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Ohne Nachfrage bei den Örtlichen – Fachmedien werden künftig von einem überörtlichen Verlag bezogen

Buchhandel sauer auf die Stadt

veröffentlicht am 30.11.2018 um 13:41 Uhr

Buchhändlerin Kerstin Lorenzen von der Buchhandlung Scheck, kritisiert, dass die Stadt den Bezug bestimmter Medien an einen überörtlichen Verlag gegeben hat, ohne nachzufragen, ob der heimische Buchhandel dieses Angebot auch hätte anbieten können: „D
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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite
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BÜCKEBURG. Die Stadt Bückeburg organisiert sich neu und wird künftig ihre Fachzeitschriften, Gesetzesblätter, Loseblattwerke oder elektronische Medien digital und zentral über das Portal eines Fachverlags beziehen. Hintergrund ist im Zeitalter der Digitalisierung eine Verwaltungsvereinfachung.

Diese schriftlich gegebene Ankündigung hat zu einiger Unruhe bei den beiden Bückeburger Buchhandlungen, der Hofbuchhandlung Frommhold und der Buchhandlung Scheck, geführt. Sie haben bisher die Stadt mit diesen Medien – noch analog – versorgt. Sie müssen nun Umsatzeinbußen von „einigen tausend Euro“ hinnehmen, wie Kerstin Lorenzen, Inhaberin der Buchhandlung Scheck, im Gespräch mit unserer Zeitung ihren Rückgang bezifferte. Dabei betone die Stadt – und die Politik – immer wieder, dass der heimische Handel gestärkt werden müsse. Mit dieser Entscheidung werde der stationäre Buchhandel im Zeitalter von Amazon & Co. aber weiter geschwächt, so Lorenzen. Thilo Fuhrmann, Inhaber der Hofbuchhandlung Frommhold: „Jeder Euro Umsatz, der uns verloren geht, schwächt den Buchhandel weiter.“

Was Kerstin Lorenzen aber besonders sauer aufstößt, ist, dass sie erst durch ein Schreiben der Stadt samt der Angabe, welcher Verlag künftig die Stadt beliefert, von der Änderung erfahren hat und vor vollendete Tatsachen gestellt worden ist: „Das Gespräch mit uns hat keiner gesucht.“ Denn wie die anschließende Recherchen von Kerstin und Eric Lorenzen ergeben haben, konnten sie den Anbieter eines Programms ausfindig machen, mit der sie als Buchhandlung der Stadt das gleiche Angebot hätte machen können, wie der überregional agierende Fachverlag. Das Angebot werde sie der Stadt weitergeben und abwarten, was geschieht. Ein Gespräch hat sie mit der Stadt vor dieser Recherche bereits geführt – ohne Erfolg. Lorenzen: „Wir sind konkurrenzfähig“.

Buchhändler Thilo Fuhrmann von Frommhold: „Jeder Euro Umsatz, der uns verloren geht, schwächt den Buchhandel.“ Foto: rc
  • Buchhändler Thilo Fuhrmann von Frommhold: „Jeder Euro Umsatz, der uns verloren geht, schwächt den Buchhandel.“ Foto: rc
Buchhändler Thilo Fuhrmann von Frommhold: „Jeder Euro Umsatz, der uns verloren geht, schwächt den Buchhandel.“
  • Buchhändler Thilo Fuhrmann von Frommhold: „Jeder Euro Umsatz, der uns verloren geht, schwächt den Buchhandel.“

Wie Bernd Meier, der zuständige Fachgebietsleiter Zentrale Dienste der Stadtverwaltung, auf Anfrage mitteilte, habe sich die Stadt aus Gründen der Verwaltungsvereinfachung für den Anbieter entschieden. Es werde kein Platz mehr für Akten und Blattsammlungen in der Verwaltung benötigt, die Mitarbeiter könnten von ihren Arbeitsplätzen online und ohne zusätzliche Kosten nach Gesetzestexten oder Änderungen recherchieren; statt aufwendig Loseblatttexte und neue Kommentierungen in Akten heften zu müssen, würden diese Änderungen vom Verlag digital eingepflegt und sofort abrufbar. Meier: „Alles wesentlich schneller und das ohne zusätzliche Kosten.“ Die Verwaltung stehe in der Pflicht, effizient und kostengünstig zu arbeiten, sagte Meier weiter.

Welches Budget nicht mehr vor Ort bleibt, konnte der Fachgebietsleiter auf Anhieb nicht beziffern. Die Verwaltung werde ihre Bücher etwa der Bedarf der Stadtbücherei, weiter vor Ort bestellen. Die Preise für Bücher und die digital bezogenen Abonnements oder andere Medien sind übrigens wegen der Buchpreisbindung identisch mit denen des stationären Buchhandels.

Kerstin Lorenzen will nun abwarten, was die Stadt zu ihrem Angebot sagt. Sie als auch Fuhrmann bezeichneten die zunehmende Digitalisierung als „Zeichen der Zeit“. Portale würden wie etwa für die Stadt „durchaus Sinn machen“. Es gehe als stationärer Handel darum, neue Geschäftsfelder zu erschließen, um sinkende Umsätze in anderen Bereichen aufzufangen.

Kritik übten Kerstin und Eric Lorenzen an Verlagen, speziell Fachverlagen, die mit solchen Angeboten wie Portalen an Direktabnehmer wie Kommunen, Verwaltungen oder Verbänden, den klassischen Buchhandel umgehen und für eine weitere Schwächung sorgen. Eric und Kerstin Lorenzen: „Diese Investitionen betragen mehrere 10 000 Euro. Das können wir nicht leisten.“

Beide Bückeburger Buchhandlung haben auf die Konkurrenz des Online-Handels längst reagiert und bieten ihren Kunden Online-Shops an: entweder über die eigene Homepage oder über den Anbieter www.genialokal.de. Über beide Alternativen kann das gesuchte Buch über den Online-Shop zur Abholung in der Buchhandlung bestellt werden; oder aber versandkostenfrei zu sich nach Hause. Über die Homepage fallen bei Frommhold bei Lieferung nach Hause Versandkosten an, über www.genialokal.de nicht.

Seit Jahren Standard ist, dass bis 18 Uhr telefonisch oder vor Ort bestellte Bücher, die beim Großhändler vorrätig sind, am kommenden Tag in der Buchhandlung abgeholt werden können.

Die Buchhandlung Scheck wirbt auf ihrer Homepage als „unabhängiger Literaturvermittler“ damit: „Unser Anspruch ist es, immer das richtige Buch für Sie zu finden.“

Die Buchhandlung Frommhold wirbt mit dem denkmalgeschützten Haus: „In diesem Ambiente haben Bücher einen wunderbaren Rahmen. Gerne können Sie auf einem der Sitzgelegenheiten Platz nehmen und in Ruhe ein Buch erkunden.“

Die Internetadressen: www.hofbuchhandlung-frommhold.de/ oder www.scheck-bueckeburg.de oder www.genialokal.de.rc




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