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Nach einem schweren Unfall vor rund einem Jahr lag Jan Lukas Rehse wochenlang im Koma

Zurückgekämpft ins Leben

Wut hat Jan Lukas Rehse nach dem tragischen Unfall nicht im Bauch. Er stellt auch nicht mehr infrage, warum es gerade ihn treffen musste. Warum gerade er an dem Unfalldrama auf der Talbrücke vor Bayreuth beteiligt war. Warum gerade er mit mehreren Schädelbrüchen wochenlang im Koma liegen musste, obwohl er doch nur helfen wollte. Vielmehr ist ihm bewusst geworden, wie wertvoll sein Leben ist. Er hätte es fast verloren.

veröffentlicht am 12.02.2019 um 14:58 Uhr
aktualisiert am 12.02.2019 um 20:10 Uhr

Schritt für Schritt: Inzwischen geht Jan Lukas Rehse wieder zum Sport. Foto: DANA
Muschik, Moritz

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Moritz Muschik Autor zur Autorenseite
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HAMELN. Es war am 16. Januar 2018. Jan Lukas Rehse war in Bayern unterwegs, um sich nach seinem Abitur am Viktoria-Luise-Gymnasium Universitäten anzuschauen. Er wollte Jura studieren. Für den Roadtrip hatte er sich Ferienwohnungen gebucht. Auch Bayreuth stand auf seiner Liste. Dort jedoch sollte der Hamelner nie ankommen.

Auf dem Weg von Passau nach Bayreuth fuhr der Abiturient über eine Talbrücke. Als er vor sich einen Auffahrunfall entdeckte, hielt er mit seinem Citroen Berlingo an und stieg aus um zu helfen. Ein Mercedes-Fahrer, der in den Auffahrunfall verwickelt war, hielt sich offenbar am Fahrbahnrand auf. Kurz darauf prallte ein weiterer Autofahrer in den Berlingo von Jan Lukas Rehse – und schob den Wagen auf den Mercedes davor. In diesem Zusammenhang stürzte der Mercedes-Fahrer die Talbrücke hinunter in den Tod.

Der damals 18-Jährige überlebte, erlitt aber schwerste Verletzungen und kam in ein Krankenhaus. „Ich hatte ein Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades, mehrere Schädelbrüche“, erzählt er. An den genauen Unfallhergang kann er sich nicht erinnern. Er hat große Gedächtnislücken, lag nach dem Unfall mehrere Wochen im Koma. Es war eine harte Zeit – auch für seine Familie. „Am Abend hat es bei uns an der Haustür geklingelt, drei Polizisten standen da“, erinnert sich seine Mutter Monique. „Wir wollten eigentlich zum Tanzen gehen.“ Die größte Qual für die Eltern war nach der schrecklichen Nachricht die Ungewissheit, ob ihr Sohn überhaupt am Leben ist. „Das konnte man uns im Krankenhaus erst nicht mit Sicherheit sagen“, erzählt Monique Rehse. Erst die Polizeidirektion in Bayreuth habe bestätigen können, dass sie die entsprechenden Ausweispapiere bei dem Überlebenden gefunden hätten. Sie kann sich noch immer nicht erklären, wie ihr Mann Marcus es daraufhin schaffte, das Auto ohne Schwierigkeiten zum Krankenhaus nach Bayreuth zu fahren. In ihrem Kopf herrschte während der gesamten Fahrt nur eins: Leere. „Dann kommst du auf die Intensivstation und wirst direkt mit der Situation konfrontiert.“ Es sei schrecklich gewesen, ihren Sohn so zu sehen; verkabelt, angeschlossen an all die Geräte. Seit diesem Tag liegt ein schweres Jahr hinter der Familie Rehse.

Wenn Jan Lukas und seine Mutter über den Unfall und die Zeit danach sprechen, reden sie ernst, aber gefasst. „Wir haben die schwere Zeit als Familie durchgestanden“, sagt Monique. „Und es ist nicht das erste Mal, dass wir die Geschichte erzählen“, ergänzt ihr Sohn. Nach dem Unglück habe er viel Zuspruch erfahren. Freunde, ehemalige Lehrer und Mitschüler und Verwandte haben ihn besucht. Auch seine Schwester, Ariane Rehse, sei immer für ihn da gewesen. Für diese Unterstützung ist der ehemalige Schulsprecher vom „Vikilu“ dankbar. Kein Verständnis hat er inzwischen für Menschen, die rauchen, sich ungesund ernähren, aus seiner Sicht zu sorglos mit ihrem Leben umgehen. Er weiß, wie viel er tun musste, um nach dem schweren Unfall wieder auf die Beine zu kommen. Ängstlicher lebe er deswegen jedoch nicht – eher bewusster.

Trotzdem: Die Tage werden noch immer bestimmt durch Arztbesuche und Therapie. Inzwischen ist Jan Lukas Rehse aber eigenständiger geworden. „Die meisten Tage nehmen wir als Geschenk, sind demütiger geworden“, sagt Mutter Monique. Ihr Sohn hat seit Kurzem immer einen Unfallbericht in der Tasche, wenn er unterwegs ist. Warum? „Letztens hatte ich Stress mit Türstehern“, erklärt der 19-Jährige und schmunzelt. „Sie dachten, ich wäre betrunken, wollten mich nicht reinlassen.“ Das nimmt der Hamelner mit Humor.

Jura wird Jan Lukas Rehse aber nicht mehr studieren können. „Das wird kein Ziel mehr sein“, sagt er heute. Stattdessen könnte sich der 19-Jährige vorstellen, Logopäde zu werden. Die Sprachtherapie hat ihm nach dem Unfall sehr geholfen. „Nach dem Koma habe ich nur geröchelt, jetzt kann ich wieder reden“, meint er. Das möchte er nun auch anderen Menschen ermöglichen.




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