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Lehrkräfte des Adolfinums erinnern an die Bücherverbrennung von 1933

„Man verbrennt keine Bücher!“

BÜCKEBURG. Ein „Juden-Junge“ wird gehänselt. Er soll zu Kreuze kriechen. Es gibt Beifall. Dietrich Heßling, sonst selbst eher ein ängstliches Kind, triumphiert in der Knabenklasse. Was auf den ersten Blick wie ein schlechtes Stück NS-Literatur wirken könnte, ist in Wahrheit ein Auszug aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“. 1933 gehörte er zu der langen Reihe der in ganz Deutschland verbrannten Werke.

veröffentlicht am 30.05.2018 um 15:00 Uhr
aktualisiert am 30.05.2018 um 17:50 Uhr

Adolfiner lesen und musizieren in der alten Lateinschule. Foto: vhs

Autor:

Volkmar Heuer- Strathmann
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Neben der breit angelegten Satire auf Preußentum und Untertanen-Geist standen bei der recht gut besuchten Lesung in der Stadtbücherei, mit der Lehrkräfte des Adolfinum an die Bücherverbrennung von 10. Mai 1933 erinnerten, Werke von Erich Kästner, Mascha Kaleko, Franz Kafka, Irmgard Keun und anderen verfemten Autoren der „Schwarzen Listen“ auf dem Programm. Bertolt Brechts Gedicht „Deutschland“, das auf dem Weg ins Exil entstand, wirkte dabei schon wie eine Bilanz der Nazi-Herrschaft: „O Deutschland, bleiche Mutter, wie haben deine Söhne dich zugerichtet!“

Mit ihren Blues-Stücken setzten Jan-Peter Voß (Elektropiano) und Jonas Lenz (Saxofon) Akzente, die auf besondere Weise zu dieser Lesung passten. Schließlich war die „schwarze Musik“ nach Art eines Louis Armstrong Teil der „entarteten Kultur“. Die beiden Musiker gehören zum Abiturjahrgang 2015.

Als gegen Ende der „Doppelstunde“ die Frage im Raum stand, wie heute mit einem Werk wie etwa dem Roman „Michael“ aus der Feder von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels zu verfahren sei, war man sich mit Stefan Brüdermann, dem Leiter des Staatsarchivs, einig: „Man verbrennt keine Bücher.“ Einer der anwesenden Schüler wies darauf hin, dass gerade auch diese Art Literatur zur Kultur der Zeit gehöre.

In dem Zusammenhang wurde auch an den „Fall Lulu von Strauß und Torney“ erinnert. Die aus Bückeburg stammende Dichterin hatte wenige Monate nach der Bücherverbrennung eine „Ergebenheitsadresse an den Führer“ unterzeichnet. Die Angelegenheit wäre sicherlich einen weiteren Literaturabend in der ehemaligen Lateinschule wert.

Katharina Bormann bedankte sich als Leiterin der Stadtbücherei bei Ute Böning-Spohr, Cornelia Kastning, Lara Langer, Sebastian Mietzner, Michael Pavel, Björn Riemer und Christoph Rohlfing für ihre eindringlichen Beiträge. Besondere Anerkennung erfuhr Renate Engelmann, die gemeinsam mit Schülerinnen wie der anwesenden Maike Brockmann eine Ausstellung zur Bücherverbrennung gestaltet hatte, die bis Ende Mai auch in der Stadtbücherei zu sehen war. Mit kurzen Texten von Erich Mühsam erinnerte die Bibliotheksmitarbeiterin an eines der ersten KZ-Opfer und dessen mahnende Verse: „Kommt nie die Zeit, da ihr die Zeit begreift?“




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