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Nabu Bad Eilsen will aktiv werden

Mehr Natur auf dem Heeßer Friedhof – ein Interessenkonflikt?

HEESSEN. Angesichts des auch in Deutschland zu beklagenden Insektensterbens besteht Handlungsbedarf. Die Nabu-Ortsgruppe Bad Eilsen hat die Idee, auf dem Friedhof der Samtgemeinde Eilsen „ökologisch wertvolle“ Pflanzen anzusiedeln. Was sagt die Verwaltung der Samtgemeinde Eilsen zu diesem Plan?

veröffentlicht am 14.02.2019 um 10:54 Uhr
aktualisiert am 15.02.2019 um 17:10 Uhr

Durch eine naturnähere Gestaltung des Friedhofs könnte dieser nicht zuletzt Insekten mehr Raum zum Leben bieten. Foto: wk
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Michael Werk Reporter zur Autorenseite
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HEESSEN. Immer wieder warnen Wissenschaftler und Naturschutzverbände vor den Folgen eines sich vollziehenden globalen Insektensterbens und den daraus resultierenden katastrophalen Folgen für die Ökosysteme auf der Erde – und damit auch für den Menschen. In Anbetracht dieser dramatischen Entwicklung hat die noch junge Nabu-Ortsgruppe Bad Eilsen den in Heeßen an der Bückeburger Straße gelegenen Friedhof der Samtgemeinde Eilsen als Betätigungsfeld ins Auge gefasst.

Dieser sei „nicht einer der Schönsten“ – daher sollte man sich mal Gedanken darüber machen, wie dieser Friedhof besser gestaltet werden könnte, erklärte das Mitglied Lothar Wiegratz im Sommer vergangenen Jahres anlässlich der Vorstellung möglicher Naturschutzaktivitäten. Dabei spielte er auch auf eine naturnähere Bepflanzung des Areals an. Wichtig sei, dafür Pflanzen zu auswählen, die „ökologisch wertvoll“ seien, konkretisierte Nabu-Mitstreiterin Julia Metzner (wir berichteten).

Es ist zwar noch offen, ob die Naturschützer dieses Vorhaben tatsächlich in Angriff nehmen werden, und auch die neue Pflanzsaison hat noch nicht begonnen, aber da es in Sachen Insektenschutz keine Zeit zu verlieren gilt, hat die Redaktion jetzt schon mal bei der Samtgemeindeverwaltung nachgefragt, ob solch ein Vorhaben überhaupt zu realisieren wäre.

Grundsätzlich sei es bestimmt möglich, auf dem Friedhof mehr Natur zuzulassen, sagt Andreas Kunde, der Leiter des Ordnungsamtes der Samtgemeinde Eilsen. Dort heimische Blüten- und Beerensträucher (statt bloßer Ziersträucher) anzupflanzen, dagegen spricht seines Erachtens nichts. Diesbezüglich weist er aber darauf hin, dass das Gelände schon jetzt „üppig mit Hecken“ bepflanzt sei.

Die Meinung über die vorhandene Begrünung ist laut Kunde übrigens „voll zwiegespalten“. So gibt es dortige Gräber pflegende Friedhofsbesucher, die durchaus der Meinung sind, das auf dem Gelände bereits „zu viel Grün“ ist. Beklagt wird von jenen Zeitgenossen, dass sie regelmäßig heruntergefallene Blätter und Samen von den Grabstellen und den Streifen zwischen den Gräbern absammeln müssen.

Dieses Thema komme immer wieder mal auf, verrät der Ordnungsamtsleiter. Vor diesem Hintergrund sieht er in dem Ansinnen der Nabu-Ortsgruppe Bad Eilsen das Problem eines Interessenkonflikts. Zumal da auch zu bedenken sei, dass die Nutzer der Grabstellen kein Interesse haben, „da ständig Unkraut rauszuzupfen“.

„Man muss das abwägen und politisch entscheiden“, resümiert Kunde. Genug Platz für die Anlage beispielsweise einer Blumenwiese ist ihm zufolge im unteren Bereich des Friedhofes, nahe der kommunalen Kompostanlage, jedenfalls vorhanden. Und in der Friedhofssatzung sei nichts geregelt, was solch einem Vorhaben entgegensteht. Aber: „Wenn der Nabu das gerne möchte, dann muss er das auch bezahlen!“

„Mehr als 40 Prozent aller weltweit vorkommenden Insektenarten sind vom Aussterben bedroht. Zu diesem Ergebnis kommt eine jetzt veröffentlichte Studie im Fachmagazin ‚Biological Conservation‘“, berichtet der in Berlin ansässige Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Ein Forscherteam aus Australien, Vietnam und China habe 73 Studien zur Situation der Insekten ausgewertet und identifizierte die wesentlichen Treiber des weltweiten Insektenschwunds identifiziert. Demnach führe vor allem der hohe Verlust an Lebensräumen in der immer intensiveren Landwirtschaft zu deren Aussterben; eine weitere wesentliche Ursache sei der steigende Einsatz synthetischer Pestizide und Düngemittel.

Wie der Nabu in seiner Pressemitteilung außerdem informiert, sind der Studie zufolge weltweit insbesondere Schmetterlinge, Mistkäfer und Hautflügler – wie Bienen und Ameisen – vom Rückgang betroffenen. Unter den schwindenden Arten seien nicht nur seltene oder spezialisierte, sondern auch viele häufige. Die Ergebnisse bezögen sich im Wesentlichen auf Europa und Nordamerika, da in anderen Regionen der Welt oft Studien über längere Zeiträume fehlten. Die Autoren seien zu dem Schluss gekommen, dass sich die Art und Weise der Landwirtschaft dringend ändern müsse, um den Negativtrend zu stoppen oder wenigstens zu verlangsamen.

„Auch in Deutschland ist die Lage der Insekten alarmierend“, so der Nabu weiter. Gemäß Roter Liste sei jede dritte der hierzulande lebenden 560 Wildbienen-Arten gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Auch die Anzahl der Tiere schwinde. So hätten Forscher des Entomologischen Vereins Krefeld im Jahr 2017 erstmals in einer Langzeitstudie nachgewiesen, dass die Biomasse der Fluginsekten in deutschen Naturschutzgebieten innerhalb von 27 Jahren um mehr als 75 Prozent gesunken sei.

Als erforderlichen Schritt zum Stopp des Insektensterbens hätten die Forscher im Fachmagazin „Biological Conservation“ eine drastische Reduzierung des Pestizid-Einsatzes genannt, so der Nabu. Darüber hinaus empföhlen sie das Anlegen von Blumen- und Wiesenstreifen an Feldrändern sowie die Erhöhung der Fruchtfolge, also den Anbau unterschiedlicher Feldfrüchte nacheinander auf derselben Fläche. Darunter solle künftig auch mehr Klee sein, um die Zahl und Vielfalt der Hummeln zu erhöhen. Zudem müsse feuchtes und nasses Grünland wiederhergestellt und die Wasserqualität verbessert werden, da Gewässer oftmals mit Pestiziden belastet seien.




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