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Orthopädieschuhmachermeister: Wie sich die Arbeit von Bodo Schneider in 50 Jahren verändert hat

Einer der Letzten seiner Art

BÜCKEBURG. Früher war alles besser. Diesen Satz würde Bodo Schneider so nicht unterschreiben. „Nicht besser, anders“, sagt der 63-Jährige, der vor 34 Jahren seine Prüfung als Orthopädieschuhmachermeister ablegte und seitdem orthopädische Maßschuhe fertigt. „Die Veränderungen, die mein Berufsbild erlebt hat, sind gewaltig“, berichtet Schneider, der im Jahre 2020 auf das dann 50-jährige Bestehen seines im Gebäude Trompeterstraße 32 ansässigen Geschäftes blicken kann.

veröffentlicht am 27.11.2018 um 11:53 Uhr
aktualisiert am 27.11.2018 um 19:10 Uhr

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Autor:

THOMAS WÜNSCHE
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BÜCKEBURG. Früher war alles besser. Diesen Satz würde Bodo Schneider so nicht unterschreiben. „Nicht besser, anders“, sagt der 63-Jährige, der vor 34 Jahren seine Prüfung als Orthopädieschuhmachermeister ablegte und seitdem orthopädische Maßschuhe fertigt. „Die Veränderungen, die mein Berufsbild erlebt hat, sind gewaltig“, berichtet Schneider, der im Jahr 2020 auf das dann 50-jährige Bestehen seines im Gebäude Trompeterstraße 32 ansässigen Geschäftes blicken kann.

Früher wurden Schuhe von Hand rahmengenäht; heute dagegen wird fast nur noch geklebt, werden Lederabsätze und Brandsohlen oft durch Kunststoffe ersetzt. „Früher habe ich zwölf bis 14 Stunden gebraucht, um ein Paar orthopädische Schuhe aus 80 bis 100 Einzelteilen zusammenzusetzen“, erinnert sich der Bückeburger. 40 Minuten dauerte dabei alleine das Nähen.

„Heute braucht es nur noch acht bis zehn Stunden, um solch ein Paar Schuhe zu fertigen“, berichtet Schneider. Das liege nicht zuletzt daran, dass die Fertigungsmethoden moderner geworden seien und sich die Qualität der Klebstoffe im Lauf der Jahre enorm verbessert habe. Kleines Beispiel: „Früher haben wir handgetriebene Stahlfedern zwischen Absatz und Sohle eingesetzt. Die verhinderten zwar, dass sich der Schuh durchbog, lösten aber bei Sicherheitskontrollen an den Flughäfen regelmäßig Alarm aus“, sagt Schneider und schmunzelt. Inzwischen ist „Eisen im Schuh“ Vergangenheit, seine Funktion übernehmen thermoplastische Kunststoffe. „Jetzt fällt man bei den Kontrollen nicht mehr auf – und leichter sind die Schuhe auch noch geworden“, freut sich der Fachmann.

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Wenn er früher an der Trompeterstraße erst einen Topf mit Klebstoff und dann das Fenster öffnete, „da wusste ganz Bückeburg: Schneider klebt wieder“. Heute dagegen seien die Klebstoffe verträglicher, sodass er in der Werkstatt keine Gasmaske mehr tragen müsse. Obendrein sind die Maschinen leiser geworden, ist die Werkstatt dank verbesserter Absaugsysteme feinstaubfrei. „Da wir viel mit Leisten aus Buchenholz arbeiten, ist das besonders wichtig, denn dem Buchenstaub wird nachgesagt, dass er krebserregend ist“, so der Orthopädieschuhmachermeister.

Von seinem späteren Handwerk, das bereits sein Vater in Bückeburg ausübte, war Schneider schon früh fasziniert. Nach Lehr- und Gesellenjahren in Hannover legte er dort die Meisterprüfung ab, wechselte dann in die Ex-Residenz und stieg in den elterlichen Betrieb ein. „Fast 20 Jahre hatte ich ein eigenes Geschäft an der Echternstraße in Stadthagen sowie später einen kleineren Betrieb in Rinteln“, so Schneider. Irgendwann wurden zwei Geschäfte indes zu viel, „allein schon wegen der Fahrerei“. Als der Vater dann verstarb, fasste der Junior endgültig in Bückeburg Fuß.

Inzwischen ist Schneiders Beruf selten geworden, im Schaumburger Land zählt der Orthopädieschuhmachermeister zu den Letzten seiner Art. Einst hatte Schneider fünf Mitarbeiter, bildete auch immer wieder mal aus. „Nachdem der Letzte zur Meisterschule gegangen ist, stehe ich heute alleine im Geschäft“, sagt er.

Schneiders Frau Heike führt das Schuhhaus Schneider an der Langen Straße 24 und ist zudem als Podologin tätig. Doch: „Wir werden das Schuhgeschäft Ende April mit Auslaufen des Mietvertrages schließen“, so der Bückeburger. Wie lange er selbst die Schneider Fußorthopädie GmbH an der Trompeterstraße noch am Laufen halten will – das sei eine Frage, zu deren Beantwortung auch der Steuerberater beitragen werde.

Doch wie auch immer. Die Arbeit wird bis dahin nicht weniger. Und wenn früher auch nicht alles besser war, so doch eines: Es gab viel weniger Bürokratie. „Was seit Kurzem enorm zugenommen hat, das ist das Dokumentationswesen“, ärgert sich Schneider. Egal, ob Oberleder, Nähgarn oder Klebstoff – alles, was im Schuh verbaut wurde, muss samt Lieferant und Chargennummer genauestens nachgewiesen werden; es geht um Dinge wie Schadstofffreiheit. Geht es um orthopädische Schuhe für Diabetiker, wird sogar eine Fotodokumentation verlangt. „Inzwischen verbringe ich locker 15 Stunden die Woche mit Schreiben“, so der Bückeburger kopfschüttelnd.

Außer Orthopädie-Schuhen gehören Einlagen, teils komplett handgefertigt, teils aus vorgefertigten Rohlingen geformt, an der Trompeterstraße zum Kerngeschäft. Und selbstverständlich kann man auch seine Maß- und Konfektionsschuhe dort reparieren lassen. „Alexander zu Schaumburg- Lippe etwa ist Stammkunde, lässt seine handgearbeiteten und rahmengenähten Schuhe zu uns zur Reparatur bringen“, erzählt Schneider.




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