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Kreisforstamtsleiter Lothar Seidel

Unser Wald: chronisch krank

LANDKREIS. Der Wald, auch unser Schaumburger Wald, ist chronisch krank. Das sagt Kreisforstamtsleiter Lothar Seidel nach 20 Jahren Dienst im Schaumburger Forstamt. Der Wald ist laut ihm ein chronisch kranker Patient – durch sauren Regen, Feinstaub, Kohlenstoffdioxid. Ein Gespräch.

veröffentlicht am 16.01.2019 um 00:00 Uhr

Lothar Seidel ist mit seinem Hund Paco gerne im Wald unterwegs – auch privat. Foto: rg

Autor:

Jennifer Minke-Beil
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STADTHAGEN. Der Wald ist für Lothar Seidel nicht nur ein Fleck Erde, auf dem viele Bäume stehen und sich Leben tummelt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er dem Wald keinen Besuch abstattet – und das liegt nicht nur an seiner beruflichen Tätigkeit als Kreisforstamtsleiter in Schaumburg. Seidel, der heute sein 25-jähriges Dienstjubiläum im Öffentlichen Dienst feiert, fühlt sich mit der Natur verbunden, seitdem er denken kann.

Weil ihn die Natur schon als Kind fasziniert und gefesselt hat, sieht er seine Tätigkeit im Forstamt des Landkreises, die er seit 1999 ausübt, als absolut glückliche Fügung – vielleicht sogar als Berufung. „Mit Waldromantik hat das heute zwar nicht mehr viel zu tun, denn die Arbeit im Forstamt ist ein sehr moderner Beruf geworden, bei dem man vor allem am Schreibtisch sitzt“, erläutert der Reinser, der am Niederrhein auf dem elterlichen Hof aufwuchs. Dort ist auch die Affinität zur Natur geweckt worden, berichtet der 55-Jährige. Im Wald spüre er einerseits die Kraft der Natur, andererseits genieße er auch die stillen Momente dort. Seinen Beruf könne er jedoch selten – auch in seiner Freizeit nicht – ausblenden. „Mein erster Blick geht immer Richtung Baumkrone.“ Dort könne er ablesen, wie es um den Baum bestimmt ist.
Beziehung von
Natur und Mensch stärken

Seidels Ansporn in seiner heutigen Funktion ist es, den Wald für möglichst viele Menschen zu öffnen und die Beziehung von Natur und Mensch zu stärken und bewusst zu machen. Den Aspekt von Natur- beziehungsweise Umweltschutz möchte Seidel indes bewusst „vor der Haustür“ angehen und dort seinen Beitrag leisten. Auch vor Ort gebe es stets viel zu tun – etwa einen Wald für die Zukunft zu schaffen. Da das Klima immer ex-tremer wird, müsse der Wald widerstandsfähiger werden. Die Zukunftssicherung des Waldes für die kommenden Generationen sei deshalb ein wichtiger Faktor seiner Arbeit. „Der Wald darf nicht so angreifbar sein und muss es schaffen, sich aus eigener Kraft zu erholen und an die Umgebung angepasst zu sein.“ Das schaffe man beispielsweise, indem man auf viele unterschiedliche Baumarten setze – „ein vielfältiges Mosaik“ sagt Seidel dazu.

Als 2007 der Orkan „Kyrill“ über die Schaumburger Wälder hinwegzog und viele Bäume wie Streichhölzer umknickten, „hat das schon wehgetan“, sagt der Kreisforstamtsleiter. „Die Försterseele hat in dem Moment schon sehr gelitten.“ Und auch der Orkan „Friederike“ vor einem Jahr habe letztlich viel Schaden angerichtet. Auch wenn die Zerstörung zunächst nicht so dramatisch wirkte, seien die Schäden insbesondere in den Monaten danach sichtbar geworden. Negativ reingespielt hätten laut Seidel beispielsweise der Befall zahlreicher Bäume mit dem Borkenkäfer und der sehr trockene und heiße Sommer.

Für Seidel ist der Wald nicht nur eine schöne Kulisse, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. „Der Rohstoff Holz muss ja irgendwo herkommen.“ Auch hier findet er es sinnvoll, wenn das Holz in heimischen Gefilden gewonnen wird. Man gehe mit dem Produkt dann auch demütiger um, ist er sich sicher. Man müsse stets die richtige Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und der Umwelt herstellen.
Zur richtigen Zeit
am richtigen Ort

Als er nach dem Abitur den Niederrhein verließ, um in Göttingen Forstwissenschaft zu studieren, war sein beruflicher Weg noch mit einem großen Fragezeichen versehen. Während sich seine ehemaligen Mitschüler noch gut erinnern könnten, dass Seidel schon als Zehnjähriger geäußert hat, Förster werden zu wollen, war er als junger Mann aber zunächst unentschlossen. „Ich habe mich für so viele Themenbereiche interessiert.“

Doch dann habe sich beruflich vieles gefügt, denn er sei häufig zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. „Es macht mich stolz, diesen ökologischen Schatz hier in Schaumburg gemeinsam mit meinen Kollegen mitzuleiten.“

Nach 20 Jahren im Schaumburger Forstamt vergleicht der 55-Jährige den Wald mit einem chronisch kranken Patienten: Saurer Regen, Feinstaub – das Ökosystem Wald war und ist mit Schadstoffen konfrontiert und macht ihn eben auch krank. Ulmen, Eschen, Fichten, Rosskastanien und die anderen zahlreichen heimischen Baumarten: Um diese Patienten in den Schaumburger Wäldern möchte er sich auch in den nächsten Jahren noch intensiv kümmern. Es gebe mit Blick auf die Veränderungen des Klimas viel zu tun. „Ich fühle mich mittendrin in meiner Arbeit, ein Ende ist zum Glück noch überhaupt nicht in Sicht“, sagt er fröhlich.




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