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Nach einem Schlaganfall: Jörg Stahlhut therapiert sich mit seinem selbstgebauten Verstärker

Mit 200 Kilohertz wieder sprechen und gehen

Bückeburg/Porta. Der 3. Oktober 2008 war für Jörg Stahlhut der Tag, der sein gewohntes Leben völlig veränderte. Plötzlich konnte er nicht mehr sprechen, seine rechte Körperhälfte war gelähmt. Gehirnblutung, einen Schlaganfall diagnostizierten die Ärzte im Klinikum Minden. Später lautete die Prognose, dass er nie wieder sprechen werden könne und wohl zeitlebens im Rollstuhl sitzen werde.

veröffentlicht am 03.08.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 23:21 Uhr

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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite

Gut, dass Jörg Stahlhut ein Kämpfer ist und nicht auf seine Ärzte hörte. Heute kann er sprechen, obwohl man ihm den Schlaganfall noch anhört. Heute kann er gehen, fährt sogar wieder Auto. Obwohl er seinen rechten Arm und seine rechte Hand immer noch schwer bewegen kann. Dass er früher Linkshänder war und im Alter von sechs Jahren umerzogen wurde, kommt ihm heute zugute.

Dass er das alles wieder kann, kommt davon, dass er sich mit Obertönen selbst therapiert hat, ist der heute 57-jährige gelernte Elektro-Ingenieur überzeugt, der bis zu seinem Schlaganfall im Außendienst für die Glasindustrie unterwegs war. Aus der Reha entlassen, treibt ihn der Ehrgeiz um. Er will wissen, wie sein Gehirn funktioniert, will sich trotz der Behinderung wieder selbst steuern können. Zufällig stößt er auf das Buch des Klangforschers Jonathan Goldmann, einem Amerikaner. Dieser beschreibt darin, wie er Schlaganfallpatienten erfolgreich mit Obertonmusik therapiert. Obertöne entstehen beim Sprechen oder beim Spielen von Musikinstrumenten. Da sie mit sehr hohen Frequenzen schwingen, sind sie nicht hörbar. „Aber wahrnehmbar“, wie Jörg Stahlhut im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Die Schallwellen können Menschen angeblich durch die Resonanz positiv beeinflussen, liest er. Und: Kranke Zellen könnten sich regenerieren. Stahlhut weiß sofort: „Die Therapie wird mir helfen. Mein Körper reagiert auf diese Obertöne.“

Und macht sich als gelernter Elektro-Ingenieur an die Arbeit. Ein Verstärker muss her, der Obertöne bis zu 200 Kilohertz darstellen kann. Denn je höher die Frequenz, desto größer die Therapiechancen, hat er gelesen. Das Problem: Handelsübliche Verstärker werden bei 40 Kilohertz gekappt. Schaltpläne werden entwickelt, spezielle Materialien herausgesucht, tief in die Materie eingestiegen. Erste Versuche werden verworfen. Dann steht die Konstruktion des Erfinders: ein Einzelexemplar im Wert von rund 5000 Euro. Mit einem Sandsteingehäuse, um Resonanzen zu beruhigen und Magnetfelder zu eliminieren. Dazu Silber für die Leitungen, Glimmer zum Isolieren und Quarz zum Harmonisieren. Obendrauf vier altmodische Röhren, die für einen warmen Klang sorgen.

Dazu kommen spezielle Boxen, sogenannte Rundumlautsprecher, die den Klang holografisch im Raum verteilen: wie ein Kegel rundherum und kein Direktschall, wie der Elektro-Ingenieur erklärt. Dazu wird spezielle, obertonreiche Musik wie gregorianische Gesänge oder Musik mit Klangschalen mit dem Profi-CD-Player abgespielt.

Jörg Stahlhut therapiert sich, hört täglich Musik. Mit eiserner Disziplin zwingt er seine geschädigte linke Gehirnhälfte, mit der rechten „in Kontakt zu treten“. Was ihm nach seiner Darstellung gelingt. In kleinen, aber erkennbaren Schritten bessert sich seine Situation, er kann immer besser sprechen, immer besser gehen. Oder wie er es beschreibt: „Wenn ich Musik höre und das Telefon klingelt, kann ich ohne Probleme hingehen und sprechen. Erst nach und nach merke ich, wie ich immer mehr verkrampfe. Für mich ein Schlüsselerlebnis.“ Das er auch hat, wenn er Musik mit einem Gettoblaster hört: „Da fängt mein Bein und mein Arm an, spastisch zu zucken.“ Ob er ein Einzelfall ist, weiß Jörg Stahlhut nicht: „Mir jedenfalls hilft diese Therapie.“

Dass diese Therapie auch anderen helfen kann, davon ist zumindest aber seine Physiotherapeutin Elke Bernstein überzeugt, die ihre Praxis in Bückeburg betreibt. Sie hat sich von dem Hausberger Jörg Stahlhut ein zweites Exemplar seines Verstärkers bauen lassen, setzt es jetzt in ihrer Praxis zur Klangtherapie ein. Wie sie erklärt, komme es durch den Klang der Obertonmusik zu einer vermehrten Hormonausschüttung im Körper dem Dopamin. Dieses Hormon fördere den Drang nach Bewegung, „den Drang, etwas zu tun“. Was eine ideale Unterstützung in der Schlaganfallbehandlung sei. Alte, verloren gegangene Bewegungsmuster wie Gehen, Greifen oder Halten könnten wieder wach gerüttelt werden, Patienten leichter stimuliert werden. Auch Therapien bei Tinnitus, ADHS oder bei zu viel Stress seien denkbar: „Eine ganz neue Schiene.“

Jörg Stahlhut wird jedenfalls nicht in die Serienproduktion der Verstärker einsteigen, obwohl derzeit noch zwei weitere im Bau sind. „Kann ich auch nicht, weil mir das einhändige Löten und Werkeln schwer fällt und sehr lange dauert.“

Hinweis: Elke Bernstein lädt am Donnerstag 9. August, um 17 Uhr zu einem Informationstag ein. Anmeldungen unter (0 57 22) 90 61 47 sind unbedingt erforderlich.




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