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Schaumburger Landschaft: Wissenschaftliche Aufarbeitung der Arbeit Hermann Muckermanns erforderlich

Mit Umbenennung nicht getan

BÜCKEBURG. War Hermann Muckermann ein Antisemit und Wegbereiter der Euthanasie in der NS-Zeit? Eine Frage, die unsere Zeitung aufgeworfen hat, als sie die Gedenktafel an der Muckermann-Passage aufgegriffen hat, mit dem das Brüderpaar – und Jesuiten – Friedrich und Hermann Muckermann als zwei von neun Kindern als „besonders bekannt“ bewertet werden. Mit einer Umbenennung oder Neugestaltung der Gedenktafel sei es nicht getan, sagt Etwa Dr. Lu Seegers, Geschäftsführerin der Schaumburger Landschaft. Die Arbeit Muckermanns müsse wissenschaftlich und archivalisch aufgearbeitet werden, Erkenntnisse einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

veröffentlicht am 06.03.2019 um 13:24 Uhr
aktualisiert am 06.03.2019 um 18:20 Uhr

Das Geburtshaus der Muckermanns an der Ecke von Langer Straße und Wallstraße auf einem undatierten Archivfoto von Anfang der 70er-Jahre. Foto: Archiv
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Raimund Cremers Redakteur zur Autorenseite
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BÜCKEBURG. War Hermann Muckermann ein Antisemit und Wegbereiter der Euthanasie in der NS-Zeit? Eine Frage, die unsere Zeitung aufgeworfen hat, als sie die Gedenktafel an der Muckermann-Passage aufgegriffen hat, mit dem das Brüderpaar – und Jesuiten – Friedrich und Hermann Muckermann als zwei von neun Kindern als „besonders bekannt“ bewertet werden: „Diese gelangten als Wissenschaftler bzw. Publizisten zu hohem Ansehen und waren aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus.“

Während dieses Gedenken auf Friedrich Muckermann (1883 bis 1946) zweifellos zutrifft, wird die Rolle Hermann Muckermanns (1877 bis 1962) mittlerweile deutlich kritischer gesehen. Er vertrat rassistische und antisemitische Thesen, plädierte für eine Isolierung „erblich vorbelasteter Menschen“ und machte sich als Naturwissenschaftler und „Eugeniker“ einen Namen, galt in dieser Frage aber eher als gemäßigt, so der Historiker Georg Lilienthal. Gegen Muckermann verhängten die Nationalsozialisten – trotz dieses Rufs – nach ihrer Machtergreifung ein Publikums- und Redeverbot.

Seine wissenschaftlichen Ausarbeitungen vor der NS-Zeit waren 2007 bei der Benennung der Muckermann-Passage und dem Anbringen der Gedenktafel nicht so bekannt, erst jüngere wissenschaftliche Publikationen gehen deutlich kritischer mit Hermann Muckermanns Forschungen um. Sie haben Zweifel gesät, die auch Johannes Kersting von der Katholischen Pfarrgemeinde St. Marien, damals eine treibende Kraft hinter der Würdigung der Muckermanns an ihrem Geburtshaus an der Langen Straße 79, zum Umdenken bewegt haben.

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Vor dem Geburtshaus der Muckermanns erinnert ein Stolperstein an den Jesuiten Friedrich Muckermann, keiner an seinen umstrittenen Bruder Hermann. Foto: rc

Kritisch sehen die derzeitige Würdigung Hermann Muckermanns auf der Gedenktafel auch zwei heimische Institutionen, die ihres Auftrags wegen mit den Muckermanns befasst sein könnten: Das Niedersächsische Landesarchiv und die Schaumburger Landschaft. Beide plädieren für eine differenzierte Beschäftigung mit dem Thema.

Wie der Leiter des Landesarchivs, Stefan Brüdermann sagte, sei Hermann Muckermann „keine Bückeburgerische Gestalt“. Im Staatsarchiv gebe es keine Dokumente über ihn. Muckermann hatte vor und nach dem II. Weltkrieg in Berlin gearbeitet und gelehrt.

Wie Brüdermann ausführte, verletzte „aus unserer heutigen Sicht“ die von Hermann Muckermann vertretene Eugenik Menschenrechte. Ihre praktische Anwendung habe für viele Menschen gravierende Eingriffe zur Folge gehabt. Es sei aber auch nicht richtig, eine direkte Verbindung von Muckermann zu den Lehren des Nationalsozialismus oder gar zur Euthanasie zu ziehen, so Brüdermann weiter: „Einerseits wurde die Eugenik in vielen, politisch ganz unterschiedlichen Ländern der Welt vertreten und auch angewendet.“ Andererseits habe sich Muckermann 1933 auch klar abgegrenzt gegenüber der nationalsozialistischen „Rassenlehre“, und er war aus religiösen Gründen strikt gegen Zwangssterilisierungen. Brüdermann: „Es war daher nur folgerichtig, dass ihm die Nationalsozialisten nach der Machtübernahme die Lehrerlaubnis entzogen.“

Auch Priv.-Doz. Dr. Lu Seegers, die Geschäftsführerin der Schaumburger Landschaft, verwies auf Anfrage darauf, dass der Landschaft keine archivalischen Unterlagen über Hermann Muckermann vorliegen. Die Eugenik sei seit den 1930-er Jahren Thema weiter politischer Kreise gewesen, so die habilitierte Zeithistorikerin. So war es die Zentrumspartei und deren Volkswohlfahrtsminister Heinrich Hirtsiefer, die den preußischen Landesgesundheitsrat zu einem Entwurf für ein Gesetz über freiwillige Sterilisationen aus eugenischen Gründen bewegten. Dieser Entwurf enthielt keine Vorgaben für Zwangsmaßnahmen.

Nach dem Stand der Forschung war Hermann Muckermann federführend an der Ausarbeitung dieses Gesetzentwurfes beteiligt. Seine Positionen und Beweggründe müssten jedoch genau analysiert werden, so Seegers. In jedem Fall unterscheide sich aber der Gesetzesentwurf ganz deutlich von dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ der Nationalsozialisten, das am 14. Juli 1933 verabschiedet wurde und am 1. Januar 1934 in Kraft trat. Das berüchtigte Gesetz war durch eine breite, rassistisch motivierte Möglichkeit zur Zwangssterilisation von unklar definierten Personengruppen gekennzeichnet.

Zur Muckermann-Passage und der Gedenktafel sagte Dr. Seegers, dass es mit einer Umbenennung oder Neugestaltung der Tafel nicht getan sei. Vielmehr müsse tiefergehend und ausführlich über Leben und Wirken Hermann Muckermanns aufgeklärt und informiert werden, etwa in Form einer Homepage, deren Adresse auf der Tafel angegeben wird – und die erstellt werden müsste. Dazu sei es notwendig, die Arbeit Muckermanns wissenschaftlich und archivalisch aufzuarbeiten.

Dr. Seegers bot sich an, Kontakte zum Lehrstuhl „Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung des Nationalsozialismus“ an der Humboldt-Universität zu Berlin zu nutzen, um Möglichkeiten zur Erstellung einer Dissertation über Hermann Muckermann ausfindig zu machen. Im Zusammenwirken mit der Stadt Bückeburg und der Arbeitsgruppe Geschichte der Schaumburger Landschaft, der auch eine Medizinhistorikerin angehört, könnten die Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Dr. Lu Seegers abschließend: „Es gibt keine einfachen Antworten.“




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