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Wie Modedesign-Studenten die alte Schaumburger Kleidung interpretieren

Tracht wird Couture des 21. Jahrhunderts

Bückeburg. Dass die Schaumburger Tracht weitgehend aus dem Alltagsleben verschwunden ist, daran haben wir uns schon fast gewöhnt. Kaum ein Jugendlicher möchte in den schweren Röcken gesehen werden. Traditionelle Tracht gilt als altbacken und verstaubt.

veröffentlicht am 29.05.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 21:41 Uhr

Wie es anders gehen könnte, zeigen seit fast einem Jahr Studierende der Fachrichtung Modedesign der Hochschule Hannover. Ihr Projekt „Nach Neuem Trachten“ lässt sich von der Traditions-Tracht inspirieren und gibt ihr – mit Spielzeugperlen am Korsett oder Paillettenstickerei auf Leder – ein neues Gepräge. Da werden Jeansstoffe mit Häkelwerk kombiniert und eine Robe mit Krallenband und Nesselmuster. Modern und schick ist das, funktional und tragbar. Oder anders gesagt: Die „neue Schaumburger Tracht“ ist keine „Oma-Kleidung“, sie ist „Couture“ für das 21. Jahrhundert, sie ist „das was getragen wird“ (alte Bedeutung des Worts traht(a)).

Unterstützt wird das Projekt von den Dozenten Prof. Glomb, Prof. Carsten Brehm (beide Modedesign) und Knut Volkmar Giebel (Fotojournalismus und Dokumentarfotografie), die sich beim Pressegespräch in den Räumen der Schaumburger Landschaft über das Engagement der Studierenden höchst erfreut zeigten. „Nachdem wir klargemacht haben, dass es nicht um die Erfindung einer Comic-Tanztrachten-Dudelei geht, sondern darum, die Tracht ernst zu nehmen, das Gefühl ihrer Wertschätzung zu transportieren, war sofort eine große Begeisterung für das Projekt da“, sagt Martina Glomb. Das Ziel sei gewesen, sich von der Tracht inspirieren zu lassen und die traditionellen Formen der Tracht mit den Anforderungen an eine zeitgemäße Bekleidung zu verbinden. „Wir haben uns die Frage gestellt: Wie könnte es aussehen, wenn die Tracht nicht fast ausgestorben wäre und alle modischen Entwicklungen mitgemacht hätte.“ Wie sähe die Tracht dann aus?

Auf diese Weise sind fünf unterschiedliche Kollektionen entstanden, die verschiedene Elemente der Schaumburger Tracht zitieren und in die heutige Zeit übertragen. Die verwendeten Techniken reichen von Siebdruck-Grafitti über digital verfremdete Borten bis hin zu wirr herunterhängenden Fäden, die der ornamentalen Handarbeit ihren starren, verstaubten Charakter nehmen soll. Bei den industriellen Kollektionen arbeiteten die Studierenden in Teams. „Das soll sie auf die Arbeitsweise in der Bekleidungsindustrie vorbereiten“, erläutert Prof. Carsten Behm. Gefertigt wurden Mäntel, Jacken, Blusen, Tops, Hosen und Röcke sowie eine moderne Ganzjahreskollektion, bestehend aus 25 Outfits für Frauen mehrerer Generationen und für unterschiedliche Anlässe. Aufgabe war es, die „Neue Schaumburger Tracht“ in die Moderne zu führen und an heutige industrielle Fertigungsverfahren anzupassen. Nur so, sagt Behm, könnten moderate Preise ermöglicht werden.

Hilfe und Anregungen holten sich die angehenden Modedesigner dabei auch im Schaumburger Land. Trachten-Schneider Erich Eberding steuerte sein Wissen bei, genauso wie die Weberei „Seegers & Sohn“ aus Steinhude. Darüber hinaus lassen die Studierenden hier traditionelle Leinenstoffe zur Einbindung in die Kleidung anfertigen. Fahrten ins Umland lieferten genauso wichtige Eindrücke, wie Gespräche mit alten Trachtenträgerinnen. „Es gab beispielsweise einen Verbesserungsvorschlag zur Haube. Die hat wohl beim Autofahren gestört“, erzählt Glomb. Dazu kamen die Unbeweglichkeit des sechs Kilo schweren Rocks und die Nichtwaschbarkeit der Tracht. „Eine Studentin hat mir erzählt, dass sie sich immer ein wenig geschämt habe, wenn sie mit ihrer Tracht tragenden Großmutter nach Hannover gefahren ist. „Die hat dann immer ein wenig gerochen.“ Helfen kann, dass die neue Tracht aus anderen Stoffen gefertigt wird und einzelteiliger ist. Stinken muss heute keiner mehr.

Sigmund Graf Adelmann sieht das Projekt „äußerst positiv“. Es sei beim Niedersachsen-Tag auf sehr großes Interesse gestoßen. „Heimat und Tracht sind ein Ruhepol, und das Bedürfnis ist in Zeiten der Globalisierung sehr groß.“ Einen Dank richtete der Geschäftsführer an das Ministerium für Wissenschaft und Kultur , dass das Projekt mit 50 000 Euro (Schaumburger Landschaft: 20 000 Euro) unterstützt.

Am 2. November werden die Kollektionen auf Schloss Bückeburg gezeigt. Es gibt eine Ausstellung und Modenschau der Studenten. Und dann? Es werde auf jeden Fall weitergehen mit dem Projekt, sagt Martina Glomb. „Allein schon wegen des großen Interesses der Studierenden.“ Eine Produktion der neuen Schaumburger Tracht liege im Bereich des Möglichen. „Und wenn es nicht klappt, war auch das eine Forschungsarbeit.“ Prof. Carsten Behm sieht den Wert des Projekts auch darin einen Fingerzeig zu geben, „dass es hier ein Risenkonvolut an Ideen gibt, das noch längst nicht abgedeckt ist.“ Es gehe darum „die Kulturgeschichte weiter zu tragen und nicht den Blick immer nur nach außen zu richten.“mig




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