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Afrikanische Schweinepest: Vor dem Halali erfolgt die Blutentnahme

„Wegducken hilft niemandem“

Die Zahl der bislang in Deutschland gefundenen Wildschweine, die mit Afrikanischer Schweinepest infiziert sind, beläuft sich auf: 0. Dennoch sorgt die Seuche für mächtig Betrieb in den Wäldern.

veröffentlicht am 11.12.2018 um 10:40 Uhr

Bis zu zehn Milliliter Blut können Aufschluss über eine mögliche Erkrankung geben. Foto: ab
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Arne Boecker Reporter
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LANDKREIS. Die Zahl der bislang in Deutschland gefundenen Wildschweine, die mit Afrikanischer Schweinepest infiziert sind, beläuft sich auf: 0. Dennoch sorgt die Seuche – kurz: ASP – für mächtig Betrieb in den Wäldern, weil jeder weiß: Schwappt das Virus nach Deutschland, wird die milliardenschwere Fleischindustrie bitter leiden. Kreisverwaltungen bemühen sich mit hohem Aufwand, das Problem ASP im Blick zu behalten. In Schaumburg sind dies vor allem die Kreisämter 82 (Forst) und 39 (Verbraucherschutz/Veterinärwesen).

Langsam neigt sich an diesem sonnigen Novembertag die Drückjagd im Schaumburger Wald ihrem Ende zu. An der Revierförsterei Pollhagen macht sich jetzt David Pilgram an die Arbeit. Der Referendar aus dem Kreisveterinäramt hilft dabei, Haken an den Hinterläufen zu befestigen und die Wildschweine auf hölzerne Gerüste zu ziehen. Wenn die Gedärme entfernt sind, naht die entscheidende Sekunde. Pilgram taucht ein dünnes Röhrchen in den Brustkorb des Wildschweins und füllt es mit zehn Milliliter Blut.

Sorgsam notiert der Referendar auf dem „Probenbegleitschein“ die Angaben für Wildschwein Nummer 0426. Die Probe schickt er an das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Hannover, nach zwei Tagen wird er das Ergebnis haben. „Monitoring“ heißt das, was Pilgram an diesem Tag im Schaumburger Wald tut. Erst wenn er fertig ist, kann das Wild auf dem tannenzweiggeschmückten Strecken-Platz abgelegt und hergerichtet werden.

Ein ansteckendes Virus löst die Afrikanische Schweinepest aus. Es befällt ausschließlich Wild- und Hausschweine, für andere Tiere – auch für Menschen – ist es ungefährlich. Einen Impfstoff gibt es bislang nicht. Auch wenn ASP-infiziertes Fleisch Menschen nichts tut, wäre es dennoch nicht mehr zu vermarkten. Dafür sorgt schon der Begriff „Pest“. Das erklärt die Nervosität der Fleischmultis.

Aufgetreten ist die Afrikanische Schweinepest bislang in der Ukraine, Polen und Tschechien und auch im Baltikum. „Infizierte Wildschweine können die ASP pro Jahr maximal 30 Kilometer weiterschleppen“, sagt Kerstin Haver, die das Kreisamt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen leitet. Hiesige Verbraucherschützer hat alarmiert, dass ASP in diesem Jahr in Belgien nachgewiesen wurde. Deutschland liegt schließlich zwischen Osteuropa und Belgien. „Die Kollegen ermitteln noch, wie das passieren konnte“, sagt Haver. Der Blick richtet sich vor allem auf die Autobahnen. Ein Szenario geht so: Reisende bringen ASP-infiziertes Fleisch – zum Beispiel per Wurstbrot – aus Osteuropa nach Deutschland mit und entsorgen es gedankenlos an einer Raststätte. Dort fressen es hiesige Wildschweine.

14 Stichproben hat David Pilgram an der Revierförsterei Pollhagen gemacht. „Ausgehend von der Wildschweindichte sind wir in Schaumburg verpflichtet, insgesamt 60 Proben pro Jahr zu entnehmen“, erklärt Amtsleiterin Kerstin Haver. Anfang Dezember waren es allerdings schon 204. „Mit dem Monitoring können wir zwar nicht verhindern, dass die Afrikanische Schweinepest auftritt“, erklärt Kerstin Haver die Übererfüllung des Plans, „aber frühzeitiges Erkennen verhindert, dass sie sich ausbreitet.“ Hier gelte das, was oft im Alltag gelte, sagt die Kreisveterinärin: „Wegducken hilft niemandem.“

„Die Drückjagd im Schaumburger Wald diente nicht nur dem Monitoring, sondern auch der Prävention im Zusammenhang mit der Afrikanischen Schweinepest“, assistiert Lothar Seidel, Leiter des Kreisforstamtes. Das sei ja klar: „Hohe Bestände bedeuten hohe Risiken.“ Die „scharfe Bejagung“ sei auch deswegen nötig, weil eine „hohe Populationsdynamik“ die Wildschweine präge, die auf „hohe Reproduktionsraten“ zurückgehe. Was Fachmann Seidel meint: Sus scrofa vermehrt sich stark, innerhalb eines Jahres kann sich die Zahl durchaus verdreifachen. Bei Jagden werden deswegen vor allem Frischlinge und Überläufer (Einjährige) erlegt.

Der Bauernverband nahm die Afrikanische Schweinepest zum Anlass, „eine deutliche Reduktion der Wildschweine in Deutschland“ zu fordern. Die Funktionäre dürften dabei im Hinterkopf gehabt haben, dass gefräßige Wildschweine Landwirten das Geschäft vermiesen. Vom 1. April 2017 bis 1. April 2018 haben Jäger im Landkreis Schaumburg 2213 Wildschweine geschossen. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum 2013/2014 hatte die Zahl noch knapp unter 1000 gelegen. Kreisforstamtsleiter Lothar Seidel tritt aber der Vermutung entgegen, dass die Angst vor der Afrikanischen Schweinepest ein großes Ballern ausgelöst habe: „Wir müssen die Bestände ohnehin regulieren“, sagt er und ergänzt: „Wenn Wildschweinrotten einen Großteil der Eicheln wegfressen, behindern sie die Verjüngung des Waldes.“




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