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Psychologin im Gespräch

Stadthäger Lehrer in U-Haft: "Das Vertrauen ist erschüttert"

Einem Lehrer aus Stadthagen wird Kindesmissbrauch vorgeworfen. Aktuell kümmern sich Schulpsychologen um Betroffene an der Schule. Eine von ihnen, Gertrud Plasse, hat mit unserer Zeitung über ihre Arbeit gesprochen - und dabei erklärt, wie Eltern in dieser schweren Situation auf ihre Kinder zugehen können.

veröffentlicht am 07.06.2019 um 17:37 Uhr

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STADTHAGEN. Ein Lehrer einer weiterführenden Schule soll seinen zum Tatzeitpunkt zweijährigen Sohn missbraucht haben. Außerdem stellten Polizisten in dem Haus des 36-Jährigen große Mengen kinderpornografischen Materials sicher. Der Pädagoge sitzt in Untersuchungshaft. Diese Nachrichten versetzten die Schule in Ausnahmezustand. Um Schüler wie auch Lehrer zu betreuen, hat die Landesschulbehörde mehrere Psychologen nach Stadthagen entsandt. Wie sprachen mit Gertrud Plasse, Schulpsychologin und Leiterin des Dezernates Schulpsychologie in Hannover, wie sie die Betroffenen vor Ort betreut.

Was ist für Sie im Umgang mit den Schülern und Lehrern nun zu beachten?

Wir vom Team Notfallpsychologie der niedersächsischen Landesschulbehörde arbeiten so, dass wir im akuten Fall als Schulpsychologen vor Ort eine offene Sprechstunde für die Schüler sowie Lehrkräfte anbieten, um die Reaktionen auf die Nachricht zu besprechen und verarbeiten zu können. Dabei werden auch Schulleitung und Lehrkräfte beraten, um dem gesamten System Schule zu helfen, eine schnelle Rückkehr in den schulischen Alltag zu ermöglichen.

Zusätzlich bieten wir zum Thema Sexuelle Grenzverletzungen und den Umgang im schulischen Kontext Fortbildungen für Beratungslehrkräfte, Schulsozialarbeit und Schulleitungen an und unterstützen die Schulen beim Aufbau schulinterner Krisenteams.

Die Schulpsychologie unterstützt die Schulen auch bei der Erstellung von Schutzkonzepten mit Ansprechpersonen, an die man sich wenden kann, wenn einem etwas Unangenehmes passiert ist. Eine Vertrauensperson innerhalb der Schule ist wichtig, die für die Kinder und Lehrkräfte zur Verfügung steht, die darüber sprechen wollen. Schulpsychologie und Anlaufstelle im Kultusministerium unterstützen die Schulen bei der Entwicklung eines solchen Schutzkonzeptes.

Wie reagieren Betroffene auf so eine Nachricht im direkten Umfeld?

Die Thematik löst immer eine große Betroffenheit aus, es kann unterschiedliche Reaktionen geben: Verunsicherung, Ärger, Unglaube. Auch Erinnerungen an eigene Erlebnisse, die nicht im direkten Zusammenhang mit diesem Vorfall stehen, können auftauchen.

Wo besteht der Unterschied in der Zusammenarbeit mit Erwachsenen und Kindern?

Während bei den Erwachsenen eher Sorgen um Schüler oder eigene Kinder im Vordergrund stehen, und es um die Frage geht, wie man diesen helfen kann, ist bei den Kindern und Jugendlichen eher das eigene Wohlergehen im Vordergrund und die Frage, wo sich diese gegebenenfalls öffnen und hinwenden können.

Wie sehr sollten Lehrer künftig auf Gespräche über diesen Vorfall im Klassenzimmer eingehen?

Gesprächen zum Thema sexuelle Grenzverletzungen sollte Raum gegeben werden. Der Schutz der Kinder und Jugendlichen sollte dabei im Vordergrund stehen und die Möglichkeiten aufgezeigt werden, an wen man sich wenden kann. Gerüchten sollte entgegengewirkt werden und keine Vorverurteilungen bestimmter Personen stattfinden. Ein ständiger Abgleich mit gesicherten Fakten ist zu beachten.

Inwiefern ist das Bild des Lehrers als Vorbild der Schüler beschädigt worden?

Lehrkräfte gelten als Vertrauenspersonen für Schüler. Dieses ist erschüttert worden.

Besteht die Gefahr, dass die Schüler den Vorfall auch auf andere männliche Lehrer projizieren?

Das Vertrauen kann durch eine solche Nachricht leiden, es ist aber nicht davon auszugehen, dass alle Männer jetzt damit identifiziert werden. Um Unsicherheiten zu begegnen, sollte auf die Bedürfnisse der Schüler individuell eingegangen werden.

Wie sollten Eltern zu Hause das Gespräch mit ihren Kindern suchen?

Eltern sollten den Kindern Raum und Zeit geben, über Fragen zu sprechen und gegebenenfalls über eigene Erlebnisse zu berichten. Eltern sollten in den nächsten Tagen möglichst viel Zeit mit den Kindern verbringen, um mögliche Veränderungen der Stimmung besser wahrnehmen zu können. Man kann sein Kind auch durchaus direkt fragen, ob es Erfahrungen mit Übergriffen gemacht hat, diese Fragen sollten offen formuliert sein und nicht bedrängen.

Interview: Verena Gehring

2 In eigener Sache: Aus Gründen des Opferschutzes verzichtet unsere Redaktion bewusst darauf, alle im Fall bekannten Details zu veröffentlichen. Dies gilt vor allem für die persönlichen Lebensumstände der Familie des Beschuldigten, aber auch für Einzelheiten zur betroffenen Schule.




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