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Wunden in der Landschaft – Oasen der Natur

Woo Radlader und Bagger auf freier Fläche Fahrspuren, flache Pfützen und Tümpel hinterlassen, sind Kröten nicht fern. Gelbbauchunke, Geburtshelferkröte, Kreuzkröte – alle drei sehr selten – und die von Krötenzaunaktionen wohlbekannte Erdkröte nutzen das sich in der Sonne erwärmende Wasser zur Eiablage. „Fünf Wochen reichen der Kreuzkröte, sechs Wochen der Gelbbauchunke als Entwicklungszeit von der Eiablage bis zum Landgang des Jungtiers“, erklärt Thomas Brandt, wissenschaftlicher Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM) und Geschäftsführer des Nabu-Kreisverbandes Schaumburg. „Und selbst wenn die Radlader ein paar Tiere überfahren oder die Pfütze zu schnell austrocknet, ist das nicht schlimm. Hauptsache, sie haben wieder so einen Lebensraum.“

veröffentlicht am 14.11.2010 um 18:01 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 09:42 Uhr

Die Abbruchwände in mehreren Schaumburger Steinbrüchen bieten de

Autor:

Dietrich Lange
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Ein Steinbruch ist eine Oase der Artenvielfalt. Setzt man das Vorkommen von Arten auf der Fläche eines Steinbruchs mit der zehn- bis 50-fach größeren Fläche der Umgebung in Relation, finden sich 72 Prozent der Pflanzen des weiten Umlandes in einem Steinbruch, berichtet Buschmann. Und bei gefährdeten Arten seien es sogar 123 Prozent, also mehr als im Umfeld. „Bei Intensivabbau funktioniert das allerdings nicht“, relativiert Buschmann. Und ohnehin gelte: „Nicht alle Abbaubetriebe gehen schonend vor – teils sogar aus Angst vor der Feststellung, bei ihnen könnten seltene Tiere vorkommen.“ Die Biotope aus zweiter Hand mit hoher Nährstoffarmut müssten auch auf Dauer angelegt werden, sonst drohen Verbuschung, Nährstoffeintrag und letztlich ihr Verschwinden. Deshalb steht die gemäß Gesetz behördlich angeordnete Rekultivierung heute zunehmend in der Kritik.

„Wenn ich rekultiviere, also Mutterboden aufbringe, erhöhe ich die Nährstoffzufuhr und senke die Artenvielfalt“, sagt Buschmann. Zudem kostet Rekultivierung Geld. „Das kann man doch besser für Renaturierung ausgeben“, stellt auch Brandt klar. Doch in die Rechnung ist immer auch der Eigentümer einzubeziehen, der ja einen Rechtsanspruch auf Rekultivierung oder eine Entschädigungszahlung hat, falls diese nicht erfolgt.

Dieser Konflikt besteht derzeit bei dem noch auf Sparflamme betriebenen Steinbruch Bernsen/Westendorfer Egge. Dort soll zur Rekultivierung und Wiederaufforstung Fremdboden eingebracht werden. Ein Teilbereich, der in den neunziger Jahren als Bauschuttdeponie diente, ist schon abgedeckt und aufgeforstet. „Wir sind jetzt mit dem Betreiber NNG im Gespräch, stattdessen eine Renaturierung vorzunehmen“, sagt Buschmann. Hier sei der Eigentümer das Land Niedersachsen. In Liekwegen löste sich dieses Problem, weil die Klosterkammer als Eigentümer an den Landkreis Schaumburg verkaufte und dieser dafür EU-Mittel bekam.

Die Zauneidechse liebt sonnige Abraumhalden.  Fotos: Nabu/Brandt
  • Die Zauneidechse liebt sonnige Abraumhalden. Fotos: Nabu/Brandt
Bergmolche haben sich im Steinbruch Liekwegen angesiedelt.
  • Bergmolche haben sich im Steinbruch Liekwegen angesiedelt.

Die Wunde in der Landschaft beim Steinbruch Bernsen/Westendorfer Egge soll also bisher geschlossen werden. „Aber das würde dem Schutzziel Uhu widersprechen, denn der braucht offene Bereiche für die Nahrungssuche und muss sein Nest in der Felswand frei anfliegen können“, erklärt Brandt. Die Aufforstung soll deshalb verhindert werden, und Buschmann ist da zuversichtlich. Ohnehin wolle die NNG sich aus den Steinbrüchen Rohden, Bernsen und Lamspringe zurückziehen, die wegen der Uhu-Vorkommen Bestandteil des europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000 sind.

„Rekultivierung bringt für den Naturschutz nichts“, sagt Buschmann. Renaturierung kostet weniger, aber es bleibe die Entschädigungsfrage für die Eigentümer. Am Geld indes dürfte all dies offenbar nicht scheitern. „Das ist nicht so teuer. Und wir bilden ja schon während des Betriebs Rückstellungen für die Rekultivierung“, erklärt Raimo Benger, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands Baustoffe-Naturstein (WBN). Vor zehn Tagen vereinbarten der Nabu-Landesverband und der WBN eine engere Zusammenarbeit zum Schutz der Natur (wir berichteten) bei weitgehender Akzeptanz der Notwendigkeit des Bodenabbaus zumindest an den geeigneten Stellen.

Der Uhu ist populär, sein Vorkommen gerade in noch aktiven Steinbrüchen verschafft den Betreibern Sympathiepunkte. Vor Jahren gab es die große Eule in heimischen Gefilden schon nicht mehr. „Am Papenbrink bei Todenmann brüteten dann die ersten Uhus, insgesamt haben wir heute acht Paare im Landkreis, sechs davon in Abgrabungsflächen“, berichtet Brandt. Und beim Erlebnispark „Steinzeichen“ in Steinbergen steht an der Cafeteria sogar ein Fernrohr, mit dem man die Uhus in der Abbruchwand beobachten kann.

Die anderen seltenen Arten in Abbauflächen sind für die meisten Bürger dagegen kaum zu sehen, haben sie doch keinen Zutritt auf die Betriebsgelände. Feuersalamander gibt es in vielen Abgrabungen, Faden-, Teich- und Bergmolch besonders im ehemaligen Sandsteinbruch Liekwegen. Der Sandabbau in Altenhagen hat die gefährdeten Heidegrashüpfer und Zauneidechsen als Bewohner. Im Kalksteinbruch Messingsberg, in den Sandsteinbrüchen Liekwegen und Obernkirchen sowie im Sandabbau Möllenbeck finden sich seltene Kröten. Der Tonabbau zwischen Gut Dankersen und Todenmann ist zur Heimat des seltenen Eisvogels geworden. In Kalksteinbrüchen siedeln sich auch seltene Pflanzen wie Orchideen an. Kiesteiche bieten mehr Artenvielfalt als Ackerflächen, verändern aber das Mikroklima und beeinflussen das Grundwasser.

Eigentlich verraten die Naturschützer nicht so gern, was sich an seltenen Arten wo befindet. Zu viel Besuchernähe könnte die Tiere vertreiben, und manche Besucher sind eine Gefahr für den Naturschutz. „Allein bei drei Kontrollen in einem Objekt habe ich drei Leute erwischt, die jeweils einen ganzen Eimer voll Gelbbauchunken dabeihatten“, erklärt Brandt. „Sie wollten die Tiere im Gartenteich halten, dabei können diese sich dort nicht vermehren.“ Sie würden abwandern und auf der nächsten Straße verenden. Außerdem sei das Einsammeln streng geschützter Tiere eine Straftat.

„Der Steinbruch Liekwegen ist ein tolles Beispiel für die Nachnutzung bei Erhalt einer großen Artenvielfalt“, sagt Buschmann. Die 22 Hektar mit der größten Gelbbauchunkenpopulation Niedersachsens (in Deutschland auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten) sind in diesem Jahr als Naturschutzgebiet ausgewiesen worden. Der Landkreis Schaumburg hatte den vor sieben Jahren aufgegebenen Sandsteinbruch mit EU-Mitteln gekauft. Der Nabu legte dort seither eine Tümpellandschaft an, die den Amphibien Möglichkeiten zur Fortpflanzung bietet. Weitere seltene Tiere wie der Baumpieper, der Uhu und die Ödlandschnecke sind dort zu finden. Insgesamt tummeln sich auf der Fläche laut Buschmann 60 unterschiedliche Brutvogelarten, neun Amphibien- und Reptilienarten sowie mehrere Libellen- und Heuschreckenarten. Hier war eine Rekultivierung gestoppt worden, der geplante Wald hätte nicht nur die Gelbbauchunke vertrieben.

Im Gegensatz zu noch genutzten Steinbrüchen sind in Liekwegen Besucher willkommen. Dort gibt es seit Mitte Mai einen Erlebnispfad, angelegt vom Nabu, mit 1,7 oder 2,3 Kilometer Wegstrecke. Acht Stationen mit Info-Tafeln vertiefen die Eindrücke. Und eine Beweidung durch Pferde verhindert, dass die sonst drohende Verbuschung den Amphibien die Lebensräume wieder nimmt.

Ein Modell für alle Steinbrüche? „Nein, wir sollten aus den Erfahrungen mit diesem Erlebnispfad erst einmal lernen“, erklärt Brandt. „So etwas könnte man häufiger machen, aber man muss die Besucher auch lenken, am besten nach dem Honigtopfprinzip hin zu besonders attraktiven Erlebnispunkten.“

In dem 2006 von Buschmann, Brandt und Bruno Scheel veröffentlichten Buch „Amphibien und Reptilien im Schaumburger Land und am Steinhuder Meer“ ist aufgeführt, wie viele Amphibienarten in folgenden Abgrabungsgebieten gefunden werden:

Sandgrube Pampel in Möllenbeck: elf Amphibienarten, eine Reptilienart, mittelgroße Population.

Sandgrube Reese Möllenbeck: elf Amphibienarten, zwei Reptilienarten, große Population.

Steinbruch Messingsberg Steinbergen: zehn Amphibienarten, zwei Reptilienarten, mittelgroße Population.

Steinbruch Liekwegen: neun Amphibienarten und zwei Reptilienarten, jeweils in hoher Dichte und großer Population.

Obernkirchener Sandsteinbrüche: neun Amphibienarten in hoher Dichte, zwei Reptilienarten, mittelgroße Population.

Tonkuhle Dankersen: acht Amphibienarten, zwei Reptilienarten, kleine Population.

Steinbruch Bernsen (Westendorfer Egge): sechs Amphibienarten, eine Reptilienart, kaum Population.

Kiesteiche Engern: sechs Amphibienarten, eine Reptilienart, kleine Population.

ehemalige Tonkuhle Sachsenhagen: drei Amphibienarten, keine Reptilien, kleine Population.

Steinbrüche und Sandkuhlen schlagen tiefe Wunden in eine seit Jahrtausenden bestehende Landschaft. Aus Sicht der Naturschützer aber bieten sie auch eine große Chance, Artenvielfalt zu erhalten. Und das sogar schon während des Betriebs. „Es gibt Arten, die kommen nur noch in Abbaugebieten vor“, erklärt Dr. Holger Buschmann, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes Niedersachsen. Er sagt: „Bodenabbauflächen sind nicht Wunden, sondern Oasen in der Landschaft.“ Ein Streifzug durch den Landkreis Schaumburg.




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