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Vor Gericht: Aldi-Messerstecherei

„Griechischer Wein“ – und dann fließt Blut

Bückeburg (ly). „Griechischer Wein“, immer wieder „Griechischer Wein“ – und das mitten in der Nacht. Weil der Hit von Udo Jürgens ununterbrochen durchs Haus schallte, ist ein Bückeburger (50) ausgerastet. Er nahm ein Taschenmesser und ging in die Nachbarwohnung, um für Ruhe zu sorgen.

veröffentlicht am 03.05.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:21 Uhr

Im Streit kam es zur blutigen Eskalation: Einem Hausbewohner (24) stach der 50-Jährige mit der sieben Zentimeter langen Klinge in den Hals, einem zweiten (58) in den Bauch. Seit gestern muss sich der mutmaßliche Messerstecher wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung vor dem Bückeburger Schwurgericht verantworten. Beide Opfer hätten sterben können.

Um bei Schlagerstar Udo Jürgens zu bleiben: „Ein ehrenwertes Haus“ ist das Gebäude an der Ecke Braustraße/Trompeterstraße, das ehemalige Aldi-Haus, in dem viele Parteien leben, eher nicht. Vielmehr sei es „gerichtsbekannt, dass das Haus problematisch ist“, so die Vorsitzende Richterin Dr. Birgit Brüninghaus. „Notarztwagen und Polizei waren öfter da“, erinnert sich der Angeklagte. „Und es wurde auch schon mal einer ins Koma geprügelt.“

Kurz vor ein Uhr nachts am 16. Dezember vergangenen Jahres sei bei den Nachbarn „mal wieder Randale“ gewesen, „Tür auf und Remmidemmi-Musik“. Nur „zur eigenen Sicherheit“ will der um den Schlaf gebrachte 50-Jährige damals das Messer eingesteckt haben, bevor er über den Flur ging. Was dann passiert ist, muss das Gericht durch eine umfangreiche Beweisaufnahme klären.

Der Angeklagte, der seinerzeit knapp 1,2 Promille Alkohol im Blut hatte, stellt die Taten als eine Art Versehen dar. Zwei Männern will er in jener verhängnisvollen Nacht gegenüber gestanden haben, zwei weitere waren nach dem Zechgelage bereits eingeschlafen. Angeblich sollte er aus der Wohnung gedrängt werden. „Es gab ein Gerangel, Hände und Fäuste kamen auf mich zu“, erzählt der 50-Jährige. Mit dem Messer habe er lediglich „herumgefuchtelt“, um zu zeigen: „Lasst mich in Ruhe.“ Doch die Männer seien weiter auf ihnen zugekommen. „Auf einmal war’s vorbei. Einer rief, dass er blutet. Ich habe gar nicht mitgekriegt, wer wo getroffen worden ist.“ Auf jeden Fall will der Bückeburger „nicht gezielt zugestochen“ haben. So weit die Version des Angeklagten.

„Ein, zwei Worte, dann blitzte etwas“

Beide Opfer haben die Situation anders in Erinnerung. „Ich wollte den Streit schlichten und habe in dem Moment das Messer in den Hals gekriegt“, berichtet der jüngere Mann. Wer zuerst verletzt worden ist, er oder sein Zechkumpan, weiß der 24-Jährige nicht mehr, der ohne ärztliche Hilfe hätte verbluten können. Vor Gericht schlägt der Arbeitslose eine Entschuldigung des Angeklagten aus, der sich jedoch nicht davon abhalten lässt.

Der zweite Mann, bei dem die Klinge unter dem Rippenbogen eingedrungen war, will den Messerstecher in Empfang genommen haben. „Ein oder zwei Worte, dann blitzte etwas“, berichtet er. Opfer Nummer zwei hat trotz allem ebenfalls noch Glück gehabt, weil der Stichkanal kurz vor einem Leberlappen endete.

Nach der Tat habe der Angeklagte das Messer abgewischt und sich wieder ins Bett gelegt, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft. Zwei Stunden zuvor soll er bereits einmal um Ruhe gebeten haben – zunächst mit Erfolg. Nach zwei Monaten in Untersuchungshaft ist der 50-Jährige zwischenzeitlich entlassen worden. Er ist offenbar gesundheitlich schwer angeschlagen.

Für den Prozess sind fünf Verhandlungstage anberaumt, 28 Zeugen geladen und als Sachverständiger ein Rechtsmediziner. Das Urteil soll am Montag, 17. Mai, verkündet werden.




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