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200 Frauen fielen in Stadthagen der Hexenverfolgung zum Opfer

Verraten, gequält, verbrannt

STADTHAGEN. Nicht das finstere Mittelalter, sondern die Frühe Neuzeit war die Epoche der Hexenverfolgung und der Scheiterhaufen in Stadthagen. Auch war es nicht die katholische Inquisition, sondern die weltliche Gerichtsbarkeit, der zumindest 30 aktenkundige, wahrscheinlich aber insgesamt 200 Frauen zwischen 1560 und 1690 zum Opfer fielen. Wie viele bei den Hexenproben im Wasser ertranken oder sich in Gefangenschaft das Leben nahmen, ist nicht bekannt.

veröffentlicht am 14.12.2018 um 18:06 Uhr

An der heutigen Kreuzung von Lauenhäger und Vornhäger Straße fanden die angeblichen Hexen ihr Ende auf dem Scheiterhaufen. rg

Autor:

gerrit brandtmann
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STADTHAGEN. Dokumente aus dem Stadtarchiv und auch Gästeführer wie Heinrich Stüber geben noch heute Aufschluss über das dunkle Kapitel der Stadtgeschichte. War eine Stadthägerin erst einmal ins Visier der Hexenjäger geraten, drohten ihr beim Verhör im Schloss eine Reihe von Grausamkeiten. Indizien ihres Paktes mit dem Teufel sollten entlarvt, ein direktes Geständnis erzwungen oder Mitverschwörer enttarnt werden.

Zum Beispiel mit glühenden Pflugscharen oder kochendem Wasser wurden die Frauen an Händen oder Füßen verletzt. Waren die Wunden nach drei Tagen eitrig, galt das als Hinweis auf ihre Schuld. Verurteilung und Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen vor der Stadtmauer, wo sich heute Vornhäger und Lauenhäger Straße kreuzen, waren aber erst nach einem Geständnis rechtmäßig.

Grundlage der Prozesse bildete die unter Graf Ernst zu Holstein-Schaumburg erlassene Schaumburger Kirchenordnung von 1615. Diese enthielt genaue Verhör- und Folterverordnungen der Juristischen Fakultät der Universität Rinteln. 1630 kam ein Professor Hermann Goehausen aus dem katholischen Teil Westfalens ins protestantische Schaumburg und brachte von dort einige Inquisitions-Erfahrung mit. Damit verschärfte sich die Hexenverfolgung im Vergleich zu anderen Teilen Norddeutschlands weiter.

Religiöser Eifer oder die Angst vor dunklen Mächten waren tatsächlich nicht die treibenden Kräfte. Viel mehr waren die Prozesse ein einträgliches Geschäftsmodell. Wurde die Angeklagte schuldig gesprochen, ging ein Drittel ihres Vermögens, zumindest jedoch zwei Gulden, an den Denunzianten. Den Rest konnten Stadt und Kirche einstreichen. Auch der Henker machte nur beim Schuldspruch Kasse. „Bei den Frauen, die der Hexerei beschuldigt wurden, gab es auch etwas zu holen“, sagt Gästeführer Stüber.

Einige der Prozesse sind detailliert überliefert: 1604 führte der Nachbarschaftsstreit um ein paar Hühnereier im falschen Nest dazu, dass sich zwei Frauen von der Obern-straße gegenseitig als Hexen denunzierten. Die beiden Frauen Stolze und Entzelmann landeten im Stadtgefängnis, am heutigen Standort der Commerzbank. Peter Entzelmann und seine Frau beantragten die Wasserprobe, um ihre Unschuld zu beweisen. Am 7. Juli um 6 Uhr morgens versammelte sich die neugierige Stadtbevölkerung an der Niedernmühle um zu sehen, ob die gefesselte Entzelmann im Wasser der Hülse versinken oder oben schwimmen würde. Beim ersten Versuch untergegangen, wiederholten die Folterknechte die Prozedur, und der Körper der Frau kam von selbst wieder an die Oberfläche – sie galt weiterhin als verdächtig. Nun wollte Peter Entzelmann, dass auch Scholze der Wasserprobe unterzogen wird. Weil diese aber nur von der Beschuldigten selbst beantragt werden konnte, blieb die zweite Prüfung aus. Keine der beiden Frauen wurde freigesprochen, beide endeten auf dem Scheiterhaufen vor der Stadtmauer.

In einem anderen Fall von der Obernstraße wurde Elisabeth von Nelen beschuldigt, die an der Adresse des heutigen Fischhaus Blanke lebte. Obwohl schon hoch betagt, wurde die Mitbegründerin des Hauses als Hexe verurteilt, weil einer ihrer Enkel mit einem Buckel zu Welt gekommen sei. Greteke Buntenrock wurde dagegen von einem Pächter angeschwärzt, der seine Pacht nicht mehr bezahlen konnte. Unter der Folter gestand Buntenrock den Beischlaf mit dem Teufel.

Einem Schuldspruch zu entgehen war kaum möglich. Sogar die Frauen, die während der Wasserprobe ertranken und somit eigentlich als unschuldig galten, wurde ein christliches Begräbnis verwehrt. „Mann hat ihre Leichen außerhalb der Stadtmauern verscharrt“, erklärt der Städteführer.

Überliefert ist nur der Freispruch einer Frau Schenke von der Schulstraße. Die gut situierte Dame wurde 1598 eines Giftzaubers verdächtigt. Wegen ihrer gehobenen Stellung konnte sie aber auf die Fürsprache des gräflichen Kanzlers Anton von Wietersheim setzen. Damit der Kelch an ihr vorübergeht, lieferte sie schließlich ihre Magd ans Messer, die ihr Ende auf dem Scheiterhaufen fand.




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