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Selbstständige werden vom selbsternannten „Marktführer“ geködert

Unverschämte Abzocke mit Anzeigen auf dubiosen „Erste-Hilfe-Tafeln“

Barsinghausen (cek). Ergotherapeut Dominik Linne ist sich ziemlich sicher: Er und mindestens fünf weitere Selbstständige aus Barsinghausen sind Betrügern aufgesessen. Sie haben bei der Firma H.J. Jäger GmbH Anzeigen auf einer Erste-Hilfe-Tafel gebucht, die an alle Haushalte verteilt werden sollte. Vermutlich hat bisher aber kein einziger Haushalt eine solche Notrufnummernliste erhalten.

veröffentlicht am 25.02.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 13:42 Uhr

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Vor einem Jahr meldete sich eine Mitarbeiterin der Werbefirma aus Remagen telefonisch bei Linne und erklärte ihm die angeblichen Sonderkonditionen. Man suche für die Anzeigen auf der Telefonliste noch einen Therapeuten und sehe in ihm einen wertigen Partner. Sie bat um ein kurzfristiges Gespräch in der Praxis, in der sie kurz darauf erschien und den Vertrag mit drei Jahren Dauer unterschrieb.

„Ich hielt das für eine gute Werbemöglichkeit“, sagt der Ergotherapeut, „man hängt sich die Notrufnummern ans Telefon und hat meine Praxis immer im Blick“.

Die Anzeigenfirma selbst bezeichnet sich im Internet als Marktführer und gibt an, ein Familienbetrieb mit 45 Mitarbeitern zu sein. Mit packenden Slogans (Leben retten!) wird potenziellen Kunden das Produkt schmackhaft gemacht.

Vor wenigen Tagen erhielt Linne eine weitere Rechnung und wurde stutzig. Er sollte noch mal fast 230 Euro zahlen für das zweite Jahr. Im Verkaufsgespräch sei keine Rede von jährlichen Zahlungen gewesen, die auch noch beliebig steigerbar seien. Das aber besagt der unterschriebene Vertrag tatsächlich im Kleingedruckten.

Im Beisein unserer Zeitung sprach Dominik Linne mit der Anzeigenfirma. Am Telefon erfuhr er: Die Tafeln seien per Post verschickt worden an Personen, die mit vollem Namen und Straßenangabe im öffentlichen Fernmeldeverzeichnis eingetragen seien. Im ersten Jahr habe man die ersten 1000 Einträge beliefert, bis zum Anfangsbuchstaben H.

Stichproben ergaben allerdings, dass die Erste-Hilfe-Tafel in den Haushalten nicht angekommen ist. Anzeigenkundin Frédérique Stroh, Oecotrophologin aus Barsinghausen, hat sich ebenfalls über die zweite Rechnung gewundert und dass die Auflage nur 1000 Exemplare pro Jahr beträgt. Im Verkaufsgespräch sei ihr eine Auflage von 10 000 Stück genannt worden, für Stroh ein guter Kosten-Nutzen-Faktor. Sie ließ sich letztlich vom Argument überzeugen, dass die Stadt Barsinghausen die Tafeln zur Hälfte mitfinanzieren würde.

„Das ist schlicht falsch“, kommentiert Sprecherin Andrea Filipiak. In einer Pressemitteilung der Stadt vom 2. Februar dieses Jahres heißt es: „Aus gegebenem Anlass weist die Stadtverwaltung darauf hin, dass für die Erstellung städtischer Broschüren ausschließlich die anCos Verlag GmbH beauftragt wird. Gleiches gilt für das Graphische Institut Eckmann, mit dem die Verwaltung bei der Erstellung von Stadtplänen zusammenarbeitet. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beiden Verlage können sich bei der Anzeigenakquise stets durch ein vom Bürgermeister der Stadt Barsinghausen unterschriebenes Empfehlungsschreiben (im Original) legitimieren. Da Frédérique Stroh stets gewissenhaft bei Vertragsschlüssen sei, hege sie inzwischen sogar Zweifel, ob Deckblatt und Durchschlag des Vertrags identische Inhalte hätten. „Auf eine vergleichsweise so teure Anzeige hätte ich mich sonst nicht eingelassen“, sagt die Ernährungsberaterin, die mit der gleichen Masche wie Dominik Linne geködert wurde.

Nach Kenntnis der Redaktion wurden in diesen Tagen weitere Selbstständige in der Deisterstadt angeschrieben, auf den Erste-Hilfe-Tafeln Werbung zu buchen. Das sollten diese tunlichst lassen.

Dominik Linne erhält am Telefon von der H. J. Jäger GmbH aus Remagen keine zufriedenstellenden Informationen.

Für seine Unterlagen hat der Ergotherapeut ein Belegexemplar der Erste-Hilfe-Tafel erhalten, an die Haushalte in Barsinghausen wurden sie aber scheinbar nicht verteilt.

Foto: cek




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