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Mittäter kommt mit Bewährungsstrafe davon

Vier Jahre Gefängnis für Messerattacke

HAMELN/HANNOVER. Im Prozess um die beinahe tödliche Messer-Attacke in einem Imbiss an der Bahnhofstraße in Hameln hat die 13. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover am Mittwochnachmittag die Urteile gesprochen:

veröffentlicht am 15.05.2019 um 17:54 Uhr

Im Schwurgerichtssaal - Opfer Jürgen M. (Name geändert) spricht kurz vor der Urteilsverkündung mit seinem Anwalt Roman von Alvensleben. Foto: ube
Ulrich Behmann

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Ulrich Behmann Chefreporter zur Autorenseite
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HAMELN/HANNOVER. Im Prozess um die beinahe tödliche Messer-Attacke in einem Imbiss an der Bahnhofstraße in Hameln hat die 13. Große Strafkammer des Landgerichts Hannover am Mittwochnachmittag die Urteile gesprochen – im Namen des Volkes, wie der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch sagte. Messerstecher Furkan Y. (22) muss vier Jahre ins Gefängnis – wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Gastwirt Shpetim I. (26) kam weitaus glimpflicher davon – das Schwurgericht verurteilte ihn lediglich wegen einer gemeinschaftlich begangenen gefährlichen Körperverletzung (Faustschläge und Fußtritte) zu neun Monaten Haft – allerdings ausgesetzt auf vier Jahre zur Bewährung. Dabei stand der Mann unter laufender Bewährung, als er das Opfer aus seinem Lokal herausprügeln wollte. Immerhin: Der Wirt hat bereits drei Monate in Untersuchungshaft gesessen.

Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft Hannover sowohl Furkan Y. als auch Shpetim I. wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Während der Beweisaufnahme hatte sich dann herausgestellt, dass dem „Bewährungsversager“ (O-Ton Richter Wolfgang Rosenbusch) Sheptim I. ein Tötungsvorsatz nicht nachzuweisen ist. Ob er die Stichverletzungen bemerkt oder die Messerhiebe gesehen hat, könne nicht mit Gewissheit gesagt werden, hatte schon die Erste Staatsanwältin Friederike Reimer in ihrem Plädoyer festgestellt. Der Vorsitzende Richter ermahnte Sheptim I. nicht gegen die Bewährungsauflagen zu verstoßen oder erneut straffällig zu werden. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie dann noch einmal eine Bewährungsstrafe bekommen werden“, sagte Rosenbusch.

Das Verbrechen hatte sich am frühen Morgen des 3. November gegen 0.30 Uhr zugetragen. Der Hamelner Jürgen M. (Name geändert) war zu später Stunde an dem kleinen Lokal vorbeigekommen. Er hatte Hunger. Die Tür war nicht verschlossen. Der 43-Jährige ging hinein, setzte sich zu zwei Frauen an einen Tisch. Dass er in eine geschlossene Gesellschaft hineingeplatzt war – in dem Imbiss fand gerade eine Geburtstagsfeier statt – dürfte er nicht gewusst haben. Als Jürgen M. vom Wirt aufgefordert wurde, zu gehen, blieb er einfach sitzen. Er war zu diesem Zeitpunkt alkoholisiert, aber nicht aggressiv, allerdings wollte er den Imbiss nicht verlassen.

Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Sheptim I. den ungebetenen Gast zunächst ein- bis zweimal mit der Faust ins Gesicht schlug. Dann soll sich Furkan Y. eingemischt haben. Der 22-Jährige griff den Hamelner an, stach dreimal mit einem Messer zu. Die Klinge drang tief in den Körper ein, verletzte Leber und Zwerchfell. Jürgen M. schwebte in akuter Lebensgefahr, als er sich blutüberströmt zur Vizelinstraße schleppte und in einem Altenheim um Hilfe bat.

„Wäre mein Mandant in irgendeiner dunklen Ecke zusammengebrochen, hätte er die Stichverletzungen nicht überlebt“, sagt Opfer-Anwalt Roman von Alvensleben. Das hat Gerichtsmediziner Dr. Detlef Günther bestätigt. Aus der Sicht des Nebenkläger-Vertreters ist es unglaublich, dass das Opfer nach der Tat einfach sich selbst überlassen wurde.

Der Vorsitzende Richter Rosenbusch sagte in seiner Urteilsbegründung, aus nicht nachvollziehbaren Gründen habe Furkan Y. bei dem Streit „mitmischen“ müssen. „Dabei gab es nicht einmal die Idee eines Grundes für das, was Sie getan haben.“ Die Täter waren nach Überzeugung des Gerichts zur Tatzeit „voll schuld- und steuerungsfähig“. „Die Angaben zu ihrem Alkoholkonsum waren völlig überzogen“, meinen die Richter.

Das Schwurgericht hob die bestehenden Haftbefehle gegen die Angeklagten auf. Das bedeutet: Sowohl Furkan Y. als auch Sheptim I. (er befand sich zuletzt bereits wieder auf freiem Fuß) konnten den Gerichtssaal verlassen - als freie Männer. Sheptim I. wird wohl in seinen Imbiss zurückkehren, Furkan Y. in ein paar Wochen eine Ladung zum Strafantritt im Briefkasten haben. Richter Rosenbusch riet dem 22-Jährigen, pünktlich in der Justizvollzugsanstalt zu erscheinen. So etwas wirkt sich immer positiv auf die Haftdauer aus.

Furkan Y. soll sich vorgenommen haben, etwas aus seinem Leben zu machen. Er hat bereits einen Realschulabschluss, will nun sein Fachabitur machen und danach studieren. Die beiden Männer haben auf Rechtsmittel verzichtet. Die Urteile sind damit rechtskräftig.




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