weather-image
22°

Gloria Lucie Alter trainiert beim TSV Bad Eilsen mit

„Jetzt aber mal mit Schmackes!“ – Selbstversuch im Taekwondo

HEESSEN. „Fuß – Faust – Geist“, so übersetzt mir Johanna Jorritsma die koreanische Kampfsportart, die aus den drei Worten „Tae“, „Kwon“ und „Do“ zusammengesetzt ist. Die quirlige 19-Jährige trainiert im TSV Bad Eilsen mehrere Gruppen. In einem Selbstversuch habe ich die Randsportart selber erlebt.

veröffentlicht am 22.02.2019 um 16:07 Uhr

Das Training barfuß zu bestreiten, kostet mich schon etwas Überwindung. Aber der Tradition halber stelle ich meine Fußphobie mal hinten an und erprobe hier den Drei-Schritt-Kampf mit Johanna, die eine sehr gute Lehrerin abgibt. Foto: csu

Autor:

gloria lucie alter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

HEESSEN. Dienstagabend, Viertel nach sieben. Ich befinde mich in der Sporthalle des TSV Bad Eilsen, direkt neben der Grundschule in Heeßen. Ich lerne Wolfgang und Johanna kennen. Die beiden Trainer strahlen viel positive Energie aus, und sofort fühle ich mich in der knapp 20 Taekwondoins starken Gruppe gut aufgehoben. Und eins sticht direkt ins Auge: Ob sechs oder 60 Jahre alt, hier trainieren Jung und Alt zusammen.

Los geht es zunächst mit dem Aufwärmen, um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Mir wird warm, aber ich muss nicht keuchen – zum Glück. Mental hatte ich mich schon auf das schlimmste Schweißbad seit Langem vorbereitet. Kommt wahrscheinlich noch. Hüpfen, Dehnen, Arme und Hüfte kreisen lassen. Eine Viertelstunde später ist das Fleisch erst so richtig stark und der Geist noch williger, um allerhand Schlag-, Tret- und Verteidigungstechniken auszuprobieren.

Geordnet aufgestellt folgt zunächst die traditionelle Begrüßung: Füße zusammen und verbeugen. Beim Training wird Wert auf die richtigen Laute gelegt. Und: Zu jeder Aktion gibt das passende koreanische Wort. Ich verstehe nur Bahnhof. „Jetzt gehen wir in die Reiterstellung!“, übersetzt Wolfgang für mich. Wie alle anderen stelle ich mich also breitbeinig hin und gehe leicht in die Hocke. „Bei der ersten Übung ziehst du dein Bein erst am Knie hoch und lässt es dann nach vorne schnappen“ erklärt er, und ich stelle mich wohl nicht allzu schlecht an, wenn ich seiner Mimik trauen kann. Neben den Fachbegriffen sind auch die Schreie, die man ausstößt, bedeutsam. „Probier das mal“, ruft mir Wolfgang zu, „bei jedem Tritt oder Schlag aus dem Bauch raus zu schreien!“. Das soll der Technik mehr Stärke und Kraft verleihen.

2 Bilder
Mitten in einer Übung zur Selbstverteidigung. Johanna Jorritsma (links) ist in dem Fall der Angreifer. Foto: csu

Wolfgangs enthusiastische Art spornt die anderen Trainierenden und mich an, unser Bestes zu geben: „Und jetzt aber mal mit Schmackes!“ – er erwischt einen sofort, wenn die Körperspannung nicht optimal war.

Überhaupt hängt die Sportart nach meinem Eindruck vorrangig mit Körperspannung, Koordination und Gleichgewicht zusammen. „Viele Bewegungen beim Taekwondo sind Dreh-Bewegungen“, erklärt der Trainer. Die erst passive, nach oben gedrehte Faust beim Schlag nach unten zu drehen, stellt für meine Koordination schon eine Herausforderung dar. Aber treten, das kann ich wohl. Ich Rowdy. Beim Taekwondo in Eilsen geht es jedoch weniger um den Kampf. Die Sportler üben sich im sogenannten Poomsae und treten darin auch bei Wettkämpfen an. Dieses Wochenende fahren dafür einige Taekwondo-Schüler von Wolfgang nach Gehrden, um ihre Fähigkeiten im Wettbewerb unter Beweis zu stellen.

„Poomsae ist der Formenlauf“, erklärt Johanna. Bestimmte Schlag-, Tritt- und Verteidigungsbewegungen werden darin zu einer Art Choreografie zusammengefügt. Diese muss man alleine absolvieren, um die Prüfung zu einem höheren Dan (koreanisch für Gürtel) zu bestehen. Im Wettkampf wird die saubere Ausführung unter durchgehender Körperspannung bewertet. Mit mehr Kenntnissen werden auch die Choreografien immer komplexer, weil länger. „Somit ist Taekwondo auch ein gutes Training für den Geist“, erzählt Johanna. Die Sportart dient auch dazu, den Geist zu schulen und mit Körper und Geist ins Reine zu kommen. Neben dem Poomsae gibt es auch noch den Wettbewerb bei Vollkontakt. Mit schützender Montur kämpfen die Schützlinge gegeneinander – bis zum K.O. oder maximal sechs Minuten lang.

Die mentale Stärke veranschaulichend, gibt es im Taekwondo als eine Übung auch den sogenannten Bruchtest. Johanna und Wolfgang haben schon so einiges an Holzbrettern und anderen Materialien mittels Taekwondo gespalten. Holz hacken ab jetzt also ohne Axt.

Weitere Tritte und Schläge üben wir mit einem Partner. Dafür werden auch Pratzen genutzt, also an der Hand befestigte Schlagpolster. Da kann mal richtig drauf eingedroschen werden. „Jawoll!“, sagt Wolfgang, „wenn du den Oberkörper ein bisschen weiter gen Boden bewegst, kannst du noch höher treten!“ Technisch ist noch Luft nach oben, ins Schwitzen kann man mich auch noch mehr bringen. „Das kommt dann mit den komplexeren Techniken und Bewegungsabläufen“, holt mich Wolfgang aber wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Der Spaß stand für mich beim ersten Mal aber im Vordergrund. Mein erstes Taekwondo-Training macht Lust auf mehr. Johanna hat noch ein gutes Argument für die Sportart: „Vor allem merkt man dabei nicht wirklich, dass man Sport macht“, weil es nicht nur anstrengend ist, sondern ein vielseitiges Training für Körper und Geist darstellt.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare