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Wie Hofreitschul-Chefin Christin Krischke und ein gefiedertes Waisenkind ein Herz und eine Seele wurden

Christin Krischke: Mit der Dohle auf Du und Du

BÜCKEBURG. Es ist eine Geschichte, die vor allem Tierfreunde zu Herzen rühren dürfte: Die Beziehung von Christin Krischke aus Bückeburg und ihrer zahmen Dohle Luna hätte kaum inniger sein können, und musste doch unausweichlich mit der Trennung von Mensch und Tier enden. Es waren schlicht die Gesetze von Mutter Natur, die dafür sorgten, dass sich die Wege der Direktorin der Hofreitschule Bückeburg und ihres gefiederten Findelkinds irgendwann würden trennen müssen.

veröffentlicht am 25.11.2018 um 17:15 Uhr

Christine Krischke und „ihre“ Dohle. Foto: jp
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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Ein Schornsteinfeger war im Frühjahr bei seiner Arbeit in einem Rauchabzug auf ein Dohlennest mit zwei verwaisten Jungvögeln gestoßen und brachte es nicht übers Herz, die Tiere ihrem Schicksal zu überlassen. Einer der beiden Nestlinge fand daraufhin Aufnahme in der Fürstlichen Hofreitschule, wo Christin Krischke keine Mühen und auch keine Studien scheute, um ihm per Handaufzucht ein Überleben zu sichern. Kein einfaches Unterfangen, wie die ansonsten in „tierischen“ Fachfragen enorm bewanderte Direktorin zugibt. Unter anderem zog sie dabei die Erkenntnisse des berühmten Zoologen und Verhaltensforschers Konrad Lorenz und seines Buches „Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen“ zurate.

Es dauerte nicht lange, und Krischke und ihr Adoptivkind Luna, wie die Dohle alsbald getauft wurde, waren ein Herz und eine Seele. Luna folgte ihrer Zieh-Mutter überallhin: ins Büro, in den Stall, in die Reithalle und sogar zum Einkaufen in die Innenstadt. In der Küche ließ sie sich von Krischke mit dem Löffel füttern, kuschelte mit ihr am Schreibtisch, und im Reitstall turnte sie quietschvergnügt auf den Schulhengsten herum: „Sie war wirklich ein vollwertiges Familienmitglied“, erinnert sie sich.

Doch je inniger die Beziehung zwischen Mensch und Vogel wurde, desto klarer wurde für Krischke auch, dass diese nicht auf Dauer angelegt sein konnte. Denn: Weibliche Dohlen verlassen mit Erreichen der Geschlechtsreife ihre Brutfamilie, um sich ein Männchen zu suchen und mit ihm ein zumeist lebenslanges Paar zu bilden. „Für Luna bildeten wir Menschen die Familie“, beschreibt Krischke das Dilemma. „Sie hätte sich daher im Alter von etwa einem Jahr auf die Suche nach einem menschlichen Partner gemacht, und der hätte ich als ihre Mutter nicht sein können. Daher war klar, dass ich sie nicht auf Dauer hätte behalten können.“ Vielmehr bestand sogar die konkrete Gefahr, dass Luna ihr Augenmerk auf jemanden hätte richten können, der Tieren und insbesondere Rabenvögeln wie der Dohle weitaus weniger zugeneigt gewesen wäre als Familie Krischke. „Schließlich gibt es Menschen, die Dohlen einfach mit der Schaufel erschlagen“, erklärt sie.

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Doch noch bevor es so weit hätte kommen können, nahm ihnen Luna die Entscheidung ab: Anfang August flatterte die neugierige und unternehmungslustige Jung-Dohle hinter ein paar Rabenkrähen her, die über die Hofreitschule hinweggeflogen waren, und landete auf der Suche nach etwas Genießbarem in Bergdorf. Dort wurden zwei ältere Damen auf das gegenüber Menschen so außergewöhnlich zutrauliche Tier aufmerksam und brachten es – da sie von seiner Herkunft nichts ahnten – in die Wildtierstation nach Sachsenhagen. Nur kurz darauf lasen sie im Netzwerk Facebook den Suchauftruf der Fürstlichen Hofreitschule nach ihrer vermissten Dohle – wodurch sich für Christin Krischke der Verbleib des Vogels klärte.

Nach einem intensiven Meinungsaustausch mit den Biologen der Wildtierstation entschied sich die Hofreitschul-Direktorin schweren Herzens, Luna nicht nach Bückeburg zurückzuholen, sondern vorerst eine Patenschaft für ihre Unterbringung in Sachsenhagen zu übernehmen. Auf Dauer bleiben soll der Vogel dort jedoch nicht. Ein Auswildern in die freie Natur ist aufgrund der starken Prägung Lunas auf den Menschen jedoch auch nicht möglich. Wahrscheinlich wird die junge Dohle in einem Vogelgehege eines geeigneten Tierparks mit anderen zahmen Rabenvögeln ein dauerhaftes Zuhause erhalten.




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