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Zu Besuch in einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen

Wo man einander versteht

Viele Suchtkranke haben Angst, ihre Erkrankung öffentlich zu machen. Bei den Besuchern im SHG-Treff in Stadthagen ist das anders. Sie stellen sich ihren Problemen und finden hier einen Ort, an dem sie offen reden können. Unser Autor hat eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen besucht.

veröffentlicht am 28.12.2018 um 17:43 Uhr

Geschützter Raum: Im SHG Treff sind die Mitglieder der Selbsthilfegruppe unter sich und können auch intimste Dinge loswerden. foto: lht

Autor:

Lennart Hecht

STADTHAGEN. Ulrike Seeger hat ein Problem. Genauer gesagt eigentlich gleich mehrere. „Wenn die Unruhe kommt, stopfe ich sinnlos Essen in mich hinein“, erzählt die 59-Jährige. Später stecke sie sich dann den Finger in den Hals, sagt sie. „Und wenn das Essen nicht reicht, dann gehe ich zocken.“

Bei 50 Euro würde es in den seltensten Fällen bleiben bei ihren Besuchen in der Spielhalle, erzählt Seeger. Das mache sie wütend. Sie will aufhören. „Dieses Leben ist nicht mehr lebenswert“, sagt sie. Im Februar 2018 ergriff Seeger die Initiative und gründete eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Essstörungen.

Zuvor hatte sie es in einer Gruppe für Spielsüchtige in Hannover probiert, war außerdem in Nienburg und Minden, um sich Hilfe zu holen. Viele Suchtkranke haben Angst, an die Öffentlichkeit zu gehen. Angst, auf dem Weg zu einem Therapeuten oder einer Selbsthilfegruppe von Bekannten gesehen zu werden. Bei Seeger, die seit knapp zehn Jahren unter Bulimie leidet, war das anders. „Ich brauche Hilfe, also muss ich es auch selber angehen“, sagt sie. „Davor wegzulaufen, das bringt doch niemanden wirklich weiter.“

Andrea Schicker (alle Namen von der Redaktion geändert) tat sich anfangs schwerer, über ihre Sucht zu sprechen. Die 51-Jährige ist eine von zehn Schaumburgern, die sich Anfang des Jahres bei Ulrike Seeger meldeten, die ihre neue Gruppe vor allem über die Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes beworben hatte. Inzwischen kommen drei von ihnen regelmäßig zu den Treffen der Gruppe.

Schicker war mit 20 Jahren heroinabhängig, verfiel nach einer Tätigkeit in der Altenpflege in eine tiefe Depression und tat sich danach jahrelang schwer, wieder Fuß zu fassen im Berufsleben. Seit 2016 ist sie erneut arbeitslos. Hinzu kommt ihre Adipositas-Erkrankung, auch Fettsucht genannt. „Wenn der Heißhunger kommt, esse ich, was ich gerade in die Finger bekomme“, erzählt Schicker. „Seelischen Hunger“, nennt sie selbst das. Denn objektiv betrachtet müsste sie ja eigentlich gar nichts essen.

Auch Schicker war jahrelang auf der Suche nach Hilfe. Hilfe, die ihr der alkoholabhängige Freund nie bieten konnte. „Er sitzt da und trinkt, ich stopfe irgendetwas in mich hinein“, sagt die 51-Jährige. Eigentlich hätte sie sich schon vor Jahren von ihm trennen müssen, erzählt sie. Aus Angst vor dem Alleinsein sei daraus bisher aber nichts geworden.

So ist das Essverhalten bei manchen Treffen der Selbsthilfegruppe nur eines von vielen Themen, die auf den Tisch kommen. Oft sind es auch die möglichen Wurzeln der Erkrankung, über die sich die Teilnehmer unterhalten. Denn nicht selten gibt es auch dort Parallelen.

Auch Ulrike Seeger hat negative Erfahrungen mit Männern gemacht. Angefangen bei ihrem Vater, dem manches Mal die Hand ausrutschte, bis hin zu ihrem zweiten Mann, der ihr Vermögen im Casino verzockte. Das war für Seeger letztlich wie ein Warnschuss. „Ich konnte das abhaken und mich wieder auf meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse konzentrieren“, sagt sie. Weil viele völlig aus den Augen verloren hätten, was ihnen wirklich guttut und was nicht, soll es in der Selbsthilfegruppe auch um eben diese Fragen gehen. Und darum, welche Erfahrungen die Teilnehmer bereits mit Therapeuten und Klinikaufenthalten gemacht haben. So wie Schicker, die erst kürzlich in einer psychosomatischen Klinik war, um sich in Behandlung zu geben.

Der SHG-Treff, wo sich die Gruppenmitglieder zweiwöchentlich treffen, ist aber auch ein Ort des Austausches auf Augenhöhe. Eine Möglichkeit, dem monotonen Alltag zu entfliehen. Eine Chance, sich gemeinsam Ziele zu stecken und deren Erfüllung Schritt für Schritt gemeinsam zu kontrollieren. Und eine Gelegenheit, sich mit Menschen auszutauschen, die einen wirklich verstehen. Essstörungen seien ernste Krankheiten, erklärt Seeger. „Es ist nicht leicht, aufzuhören.“ Anders als viele da draußen wüssten die Menschen hier das.

Information

Die Selbsthilfegruppe richtet sich an Menschen mit Magersucht, Bulimie und jeder anderen Form von ungesundem Essverhalten. Die Teilnehmer treffen sich jeden 1. und 3. Dienstag im Monat um 19 Uhr im SHG Treff, Marienstraße 1a, in Stadthagen. Im Landkreis Schaumburg gibt es darüber hinaus eine Vielzahl weiterer Selbsthilfegruppen. Eine Übersicht der Angebote kann online unter  dieser Adresse abgerufen werden.




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