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Gespräch mit Rudolf Seiters, Präsident des DRK / Port-au-Prince ist praktisch ein Trümmerfeld

„Der Klimawandel ist der Tsunami von morgen“

Bückeburg. Nach der jüngsten Erdbebenkatastrophe auf Haiti steht die Hilfe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) einmal mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Vor der Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik, Sektion Minden, berichtete DRK-Präsident Rudolf Seiters Dienstagabend in der Schäferkaserne über die schwierige Arbeit in Port-au-Prince. Redakteur Dr. Thomas Wünsche nutzte die Gelegenheit für ein Interview.

veröffentlicht am 27.01.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 02:22 Uhr

Rudolf Seiters: „Ich selbst war noch im Dezember vergangen
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Herr Seiters, die Soforthilfe des Deutschen Roten Kreuzes für Haiti läuft nach der Erdbebenkatastrophe auf Hochtouren. Im mobilen Krankenhaus des DRK sollen 250 000 Menschen versorgt werden. Eine schier unglaubliche Zahl. Wie schafft das DRK das?

Wir haben bereits jetzt in Port-au-Prince eine mobile DRK-Klinik mit zehn Ärzten, Krankenschwestern und Technikern im Einsatz, die 90 000 Menschen versorgen kann. Inzwischen ist auch das große DRK-Krankenhaus, das in der Tat 250 000 Menschen Hilfe bieten kann, eingeflogen worden. Seine Größe ist mit der eines deutschen Kreiskrankenhauses vergleichbar. Für den Transport brauchen wir drei Flugzeuge. Das Groß-Krankenhaus, das seine Arbeit am Mittwoch (27. Januar) aufnehmen soll, stammt aus unserem Basislager in Berlin-Schönefeld. Es besteht aus einem modularen System, das jederzeit überall auf der Welt zusammengesetzt werden kann und ist mit Krankenhäusern anderer nationaler Rot-Kreuz-Gesellschaften kompatibel. Mit der DRK-Klinik und dem großen DRK-Krankenhaus erbringen wir Leistungen, die für die Erdbebenopfer auf Haiti unverzichtbar sind.

Was macht den DRK-Helfern auf Haiti derzeit die meisten Probleme?

Wir haben bereits bei der Landung des ersten Flugzeuges gesehen, wie schwierig die logistischen Bedingungen auf Haiti sind. Port-au-Prince ist praktisch ein Trümmerfeld gewesen und ist es in großen Teilen auch jetzt noch. Es hat an schwerem Räumgerät gefehlt, um die Straßen freizumachen. Bei der Suche nach einem geeigneten Standort für die DRK-Klinik mussten wir daher einen Ausweichstandort suchen; der erste war nicht zu gebrauchen.

Dazu kommen die Sicherheitsprobleme in Port-au-Prince. Unsere DRK-Helfer wurden von den Menschen regelrecht belagert und bedrängt. Sie waren zwar nicht bewaffnet und aggressiv, wohl aber verzweifelt. In dem Moment, als das DRK auftauchte, haben diese Menschen natürlich versucht, an Lebensmittel und an Wasser zu kommen. Wir haben sie versorgt so gut es geht. An dem ersten Standort aber war es – wie gesagt – nicht möglich, die Klinik aufzubauen. Jetzt funktioniert das alles jedoch prima.

Ich selbst war übrigens noch im Dezember vergangenen Jahres auf Haiti, habe in dem Hotel Montana gewohnt, wo es durch das Erdbeben 200 Tote gab. Die Hotelchefin hatte mich damals, als ich ankam, noch begrüßt. Sie sollte dann später als Folge des Erdbebens sechs Tage lang verschüttet bleiben, ehe sie befreit werden konnte. Ich hatte also schon im Dezember einen ersten Eindruck von der unglaublichen Armut und dem schier unfassbaren Elend, die im Lande herrschen, bekommen. Diese Armut, dieses Elend hat sich durch das Erdbeben nun nochmals deutlich verschlimmert.

Haiti ist die eine Sache. Aber auch Katastrophen, die den Klimawandel als Ursache haben, nehmen an Zahl und Umfang zu. Bis 2015 wird die Zahl der Betroffenen nach Rotkreuz-Berechnungen von 243 Millionen Menschen jährlich auf 375 Millionen ansteigen. Können Sie mit der Hilfe überhaupt noch Schritt halten?

Das ist ein riesiges Problem. Man kann es so ausdrücken: Der Klimawandel ist der Tsunami von morgen. Es steigt ja nicht nur die Zahl der Betroffenen dramatisch, sondern auch diejenige der wetterbedingten Katastrophen – und zwar von 100 auf 250 innerhalb eines Zeitraums von nur zehn Jahren. Die meisten Schäden sind in der Vergangenheit durch die Vielzahl von Hurricans angerichtet worden. Deswegen appellieren wir seit Langem an die Politik, der Katastrophenvorsorge im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit ein größeres Gewicht zu geben. Wir haben damit zum Beispiel in Bangladesch gute Erfahrungen gemacht – einem Staat, der ständig von Hurrikans bedroht ist und wo in der Vergangenheit zig Tausende in den Tod gerissen wurden. Dort haben wir es durch den Aufbau eines regionalen Warndienstes erreicht, dass nun keine Todesopfer mehr zu beklagen sind.

Kurz: Die Katastrophenvorsorge ist ein ganz großes Thema, wird in Zukunft immer wichtiger werden. Wir hoffen, dass es uns gelingt, mindestens zehn Prozent der Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit für diese Vorsorge bereitzustellen.

Kirchen und Vereine beklagen, dass immer weniger Menschen bereit sind, sich in Ehrenämtern zu engagieren. Merkt das das Deutsche Rote Kreuz in den eigenen Reihen auch?

Wir haben im Grunde eine konstante Zahl von vier Millionen Mitgliedern und 400 000 Ehrenamtlichen, darunter auch 110 000 Jugendliche, die im Jugend-Rot-Kreuz arbeiten. Ich hoffe, dass es uns nach wie vor gelingt unter der Jugend, aber auch unter denjenigen, die aus dem Berufsleben ausscheiden, Helfer zu gewinnen. Die Politiker sollten aber alles tun, um das Ehrenamt zu stärken. Zum Beispiel durch öffentliche Auszeichnungen und dadurch, dass dieses Engagement bei Bewerbungen positiv berücksichtigt wird. Man kann das Ehrenamt aber auch dadurch stärken, dass man Zeitspenden ähnlich wie Geldspenden steuerlich berücksichtigt.

Wie wird sich denn die von der Koalition beabsichtigte Reduzierung des Wehrdienstes von neun auf nur noch sechs Monate im Bereich Zivildienst auswirken – sind die Leute in der Kürze der Zeit überhaupt noch sinnvoll einzusetzen?

Nein. Das ist ein großes Problem, denn die Folgen treffen voll den Zivildienst. Wir haben uns deswegen auch sofort an die Bundesregierung gewandt. Ich selber habe mit Ursula von der Leyen, damals Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, gesprochen und stehe jetzt in Kontakt mit ihrer Nachfolgerin. Der Zivildienst ist nicht nur ein sozialer Lerndienst. Er ist auch wichtig im Rettungswesen, in der Altenpflege und in der Betreuung junger Menschen. Wenn das erfolgreich sein soll, brauchen die Zivildienst-Leistenden Zeit, um sich einarbeiten zu können. Sechs Monate Dienst sind zu wenig. Sollte die von Ihnen erwähnte Koalitionsabsprache Gesetz werden, brauchen wir eine Kompensation. Zumindest muss eine freiwillige Verlängerung dieser sechs Monate möglich sein. Das funktioniert nur, wenn diese Zeit auch finanziell attraktiv ausgestaltet wird. Ich weiß aber, dass die Bundesregierung über Kompensationen intensiv nachdenkt. Denn sollte der Zivildienst sterben, wäre das ein Riesenverlust für die humanitären Organisationen und die Menschen, die von ihnen betreut werden.

Die Bundeswehr in Afghanistan kennzeichnet ihre Sanitätsfahrzeuge aus Sicherheitsgründen nicht mehr mit dem Roten Kreuz. Was sagt der DRK-Präsident dazu?

Es ist sehr bedauerlich, dass dieses Schutzzeichen, das ja für Unabhängigkeit und Neutralität steht, nicht in allen Teilen der Welt geachtet wird. Das hängt damit zusammen, dass in manchen Ländern keine „normalen“ Kriege stattfinden, sondern dass es dort Stammeskämpfe und/ oder marodierende terroristische Banden gibt. Gerade diese Banden achten das Schutzzeichen nicht. Im Gegenteil: Sie nehmen es extra unter Beschuss. Deswegen hat das Bundesverteidigungsministerium bereits im Juli 2009 entschieden, aus Sicherheitsgründen auf das Zeichen zu verzichten. Wir hoffen natürlich, dass die zivile Aufarbeitung der Probleme speziell in Afghanistan dazu führen wird, dass die Bundeswehr wieder auf das Schutzzeichen zurückgreifen kann. Momentan ist das eine Gratwanderung. Denn wir müssen auch unsere zivilen Helfer schützen.

Im Übrigen hat der Rote Halbmond mit den Taliban die gleichen Probleme wie das Rote Kreuz. Sie wollen die Organisationen treffen, die für Humanität stehen – und Humanität ist nicht unbedingt etwas, mit dem Terroristen etwas anzufangen wissen.

Nun unterhält das Deutsche Rote Kreuz auch einen Suchdienst, der hilft, im Zweiten Weltkrieg vermisste Angehörige zu finden. Gibt es 65 Jahre nach Kriegsende noch was zu tun?

Ja, sogar unter zweierlei Gesichtspunkten. Auf der einen Seite konnten wir nach der Wende in Europa die Öffnung der russischen Militärarchive erreichen. Dort können wir Hunderttausende Personalakten einsehen; allein in den letzten zwei Jahren konnten wir 140 000 Schicksale neu aufklären. Diese Arbeit wird fortgesetzt, denn sie ist ein humanitäres Anliegen. Auch Enkelkinder wollen wissen: Wo ist mein verschwundener Großvater geblieben?

Auf der anderen Seite erreichen das Deutsche Rote Kreuz als größter Suchdienst in der Welt jedes Jahr etwa 10 000 Anfragen aus dem Kosovo, Irak oder Afghanistan. Auch die Menschen, die dort leben, wollen wissen, wo ihre vermissten Familienangehörigen geblieben sind. Diese Fälle sind höchst aktuell. Da haben wir eine Aufklärungsquote von 80 Prozent – das ist gewaltig. Mit dem DRK-Suchdienst stehen wir stellvertretend für die UNO, aber auch für das Internationale Rote Kreuz.




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