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Spritzenhaus und Dorfkrug dienten bis dahin kirchlichen Veranstaltungen / Pfarrbezirk seit Jahren ohne eigenen Seelsorger

50 Jahre Gemeindezentrum

NAMMEN. „Wohl selten zuvor hat eine kirchliche Veranstaltung in Nammen einen derart starken Zuspruch gefunden, wie die am Sonntagmorgen erfolgte Einweihung des evangelischen Gemeindezentrums an der Untkenstraße.“ So heißt es in dem Pressebericht vom 24. Juni 1969. Zwei Jahre war damals gebaut und bereits seit 1965 geplant worden. In diesen Juni-Tagen jährt sich der 50. Jahrestag des Einzugs.

veröffentlicht am 11.06.2019 um 11:37 Uhr
aktualisiert am 11.06.2019 um 17:30 Uhr

Für das Gemeindeleben in Nammen seit einem halben Jahrhundert unverzichtbar: das Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Fotos: krö

Autor:

Kurt Römming
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NAMMEN. „Wohl selten zuvor hat eine kirchliche Veranstaltung in Nammen einen derart starken Zuspruch gefunden wie die am Sonntagmorgen erfolgte Einweihung des evangelischen Gemeindezentrums an der Untkenstraße.“ So heißt es in dem Pressebericht vom 24. Juni 1969. Zwei Jahre war damals gebaut und bereits seit 1965 geplant worden. In diesen Juni-Tagen jährt sich der 50. Jahrestag des Einzugs. Endlich konnte die Gemeinde damals mit dem Dietrich-Bonhoeffer-Haus ihre eigene Kirche mit zeitgemäßen Räumlichkeiten ihr Eigen nennen, nachdem für die Gottesdienste jahrhundertelang nur die beengte historische St.-Laurentius-Kapelle zur Verfügung gestanden hatte. Für andere kirchliche Veranstaltungen musste man in das Spritzenhaus oder in den Dorfkrug ausweichen.

Etwa 200 Gemeindegliedern bot der neue Gemeindesaal Platz. Fast die dreifache Besucherzahl verfolgte beim Einweihungsgottesdienst in den Nebenräumen und im Außenbereich die von Vizepräsident Schmidt von der Westfälischen Landeskirche vorgenommene Weihe des Gotteshauses. Assistiert wurde er von den Pfarrern Ritterbusch, Becker und Schallenberg. Gleichzeitig weihte man die drei im frei stehenden Turm übereinander angeordneten Glocken mit den Inschriften „Glaube“, „Liebe“ und „Hoffnung“.

Neben den ungezählten Stunden Eigenleistung vieler freiwilliger Helfer bei den im April 1967 begonnenen Erd- und Grundierungsarbeiten und dem Betonieren der Banketten, im Winter ruhten die Arbeiten, wurde ein gewichtiger Teil der notwendigen Mittel für den Kirchenbau im Pfarrbezirk selbst aufgebracht. Erst die durch die Opferbereitschaft der Nammer zusammengekommenen 55 000 Mark stellten neben einer bemerkenswerten Summe aus der Kasse der hiesigen Frauenhilfe die Gesamtfinanzierung sicher.

Nach der Schlüsselübergabe durch den bauleitenden Architekten H. W. Lachwitz (hinten rechts) öffnet Hausherr Pfarrer Friedhelm Ritterbusch 1969 zum Einzug der Gemeinde das neue Dietrich-Bonhoeffer-Haus. Dabei (von links) die Pfarrer Schmidt, Vizepräsident der Westf. Landeskirche, Ritterbusch, Becker und Schallenberg. Repro: Römming

Dazu kamen Sachspenden, die vornehmlich der Innenausstattung dienten. So stiftete die Spar- und Darlehnskasse die Kanzel. Die Orgel wurde aus Kostengründen erst 1970 beschafft. Wertvollstes Inventar ist der etwa 800 Jahre alte Taufstein aus der romanischen Zeit, der ursprünglich in der Hauptkirche des Kirchspiels in Lerbeck stand. Er ist in seinem Ausmaß so beschaffen, dass kleine Kinder bei der Taufe voll eingetaucht werden konnten. Der Überlieferung nach sollen an diesem Taufstein die damals noch letzten Heiden des Kirchspiels Lerbeck getauft worden sein. Als die Taufkanne aufkam, wurde 1601 ein kleinerer Taufstein beschafft und auch dieser 1892 noch einmal durch ein Exemplar mit noch kleinerem Becken ersetzt. Der älteste Lerbecker Taufstein kam 1969 ins Dietrich-Bonhoeffer-Haus, sein Nachfolger später in das Paul-Gerhardt-Haus nach Meißen.

Das von Architekt H. W. Lachwitz entworfene Gemeindezentrum umfasste neben dem großen Mehrzweckraum den durch eine Falttür abgetrennten Konfirmandenraum, Jugendräume, Küche und Toiletten. Das Haus war so konzipiert, dass es seitdem auch den Vereinen sowie für bürgerschaftliche Veranstaltungen, Seniorenfeiern und Konzerte zur Verfügung gestellt werden konnte.

Um 1980 wurde zusätzlich nach Osten hin ein Teil der Freiterrasse überdacht und ein weiterer Raum für unterschiedliche Veranstaltungen wie Beerdigungskaffeetrinken und Ähnliches geschaffen. Auch hier brachte sich die hiesige Frauenhilfe wiederum stark ein. Der Erlös aus mehreren Basaren war der Grundstock für den Anbau.

Am Standort der Nammer Kirche, die Kirchengemeinde hatte das Grundstück erworben, stand früher der Bauernhof Prange, der 1959 durch eine Heuselbstentzündung bis auf die Grundmauern niederbrannte. Besitzer Willi Hartmann baute an alter Stelle nicht wieder auf, da sich für ihn der Erwerb der früheren Nottmeier’schen Gebäude unterhalb der Zeche ergab. Dieser Hof „ohne Land“ hatte 1936 alle Flächen an den „Exerzierplatz“ verloren. Auch das gegenüber dem Dietrich-Bonhoeffer-Haus gelegene Gehöft von Landwirt Friedrich Aldag (Schulten) brannte 1977 nach einem Blitzschlag ab. Nach Aldags Aussiedlung wurde die in den Besitz der Gemeinde übergegangene Hoffläche im engen Ortszentrum Parkplatz, nicht nur für die Kirchenbesucher. Vor einigen Jahren errichtete die Stadt an dieser Stelle das neue Feuerwehrgerätehaus.

Heute wäre kirchliches Gemeindeleben mit regelmäßigen Gottesdiensten und Kindergottesdiensten, den Veranstaltungen des Jugendkreises, der Frauenhilfe und des Abendkreises sowie der Chöre ohne das Dietrich-Bonhoeffer-Haus nicht vorstellbar. Bis vor 50 Jahren fanden die Gottesdienste in der Kapelle, alle außergottesdienstlichen Veranstaltungen im Sitzungssaal des alten Spritzenhauses, im Vereinszimmer des Dorfkruges oder auch schon mal auf eine Bauerndiele statt.

Pfarrer Friedhelm Ritterbusch, seit Anfang 1953 Seelsorger des Pfarrbezirkes Nammen, war bis zu seiner Pensionierung Hausherr des Gemeindezentrums. Ihm folgte im Oktober 1978 Pastor Reinhold Strasdas. Als der in den Ruhestand ging, wurde die Pfarrstelle zum Leidwesen der Nammer nicht wieder besetzt. Aktuell betreut Pfarrer Christian Havemann die Pfarrbezirke Lerbeck und Nammen.

Mit den Jahren waren am Dietrich-Bonhoeffer-Haus immer wieder Renovierungen erforderlich – so wie notwendige Arbeiten an der Dachabdichtung und den Dachtraufen durchgeführt worden sind.

Am Tag der 50. Wiederkehr der Weihe des Dietrich-Bonhoeffer-Hauses hat die evangelische Kirchengemeinde keine besonderen Feierlichkeiten geplant. Eine Würdigung des Jubiläums erfolgt am Sonntag, 8. September, in einem besonderen Gottesdienst, in dem das Kindermusical „Daniel in der Löwengrube“ in den Mittelpunkt gestellt wird.

Nach Zeitzeugenberichten und dem gemeinsamen Mittagessen der Besucher stehen Spielangebote für Kinder auf dem Programm.

Das Augenmerk richtet sich in Nammen bereits auf das Jahr 2023, wenn die St.-Laurentius-Kapelle, nach den Erkenntnissen Deutschlands älteste Kapelle in Reinfachwerk, 500 Jahre alt wird.




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