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Vorstand entschuldigt sich bei Sintezza

Wegen „inakzeptablem“ Vermerk: Wohnungsgenossenschaft zahlt Entschädigung

HAMELN. Nach dem Antiziganismus-Fall bei der Wohnungsgenossenschaft Hameln (WGH) gibt es nun eine Einigung. Die WGH hat sich bei der Sintezza, einer Angehörigen der Sinti, persönlich entschuldigt und ihr eine Entschädigung gezahlt. Der Fall hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt:

veröffentlicht am 15.05.2019 um 00:00 Uhr

Der Antiziganismus-Fall bei der WGH sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Foto: Dana
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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HAMELN. Nach dem Antiziganismus-Fall bei der Wohnungsgenossenschaft Hameln (WGH) gibt es nun eine Einigung. Die WGH hat sich bei der Sintezza, einer Angehörigen der Sinti, persönlich entschuldigt und ihr eine Entschädigung gezahlt. Im März war der nunmehr 69-Jährigen bei der Wohnungssuche von der WGH ein Formular ausgehändigt worden mit dem antiziganistischen und nicht für ihre Augen vorgesehenen Vermerk: „leichter Zigeunereinschlag; besser nichts anbieten!“ (wir berichteten).

Bei einem gemeinsamen Treffen beider Parteien und ihren jeweiligen Rechtsanwälten hat sich der Vorstand bei der betroffenen Sintezza Heidrun Lehmann (Name von der Redaktion geändert) nun für den „inakzetablen“ Vermerk und die damit einhergegangene Aussage entschuldigt, die sie „dankenswerterweise angenommen“ habe, sagt Rechtsanwalt Dr. Jörn Hülsemann, der die WGH vertritt, auf Anfrage. WGH-Chef Heinz Brockmann wollte sich persönlich nicht mehr dazu äußern. Für ihn sei der Fall mit der nun getroffenen Einigung „erst mal erledigt“.

Unter Bezugnahme auf das das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und vergleichbare Fälle habe die WGH Heidrun Lehmann eine „finanzielle Kompensation“ angeboten, die den Vorstellungen der Betroffenen noch angepasst worden sei, so Hülsemann. Damit gelte der Entschädigungsteil für die WGH als abgeschlossen. Eine Wohnung sei der Sintezza von der WGH bislang nicht angeboten worden, so Hülsemann auf Nachfrage, da keine entsprechende Wohnung frei sei.

Darüber hinaus habe die WGH das Arbeitsverhältnis mit der Mitarbeiterin, die den antiziganistischen Vermerk zu verantworten habe, durch Kündigung beendet. Mit der Begründung, dass die Mitarbeiterin gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verstoßen habe und durch ihr Verhalten Inhalte des abgeschlossenen Arbeitsvertrages verletzt worden seien. Die Mitarbeiterin halte diese Maßnahme jedoch für unangemessen und gehe arbeitsrechtlich gegen die Kündigung vor, sagt Hülsemann. Der Fall befinde sich derzeit im „arbeitsrechtlichen Verfahren“, der im September vor dem Hamelner Arbeitsgericht verhandelt werde.

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Antiziganismus-Falls hatte der WGH-Vorstand, wie berichtet, mehrere Hundert Wohnungsgesuche auf vergleichbar rassistische Vermerke untersucht, ohne eigenen Angaben zufolge weitere gefunden zu haben. Darüber hinaus habe in der Konsequenz Rechtsanwalt Hülsemann im Auftrag des Vorstands die knapp zehn Mitarbeiter der WGH im Allgemeinen Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschult.

Nicht geklärt worden sei im Zuge der Einigung zwischen der WGH und Heidrun Lehmann, was die WGH-Mitarbeiterin dazu bewogen hat, so einen Vermerk zu tätigen und für wen konkret dieser gedacht war.

Nach Informationen dieser Zeitung gibt es lediglich eine angehörige Person der in Hameln lebenden Sinti von immerhin ein paar Hundert, die Mieter bei der WGH sei. Mehrere andere Sinti erklärten dieser Zeitung gegenüber, von der WGH bislang stets Absagen bekommen zu haben, darunter auch der Sohn von Heidrun Lehmann – der Ablehnungsbescheid liegt der Redaktion vor. „Fakt ist, dass zu den Mietern der WGH Personen aus über 20 Nationen zählen“, sagt dazu Rechtsanwalt Hülsemann. Die Ethnie werde nicht erfasst, folglich auch nicht die der deutschen Sinti.

Der Antiziganismus-Fall der WGH hatte auch überregional für Schlagzeilen gesorgt. Stern, Taz, Süddeutsche und andere Medien berichteten. Mehrere Interessenverbände empörten sich öffentlich, darunter die Sinti-Allianz, der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma, die Niedersächsische Beratungsstelle für Sinti und Roma sowie der Minderheitenrat. Der Zentralrat und der hessische Verband Deutscher Sinti und Roma hätten sich selbst bei der WGH empört und um Aufklärung gebeten, bestätigt Hülsemann. Unterdessen geht für Heidrun Lehmann die Wohnungssuche weiter. Trotzdem sei sie mit der getroffenen Einigung zufrieden, sagt die Sintezza im Gespräch mit dieser Zeitung. „Aber leider habe ich noch keine neue Wohnung“, sagt sie.




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