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Trauer und Wut in Kleinenbremen

Erste Gedenkfeier an der Stele von Konfirmanden mitgestaltet

KLEINENBREMEN. Wenn er an die Nazizeit denkt, wird Henry, Konfirmand in Kleinenbremen, nachdenklich, traurig und auch wütend. Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus hat der 13-Jährige einige Sätze aufgeschrieben, um sie vorzutragen.

veröffentlicht am 28.01.2019 um 14:38 Uhr
aktualisiert am 28.01.2019 um 18:10 Uhr

Konfirmanden übergeben Besuchern der Gedenkfeier Blumen. Foto: ly

Autor:

Stefan Lyrath
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„In dieser Zeit sind unglaublich viele gute Menschen diskriminiert, gefoltert und getötet worden“, heißt es da. „Ich bin wütend, da die Menschen eigentlich dafür da sind, sich gegenseitig beizustehen, egal welcher Herkunft, welcher Glaubensrichtung, Hautfarbe oder sexuellen Bestimmung sie sind. Wir Menschen sind nicht alle gleich, aber gleich viel wert.“

Konfirmanden wie Henry haben jetzt die erste Gedenkfeier an der Stele auf dem Kleinenbremer Kirchengelände mitgestaltet. Einige lasen aus Gedichten von Rose Ausländer und Else Lasker-Schüler, zwei Lyrikerinnen jüdischer Herkunft. Andere verteilten unter den Zuhörern Blumen, die später neben Gedichten und kurzen Texten am Zaun angebracht wurden.

Auch Henrys Zettel hängt vor dem Gedenkstein, der an alle NS-Opfer aus Kleinenbremen erinnert, darunter die jüdischen Familien Philippsohn und Tannenbaum. Der kleine Kurt Tannenbaum war erst sechs Jahre alt, als er damals in den Osten verschleppt wurde. Nicht einmal ein Grab bekam er nach seinem Tod.

Presbyter Hartmut Haselau hat die Konfirmanden im Unterricht auf die Gedenkfeier vorbereitet. „Ich bin erstaunt, wie viel Vorwissen sie hatten und wie motiviert sie mitgearbeitet haben“, fasst er zusammen.

Das Grauen war ganz nah. Rund 3300 Menschen waren in den drei Portaner KZ eingepfercht, eines davon im Festsaal des früheren Hotels „Kaiserhof“ in Barkhausen. In allen Lagern zusammen starben nach Schätzungen mehr als 500 Häftlinge.

Der Tod hatte viele Gesichter: Hunger, Krankheiten, Übergriffe der SS-Männer, Hinrichtungen oder „Vernichtung durch Arbeit“, wie es im Nazi-Jargon hieß. „Auch hier in der Nähe ist Unrecht passiert“, sagt Ekkehard Karottki, Pfarrer in Kleinenbremen. „Umso wichtiger, dass wir mahnen.“

Der jungen und jüngeren Generation komme dabei eine besondere Verantwortung zu. „Die Zeitzeugen“, so Karottki, „werden immer älter. Irgendwann sind sie ausgestorben. Dann liegt es an uns, die Erinnerung wachzuhalten.“

Mit ihrer etwa zwei Meter hohen Stele aus Obernkirchener Sandstein, eingeweiht vor einem Jahr, sind die Kleinenbremer einen eigenen Weg gegangen. Sie setzen auf einen Gedenkstein, der Gedenkstättenverein in Hausberge auf Stolpersteine. Die Kleinenbremer glauben, dass Stolpersteine in einem Dorf kaum wahrgenommen würden.

Der bundesweite Gedenktag erinnert an den 27. Januar 1945, die Befreiung von Auschwitz. Allein in diesem KZ, bestehend aus mehreren Lagern und Symbol für den Holocaust, sind weit mehr als eine Million Menschen ermordet worden, zu etwa 90 Prozent Juden.

„Was die Soldaten der Roten Armee dort vorfanden, war grauenvoll“, erinnert Pfarrer Karottki an damals. „Menschen, die überlebt hatten, sahen zum Teil nicht mehr wie Menschen aus.“ Auch dies gehöre zur deutschen Geschichte.




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