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Lese-Klassiker fasziniert

Frank Suchland liest Erich Kästner in der Hofbuchhandlung

BÜCKEBURG. „Man kann mitunter scheußlich einsam sein“, lautet die erste Zeile eines der bekanntesten Gedichte von Erich Kästner. Scheußlich einsam dürfte sich Frank Suchland in der Hofbuchhandlung Frommhold aber kaum gefühlt haben, als er dort mit seinem gleichnamigen Leseprogramm gastierte.

veröffentlicht am 07.05.2019 um 13:59 Uhr
aktualisiert am 07.05.2019 um 18:50 Uhr

Mit seinem Lese-Programm „Man kann mitunter scheußlich einsam sein“ sorgte Frank Suchland in der Hofbuchhandlung Frommhold einmal mehr für ein volles Haus. Foto: jp
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Johannes Pietsch Reporter zur Autorenseite
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BÜCKEBURG. „Man kann mitunter scheußlich einsam sein“, lautet die erste Zeile eines der bekanntesten Gedichte von Erich Kästner. Scheußlich einsam dürfte sich Frank Suchland in der Hofbuchhandlung Frommhold aber kaum gefühlt haben, als er dort mit seinem gleichnamigen Leseprogramm gastierte: Bis auf den letzten Platz und die hinterste Ecke war die Buchhandlung ausverkauft, als der Bückeburger Komponist und Rezitator dort Unterhaltsames, Nachdenkliches und Wissenswertes aus der Feder und aus dem Leben des Autors zu Gehör brachte, den Marcel Reich-Ranicki einmal als den „Sänger der kleinen Leute und Dichter der kleinen Freiheiten“ bezeichnete.

Es ist fraglos einer der echten Klassiker unter den Lese-Programmen im mittlerweile höchst umfangreichen literarischen Portfolio von Frank Suchland. Schon seit knapp zwanzig Jahren ist der Bückeburger damit weit über die Grenzen Bückeburgs hinaus auf Tour und noch immer ist die Faszination daran ungebrochen. Nach wie vor gibt es immer wieder Interessantes, Verblüffendes, Heiteres, aber auch Trauriges oder nachdenklich Machendes an der Vita und dem literarischen Werk von Kästner darin zu entdecken.

Der ist nach wie vor vielen Deutschen vor allem als der Autor so berühmter Kinderbücher wie „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ ein Begriff. Suchlands Lese- und Erzählprogramm zeichnet den Weg nach des jungen Kästner, der nahezu auf den Tag genau vor 120 Jahren am 23. Februar 1899 in Dresden als Sohn der beiden alles andere als glücklich verheirateten Eheleute Emil und Ida Kästner zur Welt kam, zu einem der ganz großen europäischen Literaten des 20. Jahrhunderts, und das unter den bewegten und düsteren Bedingungen der Weimarer Republik und des Dritten Reichs.

Schon seine Herkunft umgibt ein lang gehütetes Geheimnis: Denn Erich Kästner war, wie Suchland gleich an den Beginn seines Programms stellte, sehr wahrscheinlich nicht der leibliche Sohn des Sattlermeisters Emil Richard Kästner, sondern des jüdischen Hausarztes Emil Zimmermann. „Wäre dies damals schon bekannt geworden, hätte Kästner die Nazizeit sehr wahrscheinlich nicht überlebt“, so Suchland. Doch die Öffentlichkeit erfuhr erst 1982, somit acht Jahre nach Kästners Tod, durch die Forschung des kürzlich verstorbenen Kabarettisten Werner Schneyder davon.

Ein großes Augenmerk widmete Suchland dem Verhältnis des Autoren zu Frauen und dabei insbesondere der ungewöhnlichen Beziehung zu seiner Mutter Ida Kästner, dem „lieben Muttchen“, die darauf bestand, dass er ihr noch als Erwachsener regelmäßig die Wäsche schickte und der er in einer langen und intensiven Postkarten-Korrespondenz aus Berlin teilweise intimste Details seines wechselvollen Liebeslebens verriet. Auch in seinem literarischen Werk finden sich deutliche Spuren dieser merkwürdig intensiven Mutter-Sohn-Beziehung, wie Suchland aufzeigte: „In seinen Kinderromanen kommt fast nie ein Vater vor.“

Das Scheitern der Beziehung zu seiner Jugendliebe Ilse Julius schlug sich in dem wohl berühmtesten Gedicht Kästners nieder, der „Sachlichen Romanze“ von 1926, in dem einem Liebespaar nach acht Jahren urplötzlich die Liebe abhandenkommt „wie anderen Leuten ein Stock oder Hut“, und das in den berühmten Zeilen endet: „ Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen.“

Dass Kästner aber auch Hocherotisches und ganz gar nicht Jugendfreies zu Papier zu bringen wusste, bewies unter anderem sein „Präludium auf Zimmer 28“, ein Monolog, bei dem der männliche Part die anwesende Dame auf den bevorstehenden One-Night-Stand einstimmt: „Nur Mut, mein Schatz, du wirst mich gleich verstehen. Erst will ich mit dem Mund spazieren gehen. Und dann ... pardon, wie heißt du eigentlich?“




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