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Vor 230 Jahren: Erbitterter Glaubensstreit

Leiche wieder ausgebuddelt

BÜCKEBURG. Rund um die Beisetzung Verstorbener hat es schon immer überraschende und zuweilen auch skurril anmutende Vorfälle und Begebenheiten gegeben. So turbulent wie vor 230 Jahren in Bückeburg dürfte es hierzulande jedoch nur selten zugegangen sein.

veröffentlicht am 28.12.2018 um 16:31 Uhr

Auf dem Kirchhof der altehrwürdigen Jetenburger Kapelle spielten sich vor 230 Jahren unerhörte Vorgänge ab. (Foto aus den 1930er Jahren). Repros: gp

Autor

Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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Im Mittelpunkt des Geschehens stand der damalige Superintendent Dr. Justus Froriep. Der Chef der evangelisch-lutherischen Landeskirche weigerte sich, der Beisetzung „reformierter Leichen“ auf dem Jetenburger Friedhof tatenlos zuzusehen.

Historischer Hintergrund: seit dem Ableben des bisherigen Landesherrn Philipp Ernst im Februar 1787 hatte dessen jugendliche Witwe Juliane das Sagen. Zu den ersten Amtshandlungen der forschen, von den Ideen der Aufklärung überzeugten Regentin gehörte die Neufassung der Bestattungsregeln. Danach mussten künftig – aus hygienischen Gründen – alle verstorbenen Untertanen, egal welcher Konfession, außerhalb der Dorf- und Stadtgrenzen unter die Erde gebracht werden.

Bis dato war das Gros der Leichname auf den direkt neben den Gotteshäusern gelegenen „Kirchhöfen“ entsorgt worden – in Bückeburg rund um die Stadtkirche. Als Lösung für die Residenz bot sich der Gottesacker der angrenzenden Bauerschaft Jetenburg an. Um für den dort zu erwartenden Mehrbedarf vorbereitet zu sein, wurde die dortige Anlage erheblich erweitert.

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Graf Friedrich Christian holte seit den 1690er Jahren an die 60 Hugenotten-Familien ins Land. Die ihnen gewährten Privilegien lösten über Jahrhunderte andauernde Spannungen aus.

Streit dreht sich nur

vordergründig ums Geld

Das Gros der örtlichen Religionsgemeinschaften, darunter auch die Katholiken, hatte gegen die gemeinsame Nutzung des neuen Begräbnisplatzes nichts einzuwenden. Anders Froriep und seine lutherischen Glaubensbrüder. Sie leisteten auch noch Widerstand, als die Regierung versprach, die reformierten Leichen auf einem separaten, durch eine Mauer und/oder Hecke abgeschirmten Teilbereich der Anlage unter die Erde zu bringen.

Vordergründig ging es beim Widerstand der Lutheraner auch um Geld. Die Mitglieder der Reformierten Gemeinde mussten, anders als Katholiken und Lutheraner, keine „Stolgebühren“ bezahlen. Das waren Extra-Abgaben, die unter anderem bei Kindtaufen, Trauungen und/oder „für Begräbnisplätze, Geläute und Gebrauch des Leichengeräthes“ anfielen. Die unterschiedliche Handhabung sorgte immer wieder für Unverständnis und Frust. Ein großer Teil der Alteingesessenen und insbesondere deren Seelsorger fühlten sich benachteiligt und bewusst zurückgesetzt. Solange beide Seiten getrennt voneinander beigesetzt worden waren, war nur unterschwelliges Murren zu hören. Nach dem Umzug auf den Jetenburger Friedhof aber flammte der alte Streit wieder voll auf.

Auslöser war das Ableben der Witwe Wessel, einer Angehörigen der Hugenotten-Gemeinde. Schon vor deren Beerdigung hatte Froriep dem örtlichen „Kuhlengräber“ (Totengräber) eingeschärft, künftig keine Grablöcher mehr für „Französisch-Reformierte“ ohne Zahlung der sonst üblichen Gebühren auszuheben. Als die Verstorbene kurz darauf – offenbar von Angehörigen ihrer Gemeinde – trotzdem klammheimlich beigesetzt wurde, schaltete Froriep seinen Kollegen Rauschenbusch, Pastor der Bückeburger Stadtkirchengemeinde, ein. Der ließ einige vertrauenswürdige (evangelische) Einwohner aus dem benachbarten Scheie mit Bauernvogt Nordmeier an der Spitze zu sich kommen und machte ihnen klar, dass „man jetzt ganz genau aufpassen müsse, sonst wäre in 30 Jahren die lutherische Kirche verloren“. Tags darauf machten sich die Scheier, mit Schaufeln bewaffnet, auf den Weg und buddelten Frau Wessel wieder aus. Von aufgeschreckten Anwohnern alarmiert, nahmen einige, in der Nähe einquartierte „Militärpersonen“ die Grabschänder fest und brachten sie zur Gendarmerie.

Die im Fall Wessel in besonderer Weise zutage getretene Abneigung der Lutheraner gegen ihre reformierten Glaubensbrüder war nur eine weitere Folge der knapp hundert Jahre zurückliegenden, auf Grund der damaligen Verhältnisse nahezu unvermeidlichen Versäumnisse. An Integration und Förderung des Zusammenlebens dachte damals noch keiner. So kam es, dass die seit 1692 ins Land geholten Hugenotten gesellschaftlich „außen vor“ blieben.

Als hartnäckigstes Hindernis für ein Zusammenwachsen mit den Einheimischen erwies sich deren Unverständnis ob der großzügigen Vorzugsbehandlung, die den aus ihrer französischen Heimat geflüchteten Neuankömmlingen vom damaligen Landesherrn Graf Friedrich Christian gewährt wurde. Dazu gehörten die Befreiung von Bürger- und Zunftgebühren, Freistellung vom Militärdienst sowie uneingeschränkte Berufswahl. Darüber hinaus bekamen die „Refugiés“ eine eigene Gemeinde, ein eigenes Gotteshaus, einen eigenen Friedhof und einen eigenen Prediger, für dessen Unterhalt die Regierung aufkam.

Umsonst mahnten Rat und Bürgermeister Bückeburgs 1728 ein Ende der Privilegien an. Es sei nur recht und billig, „daß nunmehro die Jahre, vermöge welcher die anhero geflüchteten reformierten Frantzosen von allen Bürgerlichen Lasten bishero frey gelassen und übersehen worden, verstrichen seyn“, war in dem Beschwerdebrief zu lesen. Deshalb müssten die „besagten Frantzosen, die mit denen übrigen Bürgern ihr Brodt aus dem gemeinschafftlichen Brodt-Korb gelanget, nunmehro auch in der Nothdurft gemäß seyn, daß sie gleich denen übrigen Bürgern zu Auffrechthaltung des gemeinen Weesens gemeinschafftliche Bürgerliche Lasten tragen helffen“.

Unruhestifter auf der Insel

Wilhelmstein arrestiert

Auch von Seiten der Nachfolger Friedrich Christians gab es des Öfteren (vergebliche) Versuche, die immer wieder öffentlich aufflammenden Spannungen zwischen „Teutsch-lutherischer Kirche“ und „Französischer Colonie“ mittels Paragraphen und Strafandrohung zu unterbinden. So brachte bereits 1746 der Sohn und Nachfolger Friedrich Christians, Graf Albrecht Wolfgang, eine „Verordnung, wegen einiger Verhältnisse beiderseitig protestantischer Religion Verwandten“ auf den Weg. Er habe „höchst mißfällig vernommen, daß zwischen beiderseits protestantischen Gemeinden Unserer Residenz-Stadt Bückeburg sich einige Irrungen hervorgethan“ hätten, heißt es in der Begründung. „Also befehlen Wir, diejenigen, die dagegen angehen mögten, zur schweren Strafe zu ziehen, und nicht zu gestatten, daß Unsere lieben und getreuen Unterthanen beiderseits Protestantischer Religion von einigen blinden Eiferern, und unruhigen Köpfen gestöret werden mögen“.

Die Jetenburger Aktion Frierops 40 Jahre später war für das gräflich-herrschaftliche Consistorium, höchste kirchliche (Gerichts-) Instanz des kleinen Territoriums, ein willkommener Anlass, um den ohnehin ungeliebten und als rebellisch geltenden Superintendenten und Professor der Theologie in die Schranken zu weisen und loszuwerden. Froriep und Rauschenbach durften nicht mehr predigen und wurden, „damit sie nicht die Möglichkeit hätten, die Einwohner zu förmlichen Tumulten zu verleiten“, auf dem Wilhelmstein „arrestiert“.Was dann folgte, könnte genügend Stoff für mehrere, mit jeder Menge Kuriositäten, Handgreiflichkeiten und Satire gespickte Historien- und Abenteuerfilme liefern.

Weil die Gefangenen weiter stur und uneinsichtig blieben, fassten die „zum Consistorio verordneten Räthe“ 1792 den Beschluss, „daß der Konsistorialrat Dr. Froriep und der Pastor Rauschenbusch ihrer Ämter zu „entsetzen sind“ und „Entfernung aus der Grafschaft Schaumburg-Lippe angeordnet wird“. Ebenfalls geschasst wurde Konsistorialrat Meyer aus Vehlen. Er bekam Order, sich binnen drei Tagen aus der Grafschaft zu entfernen, andernfalls würde er behördlicherseits außer Landes gebracht.

Die Revision der Beklagten beim kaiserlichen Kammergericht hatte keinen Erfolg. Alle drei wurden wegen „des Verbrechens der Aufwiegelung in Verbindung mit Besitzstörung, Gewalttätigkeit und Verletzung der Ehrerbietung gegen die Landesherrschaft“ verurteilt und außer Landes geschafft.

Sie nutzten die „Exekution“, um ein reichsweit viel beachtetes und amüsiert kommentiertes Spektakel zu zelebrieren. Das Grundproblem, nämlich die seit Ende des 17. Jahrhunderts zwischen den beiden evangelischen Gemeinden schwelenden Spannungen war dadurch nicht aus der Welt. Dazu kam es erst, als die Reformierten 1788 ihren eigenen, bis heute genutzten Friedhof beim Marschvorwerk erhielten.




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