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Autorin Karen Duve stellt neuesten Roman über Annette von Droste-Hülshoff in Bückeburg vor

Die rebellische Schriftstellerin

BÜCKEBURG. Annette von Droste-Hülshoff – allein der Name klingt irgendwie dröge, klingt nach endlosen Gedichten und nach ermüdenden Erinnerungen an nicht enden wollende Besprechungen im Deutschunterricht. Ein „Gespenst aus alten Zeiten“, nennt NDR-Moderatorin Julia Westlake die Lyrikerin mit Augenzwinkern, ein „eisiger Schatten der Pflicht“, der zu Schulzeiten nun mal besprochen werden musste. Dieses Gespenst ist nun auferstanden, und zwar mithilfe der Autorin Karen Duve und in Form ihres neuesten Romans, „Fräulein Nettes kurzer Sommer“. Den hat sie am Dienstagabend im Bückeburger Palais im Rahmen einer Lesung vorgestellt, präsentiert vom NDR-Kulturjournal sowie vom Bückeburger Kulturverein.

veröffentlicht am 28.11.2018 um 13:05 Uhr
aktualisiert am 28.11.2018 um 19:00 Uhr

Die Fans lassen sich nach der Lesung ihre Bücher von Karen Duve signieren. Foto: mld

Autor:

Marie-Luise Denecke
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Droste-Hülshoff, kurz zur Erinnerung, war deutsche Schriftstellerin und eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen. Geboren wurde sie 1797 in westfälischen, katholischen Adel und wuchs auf der Burg ihrer Familie im Münsterland auf. Am bekanntesten dürfte den meisten wohl ihre Novelle „Die Judenbuche“ sein. Diese handelt von einem unaufgeklärten Mord im westfälischen „Dorf B.“, ist Kriminalgeschichte und Milieustudie in einem. Eine Novelle, die Duve als „furchtbar zäh“ in Erinnerung hatte, als sie begann, sich mit Droste-Hülshoff zu beschäftigen, verriet die Autorin in Bückeburg.

Es sei eher Zufall gewesen, dass sie auf die Idee gekommen sei, über die Lyrikerin ein Buch zu schreiben: Sie sei auf Quellen gestoßen, die ihr gezeigt hätten, was für ein „lebensfrohes Mädchen“ Droste-Hülshoff eigentlich gewesen sei. „Ich war schnell von ihrer Lebensgeschichte eingefangen“, erzählte Duve im voll besetzten Saal.

Duves Roman schildert daher auch das Leben der jungen „Nette“: gerade 20-jährig, eingefangen zwischen familiären Pflichten, ihrem großen Ehrgeiz, Schriftstellerin zu werden, und ihrer Prägung durch die strengen Sitten ihrer Zeit. Das Aufblühen der Romantik und das Verhältnis von Adel und Bürgertum in einer Zeit – 1817 bis 1821 –, die sich, ebenso wie die kleinstaatliche Ordnung, bereits im dramatischen Umbruch befand.

Eine Passage, die Duve vorlas, schildert, wie die gerade 23-Jährige gemeinsam mit Heinrich Straube spazieren geht. Straube ist seines Zeichens Student und größte Hoffnung der Göttinger Poetengilde. Außerdem ist er schwer verliebt in die störrische, vorlaute Droste-Hülshoff. Die Gedanken, die Duve dem jungen Mann in den Kopf legt („Der Morgen erschien ihm plötzlich wie eine ungeeignete Tageszeit, um einen Kuss zu versuchen.“), lassen ihren Witz und ihre Sprachgewandtheit mehr als deutlich hervorblitzen.

Die Szene zwischen Wiesen, Treibhäusern und Adelssitz ist „rein spekulativ“, schilderte Duve auf Nachfrage von „Kulturjournal“-Moderatorin Westlake. (Das NDR-Kulturjournal präsentierte die Lesung im Rahmen seiner Reihe „Der Norden liest“.) Doch alles, was es an Fakten gab, habe sie recherchiert: die Begegnungen der Menschen untereinander, ihre Meinungen und Einstellungen, die Flora und Fauna, die Kleidung. Durch intensiven Briefwechsel sei das 19. Jahrhundert mit „am besten dokumentiert“, so Duve. Für die Recherche des Buches habe sie rund zwei Jahre gebraucht, in denen sie nicht nur Primärliteratur – allen voran Briefwechsel –, sondern auch viel Sekundärliteratur über die Zeit las. Teilweise musste Duve ein komplettes Buch lesen, nur um ein Detail eines Kleidungsstücks zu erfahren.

Der Versuch Straubes, „Nette“ zu küssen, sorgt nicht als einzige Szene für die Lacher des Abends. Mit großer Zärtlichkeit und feinem Spott skizziert Duve ebenfalls Hülshoffs Eltern – ihre strenge Mutter und ihren vogelvernarrten Vater – sowie die Weggefährten der jungen Dichterin, die sonderbaren Brüder Grimm etwa oder Hoffmann von Fallersleben. Viel Raum lässt Hülshoff auch den Umständen der Zeit: die weite Ödnis Westfalens mit unendlich schlechten Straßen, Kutschfahrten, die im besten Fall zu Nasenbluten und im schlechtesten Fall zu Armbrüchen führten, sowie gesellige Abende, an denen sich Adel, Bürger und rebellische Studenten vermischten. Raum erhält beispielsweise das Attentat auf den Dramatiker August von Kotzbue im Jahr 1819 durch den Studenten Karl Ludwig Sand, in dessen Folge die berühmten Karlsbader Beschlüsse erlassen wurden.

Das Leben ihrer Protagonisten wollte Duve „so dicht wie möglich“ darstellen, schilderte sie. Das, was nicht zweifelsfrei zu beweisen war, wurde daher so wahrscheinlich wie möglich rekonstruiert. Die Szenen, Dialoge und Gedanken ihrer Protagonisten liegen „im Bereich des historisch Möglichen und des psychologisch Wahrscheinlichen“. Duve verfolgte dabei unter anderem das Ziel, den richtigen Ton der Zeit zu treffen und die eher schwerfälligen Werke ihrer Hauptperson für die heutige Zeit zu „übersetzen“. Allein der Zustand ihres Arbeitszimmers zeuge noch immer von dieser akribischen Arbeit, verriet Duve. „Wird es also eine Fortsetzung geben?“, fragte Julia Westlake. Über die Antwort auf diese Frage hat sich Duve schon merklich Gedanken gemacht: „Ich vermute, ja.“

Buch: „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve, Verlag Galiani-Berlin, 25 Euro.




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