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Aberkennung der Ehrenbürgerschaft als symbolischer Akt des Rates der Stadt Bückeburg

Nazi Dr. Alfred Meyer nicht länger Ehrenbürger

Bückeburg. Seit über 70 Jahren ist Dr. Alfred Meyer, einer der ranghöchsten Gefolgsmänner der Nazidiktatur, bereits tot. Nun hat der Rat der Stadt Bückeburg dem ehemaligen Gauleiter posthum die Ehrenbürgerschaft aberkannt, die der Rat der Stadt dem Mann am 7. August 1936 verliehen hatte: „Der Rat distanziert sich von der während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur verliehenen Ehrenbürgerschaft für Dr. Alfred Meyer.“

veröffentlicht am 06.01.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 10:41 Uhr

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Das Ehrenbürgerrecht sei an das Leben des Beliehenen gebunden. Es kann lediglich zu Lebzeiten der zu ehrenden Person verliehen und entzogen werden und erlischt mit dessen Tod, heißt es in der Beschlussvorlage: „Die Ehrenbürgerschaft ist damit durch dessen Tod erloschen: „Die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft ist ein symbolischer Akt des Rates der Stadt Bückeburg.“

Wie Bürgermeister Reiner Brombach erläuterte, sei Dr. Alfred Meyer kein Bückeburger gewesen, wohl aber eine bedeutende Person des Regimes. Er habe dafür gesorgt, dass der damalige Bürgermeister Karl Wiehe seines Amtes enthoben und durch Albert Friehe – der sich dadurch hervortat, dass er politische Gegner und Juden schärfer als anderswo drangsalierte und verfolgte – ersetzt wurde. Wie die Stadt in ihren eigenen Büchern und über das Staatsarchiv habe recherchieren lassen, seien während der NS-Zeit keine weiteren Ehrenbürgerrechte verliehen worden: Meyer scheint der Einzige zu sein.“ Brombach: „Wir wollen nicht, dass dieser Name in den Büchern der Stadt stehen bleibt.“

Mit dem Leben und abscheulichen Wirken von Dr. Alfred Meyer hat sich unser Autor Wilhelm Gerntrup näher auseinandergesetzt: Wie viele andere NS-Aktivisten gehörte Meyer zur Weltkriegsgeneration. Das Versailler Friedensdiktat erlebte der 1891 in Göttingen geborene Sohn eines preußischen Regierungsbeamten in französischer Gefangenschaft. Nach der Rückkehr im Jahre 1920 und einem anschließenden Studium fand er Arbeit auf der Zeche „Graf Bismarck“ in Gelsenkirchen. 1928 trat er der NSDAP bei. Der promovierte Jurist machte schnell Karriere. Noch im selben Jahr wurde er Ortsgruppenleiter, wenig später Vorsitzender des Bezirks Emscher-Lippe, und 1931 machte ihn die Parteiführung zum Leiter des Gau-Bezirks Westfalen-Nord – ein Posten, der ihn nach der Machtergreifung zu einem der mächtigsten Männer im NS-Staat werden ließ. Zuvor war er im Zuge der für die NSDAP triumphalen Wahl im September 1930 als einer von 107 nationalsozialistischen Abgeordneten in den Reichstag eingezogen. Es entwickelte sich eine enge Verbundenheit zu Hitler.

Zu Meyers Herrschaftsbereich als Gauleiter gehörten der nördliche Teil der preußischen Provinz Westfalen, das Land Lippe (-Detmold), der Freistaat Schaumburg-Lippe und der verwaltungsmäßig zur preußischen Provinz Hannover gehörende Kreis Grafschaft Schaumburg. „Gauhauptstadt“ war Münster. Zur Festigung der staatlichen Macht- und Verwaltungsstruktur wurde der bis dato parteiinterne Gauleiter-Job mit hoheitlichen Ämtern und Funktionen wie „Reichsstatthalter“ und „Staatsminister“ von Lippe und Schaumburg-Lippe (seit 1933), Führer der lippischen Landesregierung, „Oberpräsident“ der Provinz Westfalen (1936) und (seit 1942) „Reichsverteidigungskommissar“ angereichert und aufgewertet.

Obwohl das Schaumburger Land in puncto Größe und Bedeutung innerhalb des Gaues eine eher untergeordnete Rolle spielte, hielt sich Meyer oft und gern in der hiesigen Region auf. Nicht von ungefähr machten ihn Bückeburg und Rinteln zum Ehrenbürger. Zeitzeugen schilderten den bekennenden Führer-Fan als eher unscheinbaren Funktionärstyp. Er war nicht besonders groß und sein Auftreten nicht besonders eindrucksvoll. Unabhängig davon soll er ein wortgewandter und zuweilen mitreißender Redner gewesen sein. Er war verheiratet und Vater von fünf Töchtern.

1941 berief Hitler den getreuen Gefolgsmann – parallel zu den bisherigen Aufgaben – zum Stellvertreter von Minister Rosenberg in das „Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“. Das Ressort war im Zuge des Überfalls auf die Sowjetunion eingerichtet worden. Als Vertreter Rosenbergs nahm Meyer am 20. Januar 1942 an der so genannten „Wannsee-Konferenz“ teil, auf der – in Gegenwart von Heydrich, Freisler und Eichmann – die „Endlösung der Judenfrage“ besprochen und auf den Weg gebracht wurde. Die unmittelbare Nähe zu Hitler und die persönliche Verquickung mit dem Holocaust waren es wohl auch, die in Meyer – den nahen Untergang vor Augen – den Entschluss zum Selbstmord heranreifen ließ. Zuvor hatte sich der damals 54-Jährige mit der zurückweichenden Front von Münster aus immer mehr in Richtung Osten abgesetzt. In den Tagen nach Ostern 1945 (1./2. April) tauchte er im heutigen Landkreis Schaumburg auf, dem äußersten Grenz-Zipfel seines Gaubezirks.

Irrwitzig-hektische Einsatzkommandos

Als „Stabsquartier“ dienten Meyer und dessen letzten Vertrauten ein leer stehendes Kindererholungsheim in der Nähe des Bahnhofs Krainhagen-Röhrkasten bei Obernkirchen. Man erging sich in sinnlosen Lagebesprechungen und der Abfassung irrwitzig-hektischen Einsatzkommandos. Die Verhältnisse in der Ex-Gaststätte schilderte der schaumburg-lippische NS-Regierungschef Dreier nach einem Besuch so: „Er (Meyer) wirkte sehr niedergeschlagen und ging mit uns, wohl um Zuhörer auszuschalten, in den Garten des Lokals. Dort vertraute er mir an, dass er sich von allen seinen Mitarbeitern schwer enttäuscht sehe. In einer Art Untergangspsychose oder Panik seien bis auf einige wenige die meisten ständig betrunken. Mit den weiblichen Angestellten des Gaustabes würden wilde Sexorgien gefeiert, und jeder denke daran, schnellstens bei Feindannäherung als Unbekannter mit falschen Papieren unterzutauchen“.

Am 4. April wurde Meyer auf dem Kommandostand des fanatischen Rintelner Wehrmachtsbefehlshabers Oberst Picht gesichtet. Dessen Einheit leistete trotz der völlig aussichtslosen Situation erbitterten Widerstand, wurde jedoch schließlich von den Amerikanern eingekesselt und aufgerieben. Die letzten Schüsse fielen am 11. April 1945 in dem unübersichtlichen und unwegsamen Gelände rund um die hoch über dem Wesertal gelegene Burg Schaumburg. Wo und wie sich Meyer in diesen und den folgenden Tagen aufhielt, ist unklar. Vieles spricht dafür, dass er zum Schluss einsam und gehetzt durch die Wälder irrte.

Ende April 1945 fand ein Holzsammler zu Füßen der Felsanhöhe „Hohenstein“ bei Zersen (Hessisch Oldendorf) eine bereits stark verweste männliche Leiche. Laut Polizeiprotokoll war sie mit einer braunen Stiefelhose bekleidet. Neben dem Körper lag eine Pistole, eine Art Notizbuch und eine zerbrochene Ampulle. Trotz mehrerer gegenteiliger Darstellungen und Vermutungen geht man heute davon aus, dass es sich bei dem unbekannten Toten um Meyer gehandelt hat. Letzte Sicherheit gibt es nicht. Auch eine später von den Engländern angeordnete Exhumierung brachte keine endgültige Klarheit.

Als Hauptindiz für die Identität Meyers gilt das bei der Leiche aufgefundene, handschriftliche Papier. „Ich schreibe im Dunkeln“, ist darin zu lesen. „Das letzte Stück meines Gaues ist heute verloren gegangen. Wir haben Rinteln und die Weser tapfer verteidigt. Im letzten freien Stück meines Gaues nehme ich Abschied vom Führer, dem meine innigsten Wünsche gehören, von Deutschland. Es wird frei werden und nationalsozialistisch bleiben. Ich nehme Abschied von meiner Liebsten, von meinen Lieben. Möchte es ihnen gut ergehen. Ich habe die Freiheitsbewegung aufgebaut. Sie zu führen, fehlt mir die Gesamtheit der physischen Kraft. Die Anstrengungen der letzten Tage haben es bewiesen“.




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