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Heimatgeschichte lebendig erzählt

Gemeindewanderung mit historischem Hintergrund

LUHDEN. Die jährlich auf Einladung des Luhdener Gemeinderates stattfindende Wanderung unter der Leitung des langjährigen Wanderwarts des Luhdener Sportvereins, Fritz Schmidt, sollte man sich ganz dick im Terminkalender anstreichen. Sie gehört zweifelsohne zu den Höhepunkten der Veranstaltungen auf Gemeindeebene.

veröffentlicht am 06.06.2019 um 12:47 Uhr
aktualisiert am 06.06.2019 um 20:40 Uhr

Es ist so interessant, was Fritz Schmidt zu erzählen hat. Foto: pr.

rLUHDEN. Insider wissen es längst: Die jährlich auf Einladung des Luhdener Gemeinderates stattfindende Wanderung unter der Leitung des langjährigen Wanderwartes des Luhdener Sportvereins, Fritz Schmidt, sollte man sich ganz dick im Terminkalender anstreichen. Sie gehört zu den Höhepunkten der Veranstaltungen auf Gemeindeebene.

Jetzt konnte sich Bürgermeister Rüdiger Schmidt freuen, 32 wissensdurstige Wanderer an der Luhdener Sporthalle begrüßen zu können, um diese bei sommerlichen Temperaturen der bewährten Führung Fritz Schmidts zu übergeben.

Zunächst ging es per Bus nach Bückeburg zum „Alten Forsthaus“ am Harrl, dem Ausgangspunkt der Wanderung. Hier konnten die Wanderer vieles über die Höhen und Tiefen der Geschichte des ursprünglich fürstliche Forstbeamte beherbergenden Gebäudes und 150 Jahre als Forsthaus Heinemeyer bekannten Restaurations- und Hotelbetriebes erfahren. So zum Beispiel, dass hier am 1. März 1998 auf Einladung des späteren niedersächsischen Ministerpräsidenten und Bundespräsidenten Christian Wulf der – für die deutsche Wiedervereinigung so wichtige – ehemalige russische Staatspräsident Michail Gorbatschow und seine Frau Raissa speisten.

Noch heute erzählen alte Fachwerk-Schnitzereien und Inschriften von der Bedeutung der „Harrl-Kolonie“. Foto: pr.

Weiter ging es auf Johann Gottfried Herders Lieblingswanderweg zur „Herderquelle“, wo der von 1771 bis 1776 in der Residenzstadt weilende Oberprediger und Konsistorialrat seinen philosophischen Gedanken nachging. Kaum verwunderlich, dass der im Sinne der Aufklärung wirkende Dichter und Theologe zu seinem soldatisch geprägten und keinerlei Widerspruch duldenden Landesherrn Graf Wilhelm ein eher frostiges Verhältnis pflegte. Wohingegen Herder Gräfin Maria sehr verehrte und in ihr ein religiöses Ideal fand.

Bei Vogelgezwitscher und Sonnenschein ging es leicht bergan weiter zum oberhalb Bergdorfs im Wald gelegenen Standort des 1972 abgerissenen Ausflugslokals „Waldschlösschen“ und der „Harrl-Kolonie“. Diese von Graf Wilhelm ab 1774 am Rande der dörflichen Feldmark in den Wald gerodete kleine Siedlung war eine Dankesgabe des Landesherrn an treue Soldaten, die in seiner Armee während des Siebenjährigen Krieges gedient hatten.

Hier im Harrl standen damals fünf Koloniehäuser, von denen das erste und älteste 1774 errichtete Haus noch erhalten blieb. Es wurde, wie der Erinnerungstafel über der Eingangstür zu entnehmen ist, einem Unteroffizier Wöbbeking „wegen seiner herzhaften und verdienstvollen That“ (während der Schlacht bei Minden 1759) übertragen. Der Weg führte weiter zur, oberhalb Ahnsen gelegenen, ehemaligen „Schankwirtschaft Ludwigslust“, 1967 umbenannt in „Onkel Toms Hütte“ und später in die dem Rotlichtmilieu zuzuordnende „Anuschka“-Bar. Das Gebäude wurde im September 1998 Raub der Flammen einer Brandstiftung und daraufhin abgerissen.

Unter dem Pensionshaus fuhr das Minchen hindurch

Nach wenigen Hundert Metern bergab, auf Höhe des Ahnser Ehrenmals für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges, wartete schon Christoph Tecklenburg mit Erfrischungsgetränken, die aufgrund des warmen Wetters reißend Absatz fanden. Gleich gegenüber auf der anderen Straßenseite, wusste Fritz Schmidt zu berichten, stand ehemals das zu Neumühlen gehörende renommierte Gast- und Pensionshaus Wilhelmshöhe, unter dem durch einen Tunnel seit 1918 das Eilser Minchen hindurchfuhr. Zu Glanzzeiten des Kurbetriebes in den Dreißgerjahren gab es hier sogar einen eigenen Bahnhof, von wo aus die im Harrl spazierenden Kurgäste mit dem Minchen wieder nach Bad Eilsen oder Bückeburg fahren konnten. Das Haus erfreute sich großer Beliebtheit und bot täglich Gelegenheit zum Tanz, wovon auch Fritz Schmidt in seiner Sturm-und-Drang-Zeit reichlich Gebrauch machte.

Nachdem sowohl die Engländer als auch die Bundeswehr sich aus Bad Eilsen zurückgezogen und 1966 auch das Eilser Minchen seinen Betrieb eingestellt hatte, wurde es ruhiger. Als sich auch hier das horizontale Gewerbe breitmachte und zwielichtige Gestalten die umliegenden Bewohner terrorisierten, wurde das Gebäude nach längerem Leerstand 1980 abgerissen.

Über den Harrl-Rundweg ging es auf schmalen Wegen, am links gelegenen Wasserbehälter der LVA vorbei, in den Park der Stille, wo jeder Wanderer auf seine Weise innehielt und der Opfer beider Kriege gedachte. Der Weg führte weiter zum Gebäude des Waldhofs, Wirkungsstätte der beiden Augenärzte Maximilian Dr. Maximilian Graf von Wiser (1861 bis 1938) und Dr. Friedrich von Tippelskirch, die Bad Eilsen zu Weltruf verholfen haben. Hier ruhen auch Graf von Wiser und seine im Januar 1947 im Alter von 56 Jahren im Harrl ermordete Ehefrau Eleonore Gräfin von Wiser, geborene Gräfin Kanitz.

Auf dem Weg Richtung Golfplatz am Harrl konnten die Wanderer erfahren, dass es auf Dreves Kamp am Eilser Platz um 1800 eine Feldziegelei gab, deren Kuhlen und Tongruben noch bis in die Fünfzigerjahre erkennbar waren. An den Ackergrenzen sind heute noch viele alte Steine von damals gestapelt. Zum Erstaunen der jüngeren Teilnehmer wusste der Wanderführer zu berichten, dass es oberhalb des jetzigen Golfrestaurants Panorama früher einen Tontaubenschießstand gab und Luhden auf dem Golfplatzgelände sogar einen Feldflugplatz hatte. Diesen richtete 1945 die englische Royal Air Force für den Oberkommandierenden der britischen Luftwaffe, Luftmarschall Sir Sholto Douglas, für Verbindungs- und Kurierflüge zu den anderen Flugplätzen der britisch besetzten Zone in Deutschland ein.

Bad Eilsen war bis zur Verlegung nach Mönchengladbach 1955 Hauptquartier der britischen Luftwaffe in Deutschland. Mit Fertigstellung des Flugplatzes Bückeburg-Achum Ende 1946 wurde der Flugbetrieb der Engländer von dort betrieben und der Luhdener Flugplatz wieder Ackerland.

Über das Neubaugebiet am Golfplatz ging es über Heeßer Gebiet nach Klein Eilsen. Endpunkt der Wanderung war die Gaststätte Zur Erholung in Luhden.

Dort angekommen, ließ es sich Bürgermeister Rüdiger Schmidt nicht nehmen, Fritz Schmidt im Namen des Rates der Gemeinde und unter dem Beifall aller Teilnehmer für seine spannende Führung zu danken.r




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