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Jörg Schönbohm auf Einladung der GfW in Bückeburg / Wende-Politik aus erster Hand

Ein Minister plaudert aus dem Nähkästchen

Bückeburg (kk). Karge Fakten und nackte Zahlen sagen nur wenig über Geschichte aus, langweilen eher, als neugierig auf Vergangenes zu machen. Selbst Themen der jüngeren Zeitgeschichte wie das Leben in der DDR, die „Wende“ und die Wiedervereinigung werden gerade von jungen Leuten eher desinteressiert betrachtet. Wenn überhaupt jemand diese Gleichgültigkeit aufbrechen kann, dann sind es engagierte Zeitzeugen, die auch etwas zu sagen haben. Junge Leute waren zwar leider im überfüllten Le-Theule-Saal kaum auszumachen, doch wer am Dienstagabend einer Einladung der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik (GfW) gefolgt war, der wurde nicht enttäuscht. Hier ergriff nämlich genau solch ein Zeitzeuge das Wort – und fesselte zwei Stunden lang das Auditorium: Jörg Schönbohm.

veröffentlicht am 14.10.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 19:21 Uhr

Als Lesung war der Abend angekündigt, doch der CDU-Politiker und Generalleutnant a.D. nutzte seine Biografie „Wilde Schwermut – Erinnerungen eines Unpolitischen“ eigentlich nur als Leitfaden – und sprach frei. Und das war ein Glücksfall: Gestenreich, fesselnd, humorvoll und kenntnisreich zog er die Zuhörer in seinen Bann. Seine oft kernigen politischen Thesen und Aussagen mögen nicht jedermanns Sache sein, eins müssen ihm aber auch Kritiker zugestehen: Gradlinigkeit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Bei Schönbohm weiß man, woran man ist.

Als Innensenator in Berlin und als Innenminister in Brandenburg hatte Schönbohm schnell den Ruf eines zupackenden Hardliners weg. Auch in Bückeburg verteidigte er Aussaggen wie „Integration darf keine Einbahnstraße sein“. Auch Thilo Sarrazins These, bestimmte Kulturkreise ließen sich nicht integrieren, kann Schönbohm zustimmen.

„Wichtig ist, dass solche Thesen sachlich diskutiert werden, das aber ohne die Moralkeule herauszuholen!“ machte der Ex-Innenminister klar. Und dann müssten Entscheidungen getroffen und auch durchgezogen werden. Das hat Jörg Schönbohm beim Militär gelernt.

Bekannt wurde er als Kommandeur des Bundeswehrkommandos Ost in Strausberg. In dieser Funktion koordinierte er die Auflösung der NVA und die Integration der verbliebenen Soldaten in die Bundeswehr. Besonders spannend war es, wenn er aus der Vor- und Nachwendezeit berichtete – und auch einmal aus dem Nähkästchen plauderte. Schmunzeln löste seine Schilderung aus, wie der den späteren US-Präsidenten Bush kennenlernte. Der war, damals noch Vizepräsident, mit Verteidigungsminister Manfred Wörner und Schönbohm im Hubschrauber an der innerdeutschen Grenze unterwegs. Im Schneesturm musste notgelandet werden, der General organisierte die Rückfahrt – im Zug (!) und mit einer Kiste Bier. Der Bogen des Abends war jedoch viel weiter gespannt: von der Flucht der Familie nach dem Krieg aus Brandenburg in den Westen bis zu seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik im Jahr 2009.

Als dankbaren und zufriedenen Menschen bezeichnete sich Jörg Schönbohm. Sein Lebensmotto: Wer will, dem ist nichts zu schwer (Ignatius von Loyola). – Das mochte man ihm gerne abnehmen.

Ein Zeitzeuge ersten Ranges: Jörg Schönbohm im Le-Theule-Saal im Rathaus.

Foto: kk




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