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Polizei betrachtet Trend skeptisch

Um 143 Prozent gestiegen: Kleiner Waffenschein boomt

LANDKREIS. Die Zahl der Kleinen Waffenscheine ist kreisweit in den vergangenen zwei Jahren geradezu explodiert. „Das ist ein dramatischer Anstieg“, kommentiert Kreissprecherin Anja Gewald, „offensichtlich geschuldet dem gefühlten großen Sicherheitsbedürfnis vieler Menschen.“

veröffentlicht am 17.01.2019 um 15:44 Uhr

Der Kleine Waffenschein erfreut sich in Schaumburg immer größerer Beliebtheit. FOTO: DPA

Autor:

Stefan Rothe
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LANDKREIS. Die Zahl der vom Ordnungsamt der Kreisverwaltung ausgegebenen Kleinen Waffenscheine ist kreisweit in den vergangenen zwei Jahren geradezu explodiert. Waren im Jahr 2016 noch 530 Schaumburger in Besitz dieser Erlaubnis, kletterte die Zahl 2018 auf 1290 – eine Steigerung um 143 Prozent binnen zwei Jahren. „Das ist ein dramatischer Anstieg“, kommentiert Kreissprecherin Anja Gewald, „offensichtlich geschuldet dem gefühlten großen Sicherheitsbedürfnis vieler Menschen.“

Der Kleine Waffenschein berechtigt zum Führen von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen. Eingesetzt werden dürfen diese freilich nur in Notwehrsituationen. Voraussetzungen zum Erwerb sind das Mindestalter von 18 Jahren und eine körperliche und geistige Eignung. Vorliegen darf weder eine Vorstrafe noch eine Drogen- oder Alkoholabhängigkeit. Bei entsprechenden Hinweisen anderer Behörden, etwa der Polizei, werden diese Kriterien laut Gewald vom Ordnungsamt überprüft.

Der starke Anstieg der Zahl der Kleinen Waffenscheine in Schaumburg spiegelt einen bundesweiten Trend wider. Nach Angaben des Innenministeriums waren Ende 2015 noch 286 000 Kleine Waffenscheine registriert, Ende 2018 seien es schon 611 000 gewesen.

Nach Einschätzung des Präventionsbeauftragten der Polzeiinspektion Nienburg/Schaumburg, Axel Bergmann, „spiegelt die objektive Sicherheitslage das subjektiv gestörte Sicherheitsempfinden nicht wider und rechtfertigt den Trend zu mehr solcher Waffen in keinem Fall“. Zwar habe es vor zwei, drei Jahren eine erhöhte Zahl an Wohnungsbeinbrüchen gegeben, laut Bergmann ein maßgebliches Kriterium für den Trend zu mehr Kleinen Waffenscheinen. Die Zahl der Einbrüche sei seitdem aber wieder erheblich abgesunken. Zum Trend beigetragen haben dürften freilich auch die spektakulären Silvesterübergriffe in Köln 2016.

Die Einstellung der hiesigen Polizei ist klar: „Wir begrüßen den Anstieg der Zahl Kleiner Waffenscheine nicht, diese Aufrüstung ist nicht in unserem Interesse.“ Die vielen Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen stellten „kein Plus an tatsächlicher Sicherheit“ dar. Es handele sich überwiegend um „eine rein vermeintliche Sicherheit“. Bei vielen Besitzern sei „die psychologische Hemmschwelle, die Waffe im Ernstfall auch tatsächlich einzusetzen, außerordentlich hoch“. Wenn jedermann solche Waffen mit sich führen dürfe, sei das kritisch zu sehen. „Man kann sich selbst und andere gefährden“, so Bergmann.

Nur leicht angestiegen ist hingegen im Landkreis die Zahl der ausgegebenen Waffenbesitzkarten. Waren dies 2014 noch 4854, war die Zahl im Jahr 2018 moderat auf 5040 geklettert – ein Plus von knapp vier Prozent. Die konstant relativ hohe Zahl ist nach Angaben von Gewald mit den vielen Schützenvereinen im Schaumburger Land zu erklären. Denn der Schießsport ist neben der Jagd ein maßgebliches Bedürfnis, mit dem man den Erwerb einer Waffenbesitzkarte rechtfertigen kann. Diese berechtigt zum Besitz von Schusswaffen, die allerdings nur bei klar definierten Zwecken zum Einsatz kommen dürfen – wie eben bei der Jagd oder beim Schießsport. Ansonsten darf man diese Waffen nicht bei sich führen, sie müssen zu Hause an einem sicheren Ort aufbewahrt werden.

Die Waffenbesitzkarte wird laut Gewald unbefristet ausgestellt. Nach drei Jahren werde freilich überprüft, ob das Bedürfnis, also etwa die Mitgliedschaft in einem Schützenverein oder der Besitz eines Jagdscheins, noch vorliegt. Eine Prüfung aus Altersgründen gebe es grundsätzlich nicht, teilt Gewald mit. Eine Waffenbesitzkarte dürfe nicht erhalten, wer keine Geschäftsfähigkeit hat, alkohol- oder drogenabhängig ist, psychisch erkrankt ist oder die erforderliche Sachkunde nicht hat.

Kaum eine Rolle spielen im Landkreis Waffenscheine, von diesen gab es 2018 nur sieben, eine seit Jahren gleichbleibende Zahl. Waffenscheine würden in der Praxis ausschließlich an Mitarbeiter von Sicherheits- und Werttransportfirmen vergeben, berichtet Gewald. Besitzer von Waffenscheinen dürfen ihre Schusswaffe ständig bei sich führen.




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