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„Mit bunten Farben gegen braune Parolen“: Schüler lassen sich von „Demonstration“ nicht entmutigen

„Unsterbliche“ stören massiv Malaktion der Herderschule

Bückeburg (kk). „Mit bunten Farben gegen braune Parolen“, so der Titel der Aktion, wollten Schülerinnen und Schüler einer neunten Klasse der Herderschule gestern Morgen gegen rechtsextreme Schmierereien an den Außenwänden ihrer Schule vorgehen. Sie hatten gemeinsam mit der Menschenrechtsaktivistin Irmela Mensah-Schramm und ihrer Politiklehrerin gerade Farbtöpfe und Pinsel ausgepackt, als sie massiv von rechten Aktivisten gestört wurden. Einer der Störer, so die Aussage der Schüler, sei sogar in ein Handgemenge mit einem Polizeibeamten geraten.

veröffentlicht am 17.07.2012 um 16:41 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 01:21 Uhr

So stellt sich der Ablauf aus Sicht der Schüler dar: Zunächst sei eine junge Frau mit einem Fotoapparat aufgetaucht, die ihre Aktion fotografieren wollte. Diese habe sich als Antifa-Mitglied ausgegeben. Einer der Schüler habe sie jedoch als Mitglied der rechten Szene erkannt. Sie sei aufgefordert worden, das Fotografieren einzustellen und sich im Schulsekretariat anzumelden.

Danach sei es Schlag auf Schlag gegangen: Es sei ein polizeibekannter Rechtsextremist aus dem Mindener Raum aufgetaucht, ebenfalls mit einem Fotoapparat. Dessen Interesse habe jedoch weniger der Malaktion gegolten, als vielmehr dem Auftritt von vier Gesinnungsgenossen, die inzwischen aufgetaucht seien. Diese hätten ein vorbereitetes Spruchband hochgehalten. Sie seien mit weißen Masken vermummt gewesen, Erkennungszeichen der sogenannten „Unsterblichen“, einer Gruppierung junger Rechtsextremisten.

Inzwischen wurde die Polizei alarmiert – von einer Schülerin. Ein Polizeibeamter in Zivil, der die Malaktion beobachtet habe, habe nämlich nach Angaben von Irmela Mensah-Schramm kein funktionierendes Handy dabei gehabt. „Skandalös“, empört sie sich. Der Polizeibeamte sei dann in ein Handgemenge mit dem „Fotografen“ geraten. Als mehrere Polizeifahrzeuge eintroffen seien, hätten die jungen Neonazis bereits die Flucht ergriffen. Ihr Spruchband habe eine Schülerin an sich gerissen, die unter ihren Klassenkameraden für ihre rechtextremen Ansichten bekannt sei. Diese sei in ein wartendes Auto gestiegen, so die Zeugen.

Verletzt wurde bei dem Vorfall niemand, der Auftritt der Neonazis sorgte aber bei den Teilnehmern des Workshops für Bestürzung, Angst und Verunsicherung. Trotzdem führten sie ihre Aktion zu Ende und übermalten rechte Sprüche an der Fassade. Aus „Unsere Farbe lässt sich entfernen, unsere Idee nicht“ (übrigens der gleiche Spruch wie auf dem Transparent) wurde „Unsere bunten Farben lassen unseren Ideen Flügel wachsen“. Eindrucksvoll auch das Bekenntnis: „Wir lassen uns nicht entmutigen!“

Der Übergriff der Rechtsextremen kommt nicht ganz unerwartet. Am Montag hatte die Politiklehrerin bei der Bückeburger Polizei noch auf die Aktion hingewiesen und um Schutz gebeten. Sie hatte nach eigenen Angaben aber eher mit neuen rechten Schmierereien in der Nacht gerechnet als mit dem Auftauchen der „Unsterblichen“. Allerdings war die Fortsetzung des Workshops „Mit bunten Farben gegen braune Parolen“ auch kein Geheimnis: In der beteiligten neunten Klasse soll es zwei Schülerinnen geben, die nach Einschätzung ihrer Mitschüler der rechten Szene zuzuordnen sind und die mit ihrer politischen Meinung auch nicht hinter dem Berge halten. Im Unterricht seien sie aber immer „unauffällig“ gewesen, so die Lehrerin.

In der Klasse gibt es aber auch eine Reihe von Schülerinnen und Schülern, die sich bereits in der Vergangenheit aktiv an Aktionen gegen rechte Jugendgewalt in Bückeburg beteiligt haben, nach eigenen Angaben sogar selbst schon Opfer von Gewalt wurden. Nach ihrer Einschätzung hält sich die Mehrheit ihrer Mitschüler allerdings aus dem Konflikt heraus. Das hat auch Irmela Mensah-Schramm so beobachtet: Zwei Schülerinnen, die auch gegen sie gestichelt hätten, einige sehr Aktive und eine große „schweigende Mehrheit“. Ihr ist es unverständlich, dass die Polizei nicht von vornherein für einen besseren Schutz gesorgt habe. Die Berlinerin kennt aus der Hauptstadt andere Beispiele: Dort seien die Beamten deutlich präsenter.

In Berlin ist die ehemalige Heilpädagogin durch die Dokumentation und Entfernung antisemitischer und rassistischer Aufkleber und Graffito bekannt geworden. In der Herderschule hatte sie eine Ausstellung zum Thema gezeigt und den Workshop „Mit bunten Farben gegen braune Parolen“ initiiert. An der Graf Wilhelm Schule engagiert sie sich als Schulpatin für Zivilcourage und Demokratie.

Bei ihrem ersten Besuch an der Herderschule waren ihr die Schmierereien an der Fassade aufgefallen. Den Teilnehmern ihres Workshops versprach sie damals, noch einmal wiederzukommen, die Malaktion fortzusetzen und diesmal die rechtsextremen Parolen zu beseitigen. Genau das sollte gestern passieren.

Eine neue Dimension hat gestern das Auftreten rechtsextremer Jugendlicher in Bückeburg angenommen. In Maskierung der „Unsterblichen“ störten sie eine Malaktion an der Herderschule. Die Schüler ließen sich nicht entmutigen und übertünchten rechtsextreme Sprüche.

Fotos: pr./kk




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