so zusammenfassen: So einfach ist es nicht.

Demnach spiele die subjektive Wahrnehmung eines Menschen, der vorbeifährt, eine Rolle. „Die Frage, die hier bei einer strafrechtlichen Prüfung gestellt werden muss, ist, ob beim Gegenüber aufgrund dieser Situation der Eindruck entstehen musste, dass der Mann Hilfe benötigte?“ Auch, wenn das bei einer Person (Petra Horn) offenkundig der Fall war, lasse sich nicht pauschal sagen, dass jemand anderes „dieses Winken zweifellos als Notsituation hätte deuten müssen“, sagt Polizeioberkommissarin Stephanie Heineking-Kutschera. In der Rechtsprechung würden diverse Situationen beschrieben, in denen aufgrund objektiver äußerer Umstände zwingend davon ausgegangen werden müsse, dass es sich um eine Notsituation handele. Dabei werde die allgemeine Lebenserfahrung bei der Deutung von Situationen als Maßstab angelegt.

Für Petra Horn war die Lage so deutlich, dass sie sich fragt: „Wie kann das sein, dass da niemand anhält?“ Zu einem Zeitpunkt, 7.30 Uhr, zu dem diese Strecke stark frequentiert ist. Eine mögliche Erklärung liefert sie gleich mit: „Oft halten Menschen ja am Straßenrand und machen den Warnblinker an, um dann zu telefonieren.“ Ob das zu einer falschen Wahrnehmung führt? Vielleicht. Doch ein Aktionstag der Polizei Northeim sorgte im November für Schlagzeilen, bei dem selbst bei einem leicht zu erkennenden (nachgestellten) Unfall von 200 Autos, die vorbeikamen, nur 25 angehalten hatten. „Es ist erschreckend, gleich die ersten 20 Autos sind einfach durchgefahren, ohne sich um den Unfall zu kümmern“, hatte damals der Einsatzleiter der Northeimer Polizei, Dirk Johanning gegenüber dem NDR gesagt.

Was laut Stephanie Heineking-Kutschera in diesem Fall nicht passieren wird: Dass die Polizei „gegen all die vorbeigefahrenen Fahrzeugführer ,gegen unbekannt‘ ermittelt“. Weil nicht festgestellt werden könne, wer alles vorbeigefahren ist. Eine Anzeige könne aber grundsätzlich erstattet werden, wenn ein Ermittlungsansatz vorliege. Das heißt: Wenn Petra Horn zum Beispiel Fahrzeugtyp oder Kennzeichen eines vorausfahrenden oder entgegenkommenden Fahrzeugs nennen könnte. Dafür hatte sie keinen Blick, sondern nur für den Mann, der Hilfe brauchte. Eine Frage treibt sie seit jenem Tag um: „Wenn vor mir jemand angehalten hätte – würde der Mann vielleicht jetzt noch leben?“




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