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Neschen legt Jahresbericht 2012 und Quartalszahlen vor – Hausbank verzichtet auf 6,8 Millionen

32 neue Produkte sollen es richten

Bückeburg. „2013 wird noch schwer genug, trotz aller Aktivitäten die wir 2012 angestoßen haben. Aber wir haben das Kerngeschäft gedreht, wir haben die Struktur gedreht und wir haben die Unternehmenskultur gedreht, sodass Ende 2013 wohl Erfolge zu sehen sind.“ Der das sagt ist der Neschen-Vorstand Henrik Felbier, der Anfang 2012 als Sanierer in das Unternehmen geholt wurde. Er ist nach den Abgängen der Vorstände Dr. Norbert Dietrich und Stefan Zinn der einzige verbliebene Vorstand. In einigen Wochen kommt Verstärkung. Dann werde der Aufsichtsrat einen neuen Technik-Vorstand berufen, kündigte Felbier im Gespräch mit unserer Zeitung an. Felbier hat dem seit Jahren kriselnden Konzern das Programm „Cut & Grow“ verordnet: sich von defizitären Töchtern und veralteten Produkten trennen und mit neuen, profitablen Produkten neue Geschäftsfelder außerhalb des angestammten Kerngeschäfts zu erschließen.

veröffentlicht am 08.06.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 20:41 Uhr

08. Juni 2013 00:00 Uhr

Bückeburg. „2013 wird noch schwer genug, trotz aller Aktivitäten die wir 2012 angestoßen haben. Aber wir haben das Kerngeschäft gedreht, wir haben die Struktur gedreht und wir haben die Unternehmenskultur gedreht, sodass Ende 2013 wohl Erfolge zu sehen sind.“ Der das sagt ist der Neschen-Vorstand Henrik Felbier, der Anfang 2012 als Sanierer in das Unternehmen geholt wurde. Er ist nach den Abgängen der Vorstände Dr. Norbert Dietrich und Stefan Zinn der einzige verbliebene Vorstand. In einigen Wochen kommt Verstärkung. Dann werde der Aufsichtsrat einen neuen Technik-Vorstand berufen, kündigte Felbier im Gespräch mit unserer Zeitung an. Felbier hat dem seit Jahren kriselnden Konzern das Programm „Cut & Grow“ verordnet: sich von defizitären Töchtern und veralteten Produkten trennen und mit neuen, profitablen Produkten neue Geschäftsfelder außerhalb des angestammten Kerngeschäfts zu erschließen.

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Am Donnerstag legte das Unternehmen sowohl den Geschäftsbericht 2012 als auch die Zahlen für das erste Quartal 2013 vor. Sie zeigen zwar sinkende Umsätze (2012: 87,7 Millionen, 2011: 98,92 Millionen), größtenteils durch die Schließung des Werks in Großbritannien und den Verkauf der tschechischen Tochter, wie Felbier erläuterte. Gleichzeitig verbesserten sich aber 2012 wichtige Kennzahlen: Die operative Rohertragsmarge stieg auf 43,9 Prozent (2011: 42,2 Prozent), das EBIT, also der Gewinn vor Steuern und Zinsen, auf 1,2 Millionen Euro (2011: 0) und das Ergebnis nach Steuern verbesserte sich auf ein Minus von zwei Millionen Euro (2011: minus drei Millionen).

Belastet wird das Ergebnis 2012 durch eine ganze Reihe von Sondereffekten. Knapp eine Million Euro wurden an Abfindungen gezahlt, davon 298 000 Euro an Stefan Zinn, der inzwischen für den Holzverarbeiter Pfleiderer arbeitet. Beratungskosten schlugen mit knapp 1,5 Millionen Euro zu Buche: 406 000 Euro kosteten allein die Prozesse und Rechtsstreitigkeiten, die nach Auskunft des Unternehmens inzwischen bis auf ein schwebendes Verfahren alle beendet sind. 833 000 Euro fielen an Beratungskosten für den Sanierer Felbier Mall an, darin enthalten ist das Vorstandssalär von Felbier in Höhe von 320 000 Euro.

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Weitere Sondereffekte musste das Unternehmen durch Abschreibungen durch den Verkauf der tschechischen Tochter verkraften. Außerdem wurden bereits Rückstellungen für den geplanten Verkauf der defizitären US-Tochter in Höhe von knapp 3,5 Millionen Euro gebildet. Wie berichtet, ist mit einem Investor eine „nicht bindende Absichtserklärung“ unterzeichnet worden. Kommt es zum Verkauf, wird das Neschen-Ergebnis 2013 durch die bereits erfolgten Abschreibungen wohl nicht mehr belastet. Insgesamt sind für die US-Tochter bereits gut 15 Millionen Euro in Konzern und AG abgeschrieben. Felbier: „Das muss eine Firma erst einmal verkraften. Aber wir haben alles ausgekehrt.“

Dies alles hat die Eigenkapitalquote des Unternehmens in 2012 auf ein Minus von gut vier Millionen Euro gedrückt. Normalerweise eine Zahl, wo der Vorstand sofort den Gang zum Insolvenzrichter antreten oder frisches Geld besorgen müsste. In die Bresche sprang, wie schon in den Vorjahren, die JP Morgan Bank, die über zwei Töchter indirekt knapp 30 Prozent der Neschen-Aktien hält. Sie verzichtete im April auf insgesamt 6,8 Millionen Euro Kredite und Zinsen. Neschen steht jetzt mit nur noch gut 24 Millionen Euro bei den Amerikanern in der Kreide, vorher waren es 30,2 Millionen Euro. Eine Million hat das Unternehmen selbst zurückgezahlt.

Das Eigenkapital im Konzern beträgt am Ende des Quartals zwei Millionen Euro oder rund zwei Prozent. In der Neschen AG liegt es bei 7,2 Millionen Euro, was einer Quote von 26,1 Prozent entspricht. Felbier: „Die Finanzierung kann dank der Unterstützung von J.P. Morgan als stabil bezeichnet werden.“ Zumal die Bank auch bereits die Kreditlinie bis Ende 2013 verlängert hat und auch von dieser Seite kein Ungemach droht.

Intern ist Felbier dabei, das Unternehmen umzustrukturieren, wie er gegenüber unserer Zeitung umriss. Die drei Bereiche „Graphic“, „Documents“ und „Technical Coating“ sind aufgehoben, das Personal neu zusammengestellt. So sind Maschinenführer mit in die Vertriebsmannschaft integriert worden, um bei Angebotsgesprächen das ganze Fragespektrum eines potenziellen Auftrags abzudecken. „Was können wir eigentlich“, ist die Frage, die er immer stellt. Wo unter anderem die Antwort zutage kam, dass Kleber ganz anders aufgetragen werden können. Und: „Was Bücher schützt, schützt auch anderes.“

Jetzt wird zum Beispiel das Produkt „Easy Dot“(sechs Prozent des Gesamtumsatzes) – der Kleber wird auf der Folie nur in Punkten aufgetragen – so bearbeitet, dass die Klebepunkte Bilder, Grafiken oder Symbole ergeben. Oder dass die Ränder von Alu-Folie für den Verschluss von Milchprodukten so geklebt werden können, dass beim Anwender ein Arbeitsgang eingespart wird. Für eine Folie hat Neschen eine Zertifizierung erhalten. Sie kann jetzt als Schutz von hochwertigen Fußböden oder Tapeten genutzt werden. Eine milchige Scratch-Folie wird zur Beschichtung von Glastüren verwendet, Kunden sparen sich teures Sandstrahlen. Wie es Felbier formulierte: „Den cross-over unserer Produkte nutzen.“ Die Devise: „Jedes Produkt muss jedes Jahr besser werden.“

Was sich darin zeigt, dass Neschen derzeit 34 neue Produkte in der Pipeline hat, von denen 24 noch in diesem Jahr auf den Markt gebracht werden. Das Produktmanagement sei zur zentralen Einheit des Konzerns entwickelt worden: „Eine schlagkräftige Truppe.“ Es habe einen kräftigen Wandel in der Unternehmenskultur gegeben. Die Marke Neschen müsse künftig für hohe Innovationskraft und Qualitätsführerschaft stehen. Felbier: „Es freut mich, dass alle mitziehen.“