weather-image
Rektor a. D. Joachim Preuß spricht über Veränderungen im Schulleben

Elterlicher Druck auf Kinder steigt

HEEßEN. Rund 40 Jahre ist Joachim Preuß im Schuldienst tätig gewesen, davon fast 21 Jahre lang als Rektor der Grundschule Heeßen. Anlässlich seines jetzigen Wechsels in den Ruhestand (wir berichteten) hat er im Gespräch mit dieser Zeitung geschildert, was sich nach seiner Wahrnehmung im Schulleben verändert hat.

veröffentlicht am 14.11.2018 um 11:47 Uhr
aktualisiert am 14.11.2018 um 17:40 Uhr

Joachim Preuß. Foto: wk
Michael_Werk

Autor

Michael Werk Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Der elterliche Druck auf die Kinder habe in den vergangenen Jahren zugenommen, resümiert der Pädagoge. Und es mache der Lehrerschaft „viel Mühe“, den Kindern diesen Druck wieder zu nehmen. Vor diesem Hintergrund appelliert er, dass Eltern ihre Kinder nach der 4. Klasse bitte nur auf eine für das jeweilige Kind passende Schule schicken mögen, in der es nicht überfordert wird – also nicht unbedingt auf ein Gymnasium, sondern vielleicht besser auf eine Integrierte Gesamtschule oder Oberschule. „Unser Schulsystem ist keine Einbahnstraße“, betont der 63-Jährige. Auch später sei durchaus noch ein Wechsel auf die gymnasiale Oberstufe möglich.

Was Preuß ebenfalls festgestellt hat, ist, dass die Anzahl der Grundschüler mit sprachlichen Auffälligkeiten und/oder einer schlechten Feinmotorik im Vergleich zu früher größer geworden ist. Über die Gründe für diese Entwicklung kann er nur mutmaßen. Aber seines Erachtens ist dies unter anderem eine Folge davon, dass den Kindern daheim weniger vorgelesen wird und in den Familien weniger Gesellschaftsspiele gespielt werden. Das bekannte Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ beispielsweise fördere bei Kindern die Fähigkeit, zu zählen und Mengen zu erfassen, erklärt er. Darüber hinaus würden Kinder lernen, mit Frustrationen umzugehen – nämlich dann, wenn sie bei diesem Spiel mal verlieren.

Aufgefallen ist Preuß außerdem das: Die Anstrengungsbereitschaft und das Durchhaltevermögen der Kinder haben abgenommen. Dies dürfte wohl auch an der Erziehung seitens der Eltern liegen, meint er. Etwa indem Eltern ihre Kinder nicht dazu anhalten, ein einmal begonnenes Hobby auch über eine längere Zeit auszuüben, anstatt immer wieder ein neues Hobby zu beginnen.

Der Schulalltag an der Grundschule Heeßen hat sich im Laufe der vergangenen Jahre in vielen Bereichen verändert. Foto: wk
  • Der Schulalltag an der Grundschule Heeßen hat sich im Laufe der vergangenen Jahre in vielen Bereichen verändert. Foto: wk

Verändert hat sich überdies die Arbeit im Bereich der Schulleitung: „Die Aufgaben haben massiv zugenommen, ohne dafür eine Zeitvergütung zu erhalten“, berichtet Preuß. Dies im Einzelnen aufzuschlüsseln, würde jedoch den Rahmen dieses Beitrages sprengen, verdeutlicht er. Exemplarisch geht er aber auf das Thema „Eigenverantwortliche Schule“ ein, ein Konzept, im Rahmen dessen den Schulen vom Land Niedersachsen mehr Zuständigkeiten übertragen worden sind.

Seit dessen Einführung muss sich die Grundschule Heeßen selbst um die Auswahl von Bewerbern für etwaige dort zu besetzende Lehramtsstellen kümmern; ebenso um die gegen Ende der jeweiligen Probezeit anstehende Beurteilung der neuen Lehrkräfte. Ferner ist die „Lernmittelverwaltung“ (Ausleihe von Schulbüchern) in den Zuständigkeitsbereich der Schule gewandert. Überdies sorgt die 1998 eingeführte „verlässliche Grundschule“ für administrative Mehrarbeit, etwa indem lange Zeit die Schule die benötigten pädagogischen Mitarbeiter suchen und mit diesen Arbeitsverträge schließen musste.

Diesbezüglich habe die Niedersächsische Landesschulbehörde jetzt zwar die „Personalhoheit“ an sich gezogen, dafür dauere das ganze Verfahren nun aber länger, wobei die Grundschule weiterhin für die Personalsuche zuständig sei, ergänzt Preuß. Und nicht zuletzt habe auch das Thema Inklusion einen Mehraufwand zur Folge – beispielsweise wegen erforderlicher Gespräche mit Eltern sowie mit Jugendhilfeeinrichtungen.

Zu den Vorzügen des Schulleiterpostens gehört laut Preuß indes, dass man in dieser Funktion „viele Gestaltungsmöglichkeiten“ hat. Dabei sei es allerdings wichtig, die Menschen mitzunehmen und diese für geplante Veränderungen (etwa Digitalisierung) zu begeistern. Bewusst sei man an der Schule jedoch nicht immer gleich auf den sprichwörtlichen ersten Zug aufgesprungen.Vielmehr habe man beschlossene Neuerungen „sehr bedächtig“ umgesetzt.

In diesem Kontext merkt Preuß an, dass er und das Kollegium schon stolz darauf seien, wie positiv sich die aktuell circa 200 Schüler zählende Grundschule in dieser Hinsicht entwickelt habe – „auch, was den Ruf nach außen hin anbelangt“.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare