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„Ein Phänomen der Neuzeit“

Verkehrspsychologe erklärt das Gaffer-Problem

LUHDEN/HANNOVER. Sie sind ein großes Ärgernis: Gaffer, die sich an Unfällen ergötzen, Einsätze von Rettungskräften stören und unerlaubt Bilder von Unfallopfern schießen. Was geht in Gaffern vor? Und wie kann man dieses Problems Herr werden? Antworten auf diese Fragen gibt der Verkehrspsychologe Dr. Karl-Friedrich Voss.

veröffentlicht am 07.02.2019 um 14:18 Uhr
aktualisiert am 07.02.2019 um 17:40 Uhr

Nicht immer stehen Gaffer nur an der Seite des Geschehens, manche verschaffen sich auch aggressiv Zutritt zum Geschehen. Foto: pr
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Michael Werk Reporter zur Autorenseite
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LUHDEN. Immer wieder wird über Gaffer berichtet, die bei Unfällen ihre Neugier befriedigen und Foto- oder Videoaufnahmen machen – selbst von Unfallopfern. Mitunter werden sogar die Rettungskräfte der Feuerwehren und anderer Rettungsdienste bei ihren Einsätzen behindert, weil Gaffer möglichst viel von dem Geschehen mitkriegen wollen. Jüngst kam das Thema auch bei der Jahresversammlung der Ortsfeuerwehr Luhden zur Sprache, die sich insbesondere bei ihren häufigen Rettungseinsätzen auf der Autobahn 2 damit konfrontiert sieht.

Der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss, Vorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen (BNV), erklärt, warum sich manche Menschen so verhalten und wie man diesem Problem begegnen kann. Und er appelliert, die Verhältnisse richtig in den Blick zu nehmen: „Das sind Einzelfälle“, sagt er bezogen auf diejenigen Gaffer, die Rettungskräfte bei Einsätzen behindern. Übersehen würden demgegenüber nämlich die vielen Fälle, bei denen es keine solchen Probleme mit Schaulustigen gibt. Jene Einsätze, bei denen in Sachen Gaffer „nichts Spektakuläres passiert“, würden bei der Betrachtung der Gesamtsituation in zu geringem Maße herangezogen. „Davon müssen wir wegkommen“, betont der Experte. „Bedenklich“ findet er es aber schon, wenn Schaulustige Fotos oder Videos von Unfallopfern machen.

Warum solche Bilder geschossen werden? „Es ist ein Phänomen der Neuzeit“, erklärt er. „Wir leben in einem Zeitalter, in dem alles dokumentiert wird.“ So ähnlich müsse man sich das auch bei den Gaffern vorstellen. Und daher müsse man sich daran gewöhnen, dass manche Menschen keine Hemmungen hätten, Bilder von Unfällen zu machen.

Dabei sei es offensichtlich so, dass die Gaffer keine Empathie mit den Unfallopfern hätten, führt der Psychologe weiter aus. Auch sei den Gaffern nicht bewusst, dass diese durch die Anfertigung der Fotos und Videos die Persönlichkeitsrechte der Unfallopfer verletzen würden. Denn: „Es ist eine Situation, in der sie nicht geübt sind.“

Gaffer für deren Tun lediglich zu bestrafen, das ist laut Voss „viel zu kurz gegriffen“. Vielmehr bedürfe es auch einer entsprechenden Aufklärung. Und dazu gehöre, die heutigen technischen Möglichkeiten zu nutzen. So wäre es seiner Meinung nach sinnvoll, Kraftfahrer, die wegen eines Unfalls auf der Autobahn im Stau stünden, über den Radio-Verkehrsfunk, per Smartphone-App und etwa mittels der sogenannten Verkehrsbeeinflussungsanlagen nicht nur über den Grund des Staus zu informieren, sondern auch darum zu bitten, keine Aufnahmen von dem Unfall zu machen. „Schauen hat eine lange Tradition“, erinnert Voss, der beruflich eine Verkehrspsychologische Praxis in Hannover betreibt. Das Schauen diene den Menschen schließlich dazu, Informationen zu erhalten. Allerdings würden sich Gaffer mitunter auch ein „bewegendes Erleben“ und durch das Veröffentlichen des Bildmaterials in sozialen Netzwerken Aufmerksamkeit erhoffen, räumt er ein. Gleichwohl: Eine Bevölkerungsgruppe „immer an den Pranger zu stellen“, das bringe nichts.




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