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Die Odyssee der Flüchtlingsfamilie Hamchoro / Neue Heimat auf Zeit in Kleinenbremen

Das lange Warten auf den Pass

KLEINENBREMEN. Man muss vergessen, damit man leben kann“, lautet die traurige Erfahrung, die Mutter Roshan in der syrischen Flüchtlingsfamilie Hamchoro ausspricht. Fast drei Jahre sind sie, Familienvater Ibrahim und drei ihrer fünf Kinder in Deutschland, zwei Jahre und fünf Monate in Kleinenbremen, ein Jahr in der jetzigen angemieteten privaten Wohnung.

veröffentlicht am 03.01.2019 um 11:58 Uhr
aktualisiert am 03.01.2019 um 18:50 Uhr

Ibrahim Hamchoro (vorn von links), Amina, Roshan, Hartmut Haselau (hinten von links), Wahid und Christiane Haselau hoffen, das Aminas Pass in Kürze aus der syrischen Botschaft eintrifft. Foto: gs
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KLEINENBREMEN. „Man muss vergessen, damit man leben kann“, lautet die traurige Erfahrung, die Mutter Roshan in der syrischen Flüchtlingsfamilie Hamchoro ausspricht. Fast drei Jahre sind sie, Familienvater Ibrahim und drei ihrer fünf Kinder in Deutschland, zwei Jahre und fünf Monate in Kleinenbremen, ein Jahr in der jetzigen angemieteten privaten Wohnung.

Christiane und Wolfgang Haselau aus dem Verein „Hilfe für Flüchtlinge“ betreuen die Hamchoros im ungewohnten deutschen Alltag, unterstützen bei Behördengängen und beim Ausfüllen von Formularen. In einer Sache können Haselaus allerdings nicht helfen: Tochter Amina (19) wartet seit mehr als einem Jahr auf ihren Pass, den die syrische Botschaft in Berlin ausstellen muss.

Die Odyssee seit ihrer Flucht aus Aleppo im Norden Syriens, einer der größten dortigen Kriegsschauplätze, haben die Hamchoros zwar überstanden, allerdings ist die Familie seitdem auch getrennt. Drei der Kinder leben bei den Eltern in Kleinenbremen, zwei Töchter bei Verwandten in Schweden.

„Drei Jahre und vier Monate haben wir unsere beiden Töchter, inzwischen 18 und 16 Jahre alt, nun nicht gesehen. Aus Schweden dürfen sie nicht ausreisen, deshalb möchten wir sie besuchen“, schildern Roshan und Ibrahim Hamchoro. Sie selbst, Sohn Wahid (17) und Tochter Estera (11) besäßen jetzt die notwendigen Pässe für die Schwedenreise, lediglich Amina warte noch darauf.

Von Aleppo floh die siebenköpfige Familie nach Istanbul, arbeitete dort, um Schlepper für die weitere Flucht übers Mittelmeer nach Griechenland bezahlen zu können. Die weiblichen Familienmitglieder verdienten Geld als Näherinnen, der Vater arbeitete in einer Seifen-Fabrik. Als sich endlich eine Chance zur Flucht mit Verwandten ergab, hatten Hamchoros lediglich das notwendige Geld für Schleuser, um zwei Kindern die Flucht zu ermöglichen.

„Mit meiner Schwester und deren Kindern sollten die Mädchen uns vorausfahren, wir wollten so schnell wie möglich nachkommen“, erzählt Roshan. Die Töchter und die Verwandten landeten als Flüchtlinge in Schweden und leben dort nach wie vor.

Die in Istanbul zurückgebliebenen fünf Familienmitglieder arbeiteten und sparten, bis sie ihre eigene Flucht bei Schleusern finanzieren konnten. Sie flohen übers Mittelmeer, landeten in Griechenland und wurden von dort aus nach Deutschland gebracht, wo sie per Daumenabdruck registriert wurden. Sie mussten deshalb in Deutschland bleiben, konnten nicht nach Schweden zu Kindern und Verwandten weiter.

Für einen Besuch in Schweden und ein Wiedersehen nach mehr als drei Jahren sind Pässe nötig. Die Eltern reisten nach Berlin zur syrischen Botschaft, konnten Pässe für sich und die beiden minderjährigen Kinder Wahid und Estera beantragen. Die damals 18-jährige Amina musste ihren Pass persönlich beantragen, deshalb fuhr Vater Ibrahim noch einmal nach Berlin, begleitete seine Tochter vor mehr als einem Jahr in die syrische Botschaft. Seitdem wartet Amina sehnsüchtig auf ihren Pass.

Trotz aller Bemühungen um ein geregeltes Leben in Deutschland möchten die Eltern später gerne wieder in ihre Heimat: „Wenn der Krieg vorbei und Syrien ein sicheres Land ist, wollen wir zurück.“ Die Kinder Wahid, Estera und Amina sind anderer Meinung: „Wir bleiben gerne hier. Wir gehen in Schulen, haben Lernangebote und möchten einen Beruf unserer Wahl ergreifen.“

Amina besucht in Minden das Weser-Kolleg und kann in der Familie bisher am besten Deutsch sprechen: „Ich bin so froh, hier zu sein. Wir haben so viel Schreckliches erlebt, dass ich nachts noch davon träume.“ Mit Grauen denkt sie an die Flucht übers Mittelmeer zurück: „Als wir in der Türkei mit dem Schlauchboot aufs Meer hinaus wollten, bekam der Kapitän plötzlich Angst und weigerte sich, das Motorboot zu fahren. Panik brach aus, und ein mutiger Flüchtling navigierte dann das Schlauchboot“, erinnert sie sich. Irgendwann sei dann der Motor kaputtgegangen, und alle Flüchtlinge hätten vier Stunden auf dem Meer getrieben – ohne irgendwelche Hilfe. „Das Wasser im Boot stieg ständig, und wir mussten es über Bord schütten, bis es dann den Männern endlich gelang, den Motor wieder zum Laufen zu bringen. Wir konnten alle nicht schwimmen“, schildert Amina eine der lebensgefährlichen Situationen, die sie überstanden haben. Dass jetzt das Warten auf einen Pass Probleme macht, erscheint fast skurril. gs, mt




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