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Teil 5 der Serie „Häusliche Gewalt“

Wie Schaumburgs Polizei auf Notfallanrufe reagiert

LANDKREIS. Wie reagiert Schaumburgs Polizei, wenn häusliche Gewalt gemeldet wird? Inzwischen hat sich ihr Umgang mit diesen Fällen stark gewandelt, ist fester Bestandteil der polizeilichen Ausbildung geworden. „Wir wissen nie, in was für eine Situation wir hineinkommen“, erklärt Hauptkommissar Axel Bergmann.

veröffentlicht am 16.11.2018 um 18:08 Uhr

„Wir sind stolz auf so koordinierte Arbeit“: Polizeihauptkommissar Axel Bergmann ist seit rund 20 Jahren in der Präventionsarbeit tätig. Mittlerweile arbeiten Polizei, Gerichte und Beratungsstellen eng zusammen. Foto: mld
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Marieluise Denecke Redakteurin / Online zur Autorenseite

LANDKREIS. Polizeihauptkommissar Axel Bergmann drückt es klar aus: Fuhr die Polizei früher bei Fällen häuslicher Gewalt zu einer „Familienstreitigkeit“, handelt es sich heute um einen Tatort. Für Bergmann – seit über 20 Jahren in der Gewaltprävention für die Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg aktiv – verdeutlichen allein diese Begrifflichkeiten, welchen „Perspektivwechsel“ es in den vergangenen Jahren in Sachen häuslicher Gewalt gegeben hat.

Der Umgang der Polizei mit diesen Fällen habe sich dramatisch gewandelt. Mittlerweile ist er fester Bestandteil der polizeilichen Ausbildung, erklärt Bergmann. Das ist auch wichtig, denn: „Wir sind die ersten vor Ort.“ Diejenigen, die zuerst gerufen werden, weil Nachbarn, Kinder oder Verwandte mitbekommen, wie bei einem Paar laut gestritten wird, Möbel durch die Gegend fliegen oder ein Streit in Prügelei ausartet. Und dann die Polizei rufen.

„Wir wissen nie, in was für eine Situation wir hineinkommen“, zeigt Bergmann die Schwierigkeit auf. Wie weit ist die Gewalt fortgeschritten? Wer ist der Aggressor? Gibt es Kinder im Haus?

Ist die Gewalt eskaliert und liegt eine Straftat vor, kann die Polizei zur Gefahrenabwehr einen Platzverweis in Form einer sogenannten Wegweisung gegen den Täter – meist der Mann, wie aus der Kriminalitätsstatistik hervorgeht – aussprechen. Das bedeutet, dass der Täter 14 Tage lang das Haus oder die Wohnung nicht betreten darf; seinen Schlüssel muss er abgeben. „Wir wollen damit dem Opfer druckfreien Raum verschaffen“, erklärt Bergmann die Hintergründe.

Das Opfer könne sich dann in Ruhe über die Situation klar werden, mit Freunden oder einer Beratungsstelle sprechen, die nächsten Schritte überdenken – ohne dass der Täter einwirken oder beispielsweise Telefonate verhindern kann.

Die Idee dahinter: „Wer schlägt, muss gehen“, erläutert Bergmann. Früher sei es eher umgekehrt gewesen: Das Opfer musste Haus und Familie verlassen, um sich Hilfe zu suchen.

Um dem Opfer alle Möglichkeiten an die Hand zu geben, werden die Fälle gleich an die BISS in Stadthagen, die „Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt“, weitergeleitet, sodass diese sich bei dem Opfer meldet. Hierbei handele es sich bewusst um einen „proaktiven“ Ansatz, so Bergmann. Es gehe keinesfalls darum, Partnerschaften auseinanderzubringen, betont Bergmann, sondern beiden – Opfern und Tätern – Zeit zu geben, sich über die Situation klar zu werden.

Nicht immer wolle das Opfer Beratung, gibt Bergmann zu bedenken. Doch wenn ja, dann kann es gemeinsam mit BISS einen richterlichen Beschluss erwirken, um die Wegweisung auf sechs Monate oder länger auszudehnen. Verstößt der Aggressor dagegen, ist das eine Straftat.

Bergmann spricht von einer „Gewaltspirale“, die es zu durchbrechen gelte: Am Anfang streitet sich ein Paar vielleicht nur laut. „Ein halbes Jahr später kann es sein, dass die Partnerin ein blaues Auge hat.“ Spätestens dann werde die Polizei hellhörig. Denn am Ende einer solchen Spirale stünde manchmal eine versuchte Tötung. „So weit darf es natürlich nicht kommen. Das hat höchste Priorität.“

Die Zusammenarbeit zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichten und Beratungsstellen ist inzwischen eng, sagt Bergmann, und habe sich mittlerweile gefestigt: „Wir sind stolz auf so koordinierte Arbeit.“

Information

Unter häuslicher Gewalt versteht man laut Polizei die seelische oder tätliche Gewalt in einer Beziehung oder ehemaligen Beziehung. Gewalt gegen Kinder wird gesondert erfasst. Häusliche Gewalt „zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten“, betont Axel Bergmann. Dass mehr Fälle aus sozial benachteiligten Familien an die Öffentlichkeit gelangen, liege meist daran, dass diese Fälle eher gemeldet würden, weil beispielsweise Nachbarn in einem dünnwandigen Wohnblock diese eher mitbekommen würden. „Die Dunkelziffer ist sehr hoch“, sagt Bergmann. Im Jahr 2013 wurden 222 Fälle häuslicher Gewalt in Schaumburg der Polizei gemeldet, im Jahr 2015 338 und im Jahr 2017 306 Fälle. Der Grund für den Anstieg: Vorkommnisse werden der Polizei mittlerweile eher gemeldet. Pro Jahr gebe es zehn bis 21 Wegweisungen. Der Anteil der Männer, die Opfer häuslicher Gewalt werden, liegt laut Polizei im einstelligen Prozentbereich. mld




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