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Neubau 1951 ein Unterschied wie Tag und Nacht

375 Jahre Schule in Meinsen: Die Not machte erfinderisch

Die jetzt 375 Jahre zurückreichende Geschichte der Meinser Schule ist in der „Dorfchronik Warber“ umfangreich dokumentiert worden. Die vom früheren Schulleiter (1948 bis 1984) Hans Brüggen 2002 veröffentlichte Publikation führt die Entwicklung des Schulwesens in Schaumburg im Allgemeinen und in Meinsen im Besonderen recht anschaulich vor Augen. Die SZ/LZ fasst die Erkenntnisse des Autors in einer dreiteiligen Serie zusammen. Heute stehen unter anderem Nachkriegszeit und „Pillenknick“ im Fokus

veröffentlicht am 19.08.2018 um 16:19 Uhr

Die vierte Klasse anno 1950 mit Lehrer Hans Brüggen (rechts). Repro: bus
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Autor

Herbert Busch Reporter
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MEINSEN/WARBER. Fünf Gramm Butter, zwei Gramm Käse, 30 Gramm Fleisch, 14 Gramm Fisch, 18 Gramm Zucker, 18 Gramm Nudeln, 27 Gramm Grieß, neun Gramm Kaffeeersatz, 35 Gramm Magermilch und 143 Gramm Brot – diese Nahrungsmittelmengen standen einem Normalverbraucher 1947 laut Lebensmittelkarten-Regelung pro Tag zur Verfügung. „Zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“, waren die Experten einer Meinung.

Aber die Not machte erfinderisch. Die Bevölkerung sammelte Bucheckern im Schaumburger Wald, ging in die Bickbeeren und in die Pilze, legte Kleingärten an und ließ auch schon mal Borstenvieh und Kleingetier „schwarz“ über die Klinge springen. Wer auf dem Lande clever war und sich nicht erwischen ließ, kam einigermaßen über die Runden und konnte obendrein mit den aus den Städten anreisenden „Hamsterern“ noch gute Geschäfte machen. Dennoch war das Leben kein Zuckerschlecken.

Und auch um die Schulgebäude stand es nicht gut. Der Zahn der Zeit und die Kriegswirren hatten ihnen mächtig zugesetzt. Am 19. September 1947 musste die Feuerwehr ausrücken, weil der Schornstein der alten Schule eingestürzt war. Ein Jahr darauf zog ein Teil der damals von drei Lehrern betreuten 265 Schüler in das Vereinshaus des CVJM am Horstweg um. Unterrichtet wurde vor- und nachmittags im Schichtbetrieb. Der Notbehelf ließ die Rufe nach einem Neubau immer lauter werden.

Einschulung 1968 mit Klassenlehrerin Brempel rechts Repro: bus
  • Einschulung 1968 mit Klassenlehrerin Brempel rechts Repro: bus
Im November 2002 stellen Heinrich Vauth (vorne von links), Hans Brüggen und Friedhelm Harting sowie Rudi Beier (hintere Reihe von links), Claus-Jürgen Vogt und Jörg Hartmann die Erstausgabe der Dorfchronik vor. Foto: Archiv
  • Im November 2002 stellen Heinrich Vauth (vorne von links), Hans Brüggen und Friedhelm Harting sowie Rudi Beier (hintere Reihe von links), Claus-Jürgen Vogt und Jörg Hartmann die Erstausgabe der Dorfchronik vor. Foto: Archiv

Nach einigem Hin und Her stand die Errichtung des heutigen Westflügels der Grundschule „Am Weidenhofe“ auf der Agenda. Die Kosten des Grundstücks teilten sich Meinser (6 283,50 Mark) und Warberaner (5 516,50 Mark) nach einem piekfein ausgearbeiteten Schlüssel. Der Betrag stellte eingedenk der schmalen Finanzpolster der selbstständigen Gemeinden „eine Menge Holz“ dar.

Insgesamt schlug das 1951 eingeweihte Gebäude mit 237 953 Mark um ziemlich genau 100 000 Mark teurer zu Buche als vom Architekt Ernst Meier ursprünglich vorausberechnet. Zum besseren Verständnis: Damals betrug das durchschnittliche Monatseinkommen – sofern man denn eins hatte – rund 350 D-Mark; ein VW-Käfer kostete 1953 4 200 D-Mark.

Das Endergebnis präsentierte sich jedoch als überaus gelungener Wurf. „Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht“, erinnert sich Autor Brüggen, der im März 1948 als Junglehrer nach Meinsen gekommen war. Das Schulleben entwickelte sich prächtig. Zehn Jahre nach der Einweihung teilte der Landkreis Schaumburg-Lippe dem Schulvorstand Meinsen/Warber mit, dass die Volksschule Meinsen Mittelpunktschule der Einzugsbereiche Meinsen, Warber, Rusbend, Cammer, Echtorf, Tallensen, Achum und Scheie werden solle.

1964 wurden 207 Mädchen und Jungen unterrichtet. Brüggen bezeichnet die nun beginnende Phase als die „erzieherisch und bildungsmäßig wohl fruchtbarste, die es bis dahin gegeben hatte“. Hervorragende Ausstattung, erfahrene Lehrer und ein guter Korpsgeist hätten dazu geführt, dass sehr gut ausgebildete, gut erzogene und selbstbewusste Schüler die Meinser Schule verließen – die meisten mit einem Lehrvertrag in der Tasche.

Im Mai 1971 war die Schule plötzlich nicht mehr vorhanden. Im damals diskutierten Entwicklungsplan, der eine Konzentrierung der Schüler in großen Zentren und die Auflösung der kleinen Landschulen vorsah, suchten die perplexen Pädagogen die Meinser Schule vergebens. Der Text vermerkte lediglich, dass das Gebäude-Ensemble (die Schule war 1964 um den Ostflügel und 1970 um die Turnhalle erweitert worden) als „Reserve“ herhalten sollte.

Brüggen war entsetzt: „Zweckverband und Gemeinden hatten sich bis an die Grenzen ihrer Möglichkeiten verschuldet und nun sollte die noch nicht einmal bezahlte Schule von eben den Verantwortlichen aufgelöst werden, die die Gemeinden zum Bauen ermuntert und sogar mit Zuschüssen nachgeholfen hatten.“

Elternschaft und Kollegium sträubten sich heftig dagegen, ihre Schützlinge in einem „alten Gemäuer in Bückeburg einpferchen“ zu lassen. Die Diskussion zog sich sechs Jahre lang hin. Schließlich wurde die Schule im Dorf gelassen. Im Anschluss an die Einführung der Orientierungsstufe wurde Meinsen 1977 Mittelpunktgrundschule.

Jetzt drohte indes der sogenannte Pillenknick, der Einrichtung den Garaus zu machen. Eine geraume Weile nach der Einführung der Anti-Baby-Pille, deren Wirkung sich nach und nach auch auf den Dörfern herumgesprochen hatte, machte sich ein enormer Schülerschwund bemerkbar. 1986 besuchten nur noch 65 Schüler den Unterricht. Es gab Jahrgänge, in denen lediglich elf Abc-Schützen eingeschult wurden.

Als der Knick vorüber war, ging es mit der Zahl der Schüler, die zu diesem Zeitpunkt allesamt als „Wunschkinder“ bezeichnet wurden, wieder rasant bergauf. 1996 musste die erste Parallel-Klasse und bald auf der Tribüne der Turnhalle ein Notklassenraum eingerichtet werden.




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