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MPS-Akteur Mirco Lehmann treffen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise mit voller Härte

„Das Vertrauen in Politik ist erschüttert“

BÜCKEBURG. Nicht nur auf dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum in Bückeburg kennt ihn jeder: In seiner geradezu ikonischen Rolle als „Der Tod“ zählt Mirco Lehmann seit rund einem Jahrzehnt zu den populärsten Akteuren der Mittelalterszene insgesamt. Doch ein Dreivierteljahr nach Beginn der Corona-Pandemie steht er wie unzählige Kollegen seiner Branche wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand. Unsere Zeitung hat sich mit dem 31-Jährigen über seine Erfahrungen unterhalten.

veröffentlicht am 30.11.2020 um 14:10 Uhr
aktualisiert am 30.11.2020 um 19:17 Uhr

jp01

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Es war 2009, als sich Mirco Lehmann als Mitglied des Heerlagers „Szandors Wolfspack“ aus einer spontanen Idee heraus als Tod gewandete, um dem traditionellen Pestumzug auf dem MPS noch mehr Flair zu geben.

Schon zwei Jahre später nahm ihn MPS-Chef Gisbert Hiller damit unter Vertrag. Neben den Mittelaltermärkten brachte Lehmann es zu besonders großer Popularität in der Social-Media-Szene durch sein über das Internet ausgetragenes Scharmützel mit dem TV-Moderator Stefan Raab. Vor vier Jahren machte der gebürtige Bremer dann seine Leidenschaft für die von ihm immer weiterentwickelte Sensenmann-Figur zum Hauptberuf als selbstständiger Künstler.

Bis dann die Corona-Krise wie ein alles vernichtender Asteroid in die Veranstaltungsbranche einschlug. Mirco Lehmanns Terminkalender des Jahres 2020 war zuvor randvoll mit Engagements gewesen, angefangen von der Mystica Hamelon über die komplette MPS-Saison und zahlreiche weitere Events in Deutschland, Luxemburg, Liechtenstein und der Schweiz bis zum Lichter-Weihnachtsmarkt in Dortmund. Doch mit Corona brach diese Terminschiene und damit seine gesamte wirtschaftliche Perspektive als selbstständiger Künstler wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Der populäre MPS-Akteur engagierte sich schon früh in der „Initiative Kulturschaffender in Deutschland“ (IKID), einem bundesweit agierenden Informations- und Solidaritätsnetzwerk von freischaffenden Akteuren der Kultur- und Kreativwirtschaft. „Doch schon bald musste ich mich vor allem mit meiner eigenen, zusammenkrachenden Existenz beschäftigen.“ Mirco Lehmann konnte die Raten für sein Auto nicht mehr abbezahlen, und nur eine direkte Unterstützung seiner Familie verhinderte, dass ihm die Bank schon im Juni das Fahrzeug pfändete. „Und ohne die Möglichkeit, Auftrittsorte zu erreichen, wäre es das für mich als Künstler gewesen.“

Die von der Bundesregierung offerierten Sofort- und Überbrückungshilfen kamen ihm dabei kaum zugute, da sie nur Betriebsausgaben abdeckten, nicht aber Lebenserhaltungskosten. „Und wenn ich keine Auftritte habe, habe ich auch keine Betriebsausgaben.“ Einen Hoffnungsschimmer bildete der vom MPS in Bückeburg veranstaltete Abenteuer- und Erlebnispark, der Mirco Lehmann immerhin an elf Wochenenden ein Engagement einbrachte. Das rechnet er dem Veranstalter ungemein hoch an: „Gisbert Hiller hat hier unter denkbar schwierigen Bedingungen und unter vollem Einsatz seines unternehmerischen Risikos einen Lichtblick für Publikum und uns Künstler geschaffen.“ Seitdem steht der Schwaneweder jedoch wieder ohne Engagements da. Mittlerweile musste er alle nicht unbedingt erforderlichen privaten Ausgaben auf Null fahren und zudem seine komplette Altersvorsorge und seine Lebensversicherung auflösen, um überhaupt noch genug zum Leben zu haben. Rücklagen besitzt Mirco Lehmann keine mehr: „Finanziell stehe ich jetzt noch schlechter da als vor Beginn meiner Berufsausbildung.“

Große Hoffnungen auf die Politik setzt er kaum noch: Allzu oft seien Versprechungen zu effektiver Unterstützung nicht erfüllt worden und zu viele Kollegen durch das Raster der bisherigen Hilfsprogramme gefallen.

„Unser Vertrauen in die Politik ist komplett erschüttert.“ Groß sei die Verbitterung in seiner Branche über die vielen vollmundigen Ankündigungen, niemanden im Stich oder zurückzulassen: „Solchen Versprechungen glauben wir mittlerweile erst, wenn das Geld auf dem Konto ist und wir uns Brot kaufen können.“

Entmutigen oder gar aufgeben ist Mirco Lehmanns Sache jedoch nicht. Statt auf Bühnen will der Tod-Darsteller seine Fans ab sofort digital ereichen. Auf der Internetplattform Twitch wird er von heute Abend an regelmäßig Live-Streams anbieten, in denen er beispielsweise zu mythologischen Themen Stellung nimmt, mit dem Publikum im Live-Chat interagiert oder allgemein das Thema Tod mit illustren Talkgästen diskutiert. Anderen Kollegen aus der Branche ist es bereits gelungen, sich über diese Schiene Einkünfte zu erarbeiten. Zu finden ist Mirco Lehmanns Kanal auf Twitch unter der Adresse

https://www.twitch.tv/dertod_unlife




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