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Kooperation mit der Schiene soll Bückeburg mehr Gäste bringen / BSM-Chef Alexander Perl zeigt im Redaktionsgespräch viele Ideen

Wenn der Neue fürs Stadtmarketing nur Bahnhof versteht

Bückeburg. Die Stadt steht vor großen touristischen Herausforderungen. Ein neuer Mann an der Spitze des Bückeburger Stadtmarketings (BSM) soll sie meistern: Schlossverwalter Alexander Perl. LZ-Redakteur Dr. Thomas Wünsche sprach mit ihm – über Chancen und Risiken und ein neues Hotel.

veröffentlicht am 22.10.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 18:21 Uhr

Herr Perl, Glückwunsch zum Ehrenamt des neuen BSM-Chefs. Lastet Sie die Arbeit als Schlossverwalter nicht aus – oder warum stellen Sie sich für diese Aufgabe zur Verfügung?

Manche Menschen denken: Wahrscheinlich hat der so viel Freizeit, dass er den BSM-Chef nebenbei noch locker machen kann. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Als die Frage an mich heran getragen wurde, hatte ich „Bauchschmerzen“, bin einige Wochen damit herumgelaufen. Ich kenne meinen Zeitplan, weiß: In der Fülle, wie Sønke Lorenzen das gemacht hat, kannst du das nicht leisten. Sonst bist du nur noch unterwegs. Also habe ich mit dem BSM-Vorstand gesprochen. Horst Tebbe hat darauf verwiesen, dass ich ein Spieler in einem gut aufgestellten und eingespielten Team bin. Er hat mir versichert, dass es gar nicht nötig ist, immer und überall präsent zu sein. Es kommt darauf an, neue Impulse zu setzen.

Was qualifiziert Sie eigentlich für Ihr neues Amt?

Im Schloss ist der Tourismus mein Hauptarbeitsfeld. Darüber hinaus bin ich schon seit dem Jahre 2002, als ich Schlossverwalter wurde, auch im BSM tätig – im Wirtschaftsrat, aber auch in der Sparte Tourismus. In all diesen Jahren habe ich Netzwerke aufgebaut, die ich jetzt gut nutzen kann. Um die Stadt mit einzubeziehen, um neue Veranstaltungen in Szene zu setzen und um am Ende auch das Schloss nach vorne zu bringen. Denn eines ist klar: Wenn das Schloss etwas macht, profitiert auch die Stadt davon; egal ob das Übernachtungen, Gastronomie oder kostenlose Werbung in den großen Medien betrifft.

Andererseits gilt auch: Ohne eine funktionierende Stadt gibt es keinen funktionierenden Tourismus. Schauen Sie sich vor diesem Hintergrund einmal die Marienburg an: die Marienburg liegt auf einem einsamen Berg mitten in der „Wüste“ – ringsum Zuckerfelder und Fabriken. Die Marienburg ist wie ein Leuchtturm ohne Wasser. Besucher fahren da hin, besichtigen die Burg, essen vielleicht noch etwas und müssen wieder weg. Das ist in Bückeburg ganz anders: Bei uns haben Besucher zwischen 10 und 16 Uhr einen voll ausgefüllten Tag; ich erinnere nur an Fußgängerzone, Stadtführung, Stadtkirche, Hubschraubermuseum, Landesmuseum, Mausoleum, Schloss, Schlosspark, Schlossküche. Deswegen ist es so genial, dass wir eine funktionierende Stadt haben. Nichts wäre schlimmer, als wenn die Besucher rechts ums Schlosstor biegen und feststellen müssten: Hier ist die Welt zu Ende; hier ist überall nur Leerstand.

Kritiker behaupten, Sie wollen als BSB-Chef nur schlosseigene Großveranstaltungen wie den Weihnachtszauber und die Landpartie noch besser vermarkten. Was sagen Sie denen?

Ich möchte das Stadtmarketiing nicht benutzen, um das Schloss noch mehr zu pushen. Die schlosseigenen Veranstaltungen laufen ohnehin. Wenn einer von den Veranstaltungen im Schloss profitiert, dann ist es die Stadt. Fragen Sie mal den Gastronomen Edgar Miller: Sein Ratskeller ist ausgebucht, weil die Gruppen da Essen gehen. Fragen Sie die Hoteliers Gerhard Ostermeier, Harald Strüwe und Mirko Stjepanovic: Ambiente, Große Klus und Jetenburger Hof sind ausgebucht. Fragen Sie Rottmann & Spannuth: Deren Busbetrieb fährt an zehn Tagen nur für uns. Ich will sagen: Alles, was in Bückeburg an Betrieben da ist, profitiert von Landpartie und Weihnachtszauber, nicht umgekehrt. Wenn wir etwas machen, wissen wir von vorneherein, dass diese Synergien funktionieren.

Sie haben von Ihrem Vorgänger zum Dienstantritt ein Holzschwert geschenkt bekommen. Ist das Schwert BSM scharf genug oder muss es neu geschliffen werden?

Die Jahre haben gezeigt, dass wir sehr viele Arbeitsgruppen gegründet haben. Die Jahre haben aber auch gezeigt, dass wir uns auf unsere Stärken besinnen müssen. Denn je öfter man sich trifft, desto weniger kommt am Ende dabei raus. Deswegen: Wir wollen hier in Bückeburg unsere Stärken herausstellen – Tourismus, Hotels & Gastronomie und Handel. Damit können wir eine Menge bewegen. Dazu gehört aber auch – ganz wichtig – die Kultur als weicher Standortfaktor; deswegen ist Johanna Harmening mit im Boot.

Wo sehen Sie derzeit das größte Risiko für die weitere touristische Entwicklung Bückeburgs?

Es gab einmal ein ganz großes Risiko. Das war, als die Umgebungsstraßen freigegeben wurden. Da ging die Besucherzahl bei uns im Schloss auf einen Schlag um 10 000 pro Jahr zurück. Denn bis zu diesem Zeitpunkt sind die Zufallsbesucher, die sich bis dahin zwangsläufig durch die Stadt quälen mussten, von der Mindener Straße aus immer auf das Schloss zugefahren. Diese Besucherströme fließen seit damals am Schloss vorbei. Das heißt: Wir müssen viel mehr Aufwand betreiben, um den Einzeltouristen zu uns zu holen; das ist viel aufwendiger, als ins Gruppengeschäft zu investieren.

Außerdem gibt es derzeit viele Veranstaltungen, die rund um Bückeburg wie die Pilze aus dem Boden schießen. Der Fürst sagt immer im Scherz: Jeder, der eine Milchkanne an seinen Hof stellen kann, macht ein Fest; ob diese Feste gut oder schlecht sind, sei dahingestellt.

Was wir aber auch sehen, das ist, dass die Kinder wegbleiben. Das lässt sich an den Besucherzahlen im Schloss festmachen: Wir hatten früher 15 000 bis 18 000 Kinder, die in Schulklassen zu uns kamen; heute sind es 6000 bis 7000. Hinzu kommt der Wegfall des Bremer Schullandheims in Heeßen/Bad Eilsen. Meine Hoffnung ist jetzt, dass das erweiterte Hubschraubermuseum so attraktiv werden wird, dass wieder vermehrt Schulklassen in die Stadt kommen. Unterm Strich sehe ich also gar nicht so sehr die Risiken. Ich sehe mehr die Chancen.

Gibt es aus Ihrer Sicht Pfunde in der Stadt, mit denen noch viel zu wenig gewuchert wird?

Ja. Ein gewaltiges Pfund liegt genau einen Kilometer vom Schloss entfernt. Es ist der Bahnhof. Wir haben eine geniale Anbindung an das S-Bahn-Netz Bielefeld-Hannover. Das ist ein Pfund, mit dem wir viel zu wenig wuchern. Will sagen: Wir sind von den großen Ballungsgebieten nur eine Dreiviertelstunde entfernt. Vom Bahnhof Bückeburg sind es wiederum nur zehn Minuten bis ins Zentrum der Stadt. Mit diesem Pfund werden wir wuchern. Konkret: Wir setzen uns mit der Deutschen Bahn und den Regionalmanagern vor Ort zusammen und sehen, was wir – Stichwort: „Der schöne Tag“ – gemeinsam an Angeboten für Bückeburg erarbeiten können. Davon profitiert das Schloss; davon profitiert aber auch die Stadt. Auch in diesem Zusammenhang setze ich große Hoffnungen in die Erweiterung des Hubschraubermuseums. Denn Touristen, die vom Bahnhof zu Fuß in die Stadt gehen, kommen direkt daran vorbei. Die müssen diesen markanten Meilenstein sehen – und sollten unbedingt rein wollen.

Eines der Konzepte, das bis spätestens Ende des Jahres anlaufen soll, ist der so genannte Sales Guide, zu Deutsch: Verkaufshilfe. Was versprechen Sie sich davon?

In den Jahren 2004 und 2006 haben wir die ersten zwei Tourismusbörsen in Bückeburg veranstaltet; die nächste soll 2012 stattfinden. Dafür gibt es gute Gründe, denn Bückeburg hat viele Neuerungen, die wir ins Gespräch bringen wollen: Wir haben die Erweiterung des Hubschraubermuseums, die „neue“ alte Schlossküche und eben den neuen Sales Guide. Der Sales Guide, der Mitte Januar erscheint, ist eine Verkaufshilfe für Wiederverkäufer und Vereine in Form einer etwa 45-seitigen Broschüre.

Der Landkreis Schaumburg hat in seinem Tourismuskonzept ganz klar gesagt: Schloss Bückeburg und Wilhelm Busch sind die Zugpferde des Landkreises. Das haben wir aufgegriffen. Das „Pferd“ muss ziehen und alle, die hinten dran hängen, mitnehmen. Für den Sales Guide haben wir 20 Partner mit im Boot: Zum Beispiel Bückeburg, Hameln, Wiedensahl mit dem Wilhelm-Busch-Museum und Minden mit dem Preußen-Museum und viele andere mehr. Diese Partner können sich in der Broschüre gleichwertig auf jeweils einer halben Seite mit ihrem besten Foto, einem knappen Text und ihren Kontaktdaten präsentieren. Dazu kommen – ganz hinten in der Broschüre – die Jahrestermine und die speziellen Gruppenangebote der Partner. Dazu kommen dann die Preise; sie verstehen sich einmal für Wiederverkäufer und einmal für Endkunden, also Vereine.

Ganz wichtig auch: Schloss Bückeburg ist als Einzelmitglied der Tourismusregion Hannover angeschlossen. Das heißt: Ich habe einen gewaltigen Ziel- und Quellenmarkt vor Augen. Jetzt kommt wieder der Bahnhof ins Spiel: Im Hauptbahnhof Hannover einsteigen, im Bahnhof Bückeburg aussteigen und einen schönen Tag haben – mit all dem, was wir hier zu bieten haben.

Das Gutachten zu einem möglichen neuen Hotel in Bückeburg ist fertig. Es sieht ein Potenzial für ein Haus des gehobenen Standards vor. Teilen Sie diese Einschätzung und wenn ja, warum?

Es gibt ein Hotel in der Nähe, dessen Namen ich nicht nennen möchte; das hat sich allein auf den Bustourismus spezialisiert. Dieses Hotel ist so herunter gewirtschaftet worden, weil die Preise, die man im Bustourismus erzielt, nicht kostendeckend sind. Jetzt hat ein Besitzerwechsel stattgefunden; das Hotel stellt sich komplett neu auf. Ich will sagen: Sie müssen immer einen gesunden Mix haben: also den Bustouristen, der ja niedrigpreisig fährt, Geschäftsreisende und „normale“ Hotelgäste.

Für Bückeburg sehe ich nicht den Neubau eines Hotels. Derjenige, der den wagt, würde schnell bankrott gehen. Denn wir reden hier von einer Bausumme von sechs bis sieben Millionen Euro. Was wir anstreben und auch fördern werden, das ist, ein konkretes und bereits bestehendes Bückeburger Hotel zu erweitern. Alles andere wäre wirtschaftlicher Wahnsinn. Wir haben nicht so viele hochklassige Gruppenreisende, dass wir ein Hotel das ganze Jahr über nur mit dieser Klientel auslasten können; zumal die Saison nur von Ostern bis Oktober läuft.

Der Vorteil ist auch: Wenn Sie ein bestehendes Hotel erweitern, müssen sie keine Küche und kein Restaurant neu bauen; sie stellen nur ein Bettenhaus daneben oder dahinter. Das ist die einzige Sache, die für eine Stadt wie Bückeburg Sinn macht. Abgesehen davon, dass Sie für einen Neubau auch keinen Betreiber finden würden. Denn alle können rechnen; der Betrieb würde die Kosten nicht decken.




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