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Jahrhundertsprünge in der Chronik

1819: Niedrigster Weserpegel seit Menschengedenken

NAMMEN. „Der Wasserstand der Weser war 1819 so niedrig wie nie seit Menschengedenken.“ So hat es der Lehrer Johann-Friedrich Hedinger in der Nammer Kapellenchronik festgehalten. Das ist genau 200 Jahre her.

veröffentlicht am 06.02.2019 um 11:52 Uhr
aktualisiert am 06.02.2019 um 17:40 Uhr

Die in winterlichen Morgendunst getauchte Weser bei Neesen erholt sich vom Niedrigwasserstand der letztjährigen Trockenperiode. Schon vor 200 Jahren hielt der Chronist fest: „Der Wasserstand der Weser war 1819 so niedrig wie nie seit Menschengedenken

Autor:

Kurt Römming
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Wie sich die Bilder gleichen: Zufall oder Auswirkungen des Klimawandels? Unter den Experten herrscht in dieser Frage Uneinigkeit. Wieder einmal Niedrigwasser. Nach der letztjährigen langen Trockenperiode gibt es auf der Weser und den anderen deutschen Flüssen immer noch Beeinträchtigungen im Schiffsverkehr, die Talsperren sind nicht einmal halb voll.

Der Nammer Chronist hat sich damals mit seinen Aufzeichnungen zwar vorrangig mit den örtlichen Verhältnissen beschäftigt. Wenn es aber um Besonderheiten im Ostwestfälischen oder im Schaumburger Land ging oder auch um die damaligen geschichtlichen Umwälzungen im Lande, hielt er diese chronologisch fest.

So lieferte ihm auch 1819 die sechs Jahre vorher mit der Völkerschlacht bei Leipzig endende Franzosenzeit in Westfalen reichlich Material. Napoleon hatte man nach der Niederlage von Waterloo 1815 nach St. Helena verbannt. Das Militär war aber noch allgegenwärtig. „Am 3ten Januar bekamen wir in Nammen zahlreiche Einquartierung. Die Meyerhöfe (ein Vollmeyerhof hatte mindestens 80 preußische Morgen und vier Pferde; d. Red.) erhielten 8 Mann und so im Verhältniß die übrigen Bewohner. Für den Mann wurde 1 sgr gezahlt“ (1 Silbergroschen am Tag entsprach 12 Pfennig; d. Red.).

Historische Aufnahme des „Turnvereins Jahn zu Nammen“ an der Kapelle und dem früheren Ehrenmal für die Gefallenen von 1870/71. Im Jahr 1919 erfolgte die Umbenennung in „MTV Nammen“. Im Hintergrund rechts ist die alte Dorfschule zu sehen. Repro: Kurt Römming

„Der Reichthum des Dorfes war nicht mehr. Viele Coloni mußten, gedrängt durch die Abgaben in den Kriegsjahren, Schulden machen. Aber kein Opfer war zu groß. Alles gab man hin, Westphalen war frei!“, heißt es an anderer Stelle.

In einem weiteren Kapitel beschreibt der Chronist die Wetterentwicklung über das Jahr, die Einwohnerentwicklung und die Einführung der Gesangslehre nach dem Gesangpädagogen Satory in der Dorfschule. „Nach einem Consistorialbefehl erhielten die Kirchenbücher 1819 neue Geburts-, Trau- und Sterberegister,“ ist festgehalten. Es gab in den Pfarrbüros allerlei Bewegung.

Ein volles Jahrhundert später, 1919, bemühten sich die Deutschen, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wieder Normalität im täglichen Leben einkehren zu lassen. Bereits im Januar war die Wahl zur Nationalversammlung, erstmals mit Frauenwahlrecht. Nach dem Kriegsende im November 1918 erlagen im Folgejahr im Frühjahr aus Nammen noch zwei Kriegsteilnehmer in Spitälern in Belgien ihren Verwundungen. 49 Gefallene aus dem Ort hatte man bereits von 1914 bis 1918 beklagt.

Was passierte vor 100 Jahren ansonsten in Nammen? Das Vereinsleben erholte sich zögernd und nur teilweise. Das seit den 1870er-Jahren gefeierte Volksschützenfest kam durch das ausgesprochene Schießverbot ganz zum Erliegen und wurde erst 1960 wiederbelebt. Der 1892 gegründete „Turnverein Jahn zu Nammen“, der heutige TuS Porta, änderte seinen Namen und hieß fortan MTV (Männerturnverein) Nammen. Ausschlaggebend für die Namensänderung war wohl der Turnvater Jahn anhaftende „völkische Nationalismus“.

Innerhalb des damals beworbenen Siedlungsprojekts ging 1919 die erste von mehreren Familien aus dem Ort nach Niederschlesien und baute dort einen landwirtschaftlichen Betrieb auf. In Schönwalde, Sorau und um Liegnitz wurden weitere Nammer, aber auch mehrere Familien aus Schaumburg-Lippe ansässig. Durch die Vertreibung kehrten 1945 fast alle Schlesien-Familien in ihre alte Heimat zurück. 1919 ereilte Schillings aus Nammen, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg im hinterpommerschen Posen gesiedelt hatten, nach dem verlorenen Krieg die Ausweisung durch die Polen. Die Familie kam zum Teil hierher zurück. Ein Zweig baute sich in Mecklenburg eine neue landwirtschaftliche Existenz auf.




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