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Vinschgau: Im Konflikt zwischen Tourismus und agrar-industriellem Obstanbau

Vinschgau: Der Preis des perfekten Apfels

Der „Golden Delicious“, der Apfel, der bei uns knackig in Supermärkten in den Obstregalen liegt und sich prächtig zu Strudeln und Kompott verarbeiten lässt, kommt aus dem Vinschgau in Südtirol. Das Tal vom Reschenpass bis Meran ist eine einzige große Obstplantage. Links und rechts ragen Berggipfel auf, auf vielen liegt bis Mai noch Schnee. Das macht sich gut in Hochglanzprospekten. Kaum jemand der in einen perfekten Apfel beißt, kaum ein Tourist, der in den Vinschgau fährt, macht sich klar, was Obstanbau im agrar-industriellen Stil bedeutet. Bis man verblüfft zwischen Apfelbaumreihen im Pestizidnebel steht.

veröffentlicht am 13.06.2019 um 13:10 Uhr
aktualisiert am 13.06.2019 um 16:30 Uhr

Im Pestizidnebel: Die Obstbauern sagen, ohne Chemie keine preiswerten knackigen Äpfel für den deutschen Markt. Fotos: wm
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Autor

Hans Weimann Reporter
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Der „Golden Delicious“, der Apfel, der bei uns knackig in Supermärkten in den Obstregalen liegt und sich prächtig zu Strudeln und Kompott verarbeiten lässt, kommt aus dem Vinschgau in Südtirol. Das Tal vom Reschenpass bis Meran ist eine einzige große Obstplantage. Links und rechts ragen Berggipfel auf, auf vielen liegt bis Mai noch Schnee. Das macht sich gut in Hochglanzprospekten. Kaum jemand, der in einen perfekten Apfel beißt, kaum ein Tourist, der in den Vinschgau fährt, macht sich klar, was Obstanbau im agrar-industriellen Stil bedeutet. Bis man verblüfft zwischen Apfelbaumreihen im Pestizidnebel steht.

Am Anfang stand eine Idee: Wandern in den Alpen mit der Jack-Russel-Hündin „Momo“, am besten auf der Alpensüdseite. Hier gibt es ein ausgedehntes Wanderwegenetz und auf 1400 Metern Höhe den berühmten„Meraner Höhenweg“. Davon zweigen Bergpfade zu Gipfeln bis auf 3000 Metern Höhe ab.

Eine Unterkunft sollte es sein, in dem Hunde nicht nur geduldet werden, sondern willkommen sind. Die Wahl fiel auf ein Hotel in Schlanders, das um vierbeinige Gäste wirbt, die auf der Homepage mit „Fellnasen“ begrüßt werden. Angeboten werden hier „Dogsitting“, geführte Wanderungen mit Hund, sogar einen „Hundeflüsterer“ kann man buchen.

Wer baut ein Hotel

2 Bilder
Im Vinschgau reichen die Apfelplantagen bis zu den Berghängen.

direkt an ein

Industriegebiet?

Wer sich vor der Reise nicht bei Google Maps informiert hat, am besten in der Satelliteneinstellung, hält die Adresse vor Ort für einen schlechten Scherz. Das „Wander- und Bikerhotel“ liegt am Rand eines Industriegebietes, in dem Bewässerungsanlagen für Obstplantagen, Tiroler Speck und Baumaterialen hergestellt oder vertrieben werden.

Naheliegende Frage: Wer baut ein Hotel an den Rand eines Industriegebietes? Niemand. Und die Hotelchefin zeigt dem verdutzten Gast Fotos: Bis in die 70er-Jahre lag das Hotel in Alleinlage mitten im Grünen mit einem grandiosen Ausblick von den Balkons auf das Alpenpanorama.

Die Gewerbebetriebe wurden später gebaut, weil man in Südtirol Arbeitsplätze außerhalb der Gastronomie schaffen wollte. „Wir konnten es nicht verhindern“, bedauert die Hotelchefin. Auch nicht, dass die Obstplantagen bis auf Steinwurfweite herangerückt sind.

Am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück eine „Gassi-Runde“ mit anderen „Herrchen“, „Frauchen“ und Vierbeinern aus dem Hotel – logisch, die Wauwaus müssen mal. Links rauscht die Etsch, rechts nebelt ein Trecker mit Sprühdüsen großzügig eine Obstplantage ein. Den Weg inklusive. Die Chemiedusche riecht nach dem, was sie ist: Pestizid. Die Touristen zücken Handys und Kameras. Der Obstbauer steigt vom Trecker, will wissen, warum er fotografiert worden sei.

Es entwickelt sich ein Dialog, in dem der Landwirt seine Sicht der Dinge schildert. Vor allem, was seine Äpfel bedroht, wenn er sie nicht spritzt. Es ist eine wahre Invasion von Schädlingen wie Rote Spinne, Birnblattsauger, Miniermotten, Mehltau, um nur einige zu nennen.

Der Landwirt kann die Aufregung um Pestizide und Glyphosat nicht verstehen, erzählt, gespritzt habe man schon immer. Früher viel schlimmere Mittel. Er habe als Junge seinem Vater bei der Arbeit in den Plantagen geholfen und erfreue sich trotzdem noch heute bester Gesundheit.

Wo also sei das Problem? Alles sei doch nur eine Frage der Dosierung. Außerdem müssten auch Biobauern spritzen, weil man manchen Schädlingsbefall erst nach Wochen erkennen könne. Und dann sei der ganze Baum kaputt, bald die Plantage, bald alle Bäume im Tal. Und „ohne Bäume keine Äpfel bei ihnen zu Hause im Supermarkt“. So einfach sei das. Sagt der Landwirt, steigt auf und stellt seine Nebelmaschine wieder an.

Im Vinschgau kann man wie durch ein Brennglas die Konfliktlinien besichtigen, die sich bei der Landnutzung in vielen Regionen (auch bei uns) abzeichnen. Durch das Tal staut sich der Verkehr in den Ortsdurchfahrten vom Reschenpass bis Meran. Daneben die Bahnlinie und die kanalisierte Etsch mit dem Radweg „via claudia augusta“, der bis zum Gardasee führt. Zwischen den steil aufragenden Bergen drängen sich Städte, Industriegebiete, Gastronomie und Obstplantagen.

Bis auf den letzten

Quadratmeter

ökonomisiert

Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner, der in einem Nachbartal wohnt, hat längst Alarm geschlagen: Der Alpenraum sei bis auf den letzten Quadratmeter ökonomisiert.

Es ist ein Kampf, der inzwischen auch in den Medien in Südtirol ausgefochten wird. Bewohner in Mals rebellierten erstmals im Jahr 2014 gegen den agrar-industriellen Komplex und beklagten, im Tal gebe es eine „Wind-Lotterie“. Der Wind verteile die auf den Plantagen versprühte Chemie großzügig über dem ganzen Vinschgau. Auch auf Biobetriebe, auf Gärten, auf touristische Einrichtungen.

Eine Studie des Münchener Umweltinstitutes im März dieses Jahres hat das mit Zahlen belegt. Die Umweltschützer hatten von Februar bis August 2018 an verschiedenen Stellen gemessen und entdeckten 29 Pestizid-Wirkstoffe, darunter das Antipilzmittel Captan und Insektizid Thiacloprid. Beides wird als „gesundheitsgefährdend eingestuft“. Doch am gefährlichsten sei nicht der einzelne Wirkstoff, schrieben die Wissenschaftler in ihr Gutachten, sondern der „Pestizidmix“. Eine Dauerbelastung von März bis Ende August, die es laut der Zulassungsberichte der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (Efsa) gar nicht geben dürfte. Die Presse titelte: „Gift im Urlaubsparadies“.

Ein Bio-Landwirt schrieb im Internet: „Wo bleibt die Südtiroler Politik? Sie steht hinter den Giftlern und schaut weg.“

Der Wanderer, der eine Woche im Vinschgau bleibt, kann, wenn er will, all das ausblenden und mit Gondelbahnen aus dem Chemienebel auf 1400 Meter Höhe flüchten auf die umliegenden Gipfel. Oder kostenlos mit dem Zug (dank Vinschgau-Card) nach Bozen oder Meran fahren. Dort unter Arkaden shoppen und auf dem „Sissi-Weg“ Zeiten nachträumen, in denen angeblich alles besser war.

Das Hunde-Hotel? Das hat alle Erwartung an ein perfekt geführtes Hotel erfüllt. Jeden Abend zauberte der Koch ein Fünf-Gänge-Menü. Zeitweise waren 15 Vierbeiner mit im Speisesaal, die nach einem stürmischen Begrüßungsgebell brav zu Füßen ihrer tafelnden „Herrchen“ und „Frauchen“ warteten, bis der letzte Löffel Mousse gegessen, das Glas Wein ausgetrunken war. Die perfekte Hundesozialisation.

Zwölf Zimmer des Hotelkomplexes sind für Herrchen, Frauchen plus Wauwau reserviert, macht rund 30 Prozent des Umsatzes, verriet der Hotelchef, in Südtirol auch ein einflussreicher Politiker, führend im Südtiroler Wirtschaftsring, im Hoteliers- und Gastwirteverband.

Er kennt das Problem mit dem Pestizideinsatz und die Schlagzeilen und sagt, selbstverständlich wäre ein pestizdfreies Vinschgau wünschenswert. Für realistisch hält er das nicht. Deshalb wünschen sich die Gastronomen erst einmal ein zweites Gutachten.

Rund 950 000 Tonnen Äpfel werden im Vinschgau geerntet, Deutschland ist ein großer Markt. Das letzte Wort hat deshalb der Apfelbauer, der vom Trecker gestiegen ist, um mit dem Fotografen zu sprechen: „Was sie hier sehen ist der Preis dafür, dass alle im Supermarkt preiswerte, makellose Äpfel wollen. Schaut euch doch mal in euren eigenen Obstanbaugebieten um, wie im Alten Land. Glauben sie wirklich, das wird weniger gespritzt?“

Wir haben keine Zweifel.




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