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Nachfrage von Klienten steigt in Schaumburg

Schulden in Schaumburg:Raus aus der Verzweiflung

LANDKREIS. Wenn wieder eine Rechnung im Briefkasten liegt, löst die bei einigen Menschen echte Schweißausbrüche und Angstzustände aus. Der Grund ist dann meistens folgender: Sie können die Rechnung nicht bezahlen, denn das Konto ist hoffnungslos im Minus. Krankheiten, Scheidungen oder Arbeitslosigkeiten sind die häufigsten Ursachen für Überschuldung. Wilhelm Leising und Christiane Beckmann von der Schuldnerberatung der Diakonie in Stadthagen kennen viele solcher Schicksale von Menschen, die verzweifelt in sein Büro kommen.

veröffentlicht am 21.12.2018 um 20:44 Uhr

Autor:

jennifer minke-beil
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Während es bundesweit etwa zehn Prozent überschuldete Personen gibt, sind es im Landkreis laut Leising 11,7 Prozent. Die Nachfrage der Klienten in der sozialen Schuldnerberatung sei zuletzt stetig gestiegen, berichtet er. In Schaumburg kamen vor vier Jahren noch 273 Menschen in die Beratung in Stadthagen. Im vergangenen Jahr waren es 334. „Wir beraten in erster Linie die Klienten, die beim Jobcenter oder dem Sozialamt angesiedelt sind, also Sozialleistungen beziehen“, sagt Leising. Dabei handelt es sich gerade einmal um acht Prozent der verschuldeten Menschen. „92 Prozent der Schuldner erreichen wir also gar nicht.“ Das liege daran, dass die Beratung über die Sozialhilfe abgerechnet werden kann. Auch die Diakonie müsse sich finanzieren.

Auffällig ist, dass von den 334 verschuldeten Menschen mehr Frauen (188) als Männer (148) betroffen sind. Ursache dafür sind vor allem Trennung und Scheidung sowie die fehlende berufliche Perspektive, weil Kinder betreut werden müssen. Aber auch Männer können natürlich in einen finanziellen Teufelskreis geraten. So hatte die Beratungsstelle mit einem Schuldner zu tun, der vor vielen Jahren einen Autounfall hatte, der sein Leben auf den Kopf stellte. Wegen körperlicher Einschränkungen, die nach dem Unfall auftraten, verlor er seine Arbeit. Finanzielle Probleme folgten schnell, denn die Raten für Eigenheim und Auto konnte er nicht mehr bezahlen. Irgendwann sei alles zusammengebrochen. Die Experten in der Schuldnerberatung versuchen in einer solchen Situation nicht nur den Schuldenberg mit den Klienten zu bewältigen, sondern auch das Lebensgefühl der Menschen wieder zu verbessern. Ausgrenzung und Stigmatisierung gehören in dieser Lebensphase oft dazu. In den Teufelskreislauf gesellen oft auch noch überhöhte Inkassokosten. Leising und seine Kollegen versuchen, die Schuldner vor unseriösen Geschäftspraktiken zu schützen. Der Druck, der von diesen Unternehmen ausgeübt werde, erhöhe die Belastung vor allem im psychischen Bereich.

Auch alte Menschen kommen immer häufiger nicht mit ihrer Rente über die Runden. „Altersarmut wird uns in den kommenden Jahren noch stärker beschäftigen“, ist sich der Stadthäger Berater sicher. Schon jetzt nehmen die Menschen über 60 Jahre einen größeren Teil bei der Beratung ein als noch vor einigen Jahren. Diese Entwicklung ist seiner Ansicht nach erst am Anfang. Leising macht in diesem Zusammenhang auf die gestiegenen Mieten im Landkreis aufmerksam – auch wenn sie im Gegensatz zu den Großstädten noch moderat erscheinen. „Die Miete frisst einen Großteil der Rente oder eines kleinen Gehaltes auf“, erläutert er. Im Landkreis sei noch ein weiteres Problem dominierend, stellt er immer wieder fest: die Mobilität. Menschen, die in den kleinen Dörfern wohnen, und sich kein Auto leisten können, müssten sich stark einschränken. Da auch Busfahrten die Haushaltskasse stark belasten, sei es schwierig, in die nächstgrößeren Städte zu gelangen.

Ein weiteres Phänomen, das er in den Beratungsgesprächen feststellt, ist der fehlende soziale Halt bei vielen Menschen. „Die Unterstützung von Familie, Freunden oder Nachbarn fehlt leider sehr oft.“

Bei der jüngeren Generation sind vor allem überteuerte Telefonverträge und Mobiltelefone die Gründe für eine Überschuldung berichtet Leising. „Jugendliche und junge Erwachsene definieren sich stärker über Konsum.“ Damit werde ihnen soziale Teilhabe und auch ein gewisser Status suggeriert – den sie sich allerdings eigentlich nicht leisten können.

Leising ist seit 22 Jahren in der Schuldnerberatung aktiv und hat zahlreiche erschreckende Schicksale gesehen. „Das ist manchmal super hart“, sagt der Mitarbeiter der Diakonie. Gerade habe ihn eine Frau mit schweren Depressionen aufgesucht. Schnelles Handeln sei nötig gewesen. „Da sind wir bei der Diakonie natürlich gut aufgestellt“, so Leising. Schließlich gebe es diverse Beratungsstellen an die er verweisen beziehungsweise zurate ziehen könne. Auch wenn er selbst nur selten eine Rückmeldung seiner Klienten bekomme, habe er in vielen Fällen das Gefühl, dass er als Motivator auftreten könne und es bei den Menschen im Anschluss bergauf gehe. Er könne mit seiner Beratung für einen Neustart und eine Perspektive sorgen.




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