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„Kraxeln“ war vor 50 Jahren am Hohenstein verboten / Bergsteiger setzten sich zur Wehr

Alpinisten klettern auf die Barrikaden

ZERSEN. Ab dem 1. Januar 1968 war das Klettern am Hohenstein verboten. Aus Naturschutzgründen wurde ein Viertel des Höhenzuges gesperrt. Unverständlich für die Alpinisten, die sich auch als Naturschützer verstanden. In einem Rechtsstreit wurde ein Kompromiss ausgehandelt.

veröffentlicht am 07.01.2019 um 16:56 Uhr
aktualisiert am 07.01.2019 um 19:40 Uhr

Auszug aus der Dewezet. Foto: Archiv
Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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„Das war schon bitter für uns junge Kerle, dass man ein Viertel des Hohensteins den Naturschutzinteressen geopfert hat, obwohl wir uns dem Naturschutz sehr verpflichtet gefühlt haben.“ Auch 50 Jahre später kann Hartmut Ahlbrecht – ein begeisterter Alpinist – immer noch nicht ganz die Anordnung von Behörden verstehen, den Höhenzug im Wesertal für Kletterer komplett gesperrt zu haben. Seit dem 1. Januar 1968 war das Kraxeln am Hohenstein nicht nur für die Mitglieder des Hamelner Alpenvereins verboten.

Zur Vorgeschichte: Der damalige Beauftragte für Naturschutz hatte dem Kreis Grafschaft Schaumburg ein Gutachten vorgelegt, mit dem Antrag, das Klettern zu verbieten. Begründet wurde der Antrag damit, dass durch das Klettern Materialmassen vom Hohensteinmassiv abbröckeln und wertvolle Pflanzen vernichtet werden. Der Verein legte ein Jahr später Klage beim Verwaltungsgericht Hannover gegen den Regierungspräsidenten ein, der ihnen das Klettern am Hohenstein verboten hatte.

„Was Adam und Eva nicht vergönnt war – die Rückkehr ins Paradies – wollen die Mitglieder des Deutschen Alpenvereins in Norddeutschland mit Hilfe des Gerichts erreichen: Dass sie in ihr Kletterparadies am Hohenstein zurückkehren können. Zumindest wollen die Bergfreunde erzwingen, dass ihnen ein Teil der idealen, nördlich der Mainlinie einzigartigen Kletterfelsen wieder zugänglich gemacht wird“, stand im Januar 1969 in der Zeitung.

Ahlbrecht erinnert sich, dass samstags und sonntags stets rund 50 Leute am Hohenstein kletterten und der Alpenverein Hameln auf dem Areal der Pappmühle sogar eine Mittelgebirgs-Hütte besaß. „Das war unser Ziel an jedem Wochenende, egal ob im Winter oder Sommer. Es war unsere Felsenheimat. Und von dort sollten wir vertrieben werden“, beschreibt der 78-Jährige den Wert des Klettergebiets für die hiesigen Alpinisten.

Bis Ende 1967 wurde die Kletterei noch stillschweigend geduldet. Doch als den „Regierern“ – wie sie der Autor des Artikels bezeichnete – zu Ohren kam, dass die äußerst seltene und im norddeutschen Raum einmalige Flora dort durch die immer stärker werdende Kletterei in Gefahr sei, erteilten sie den Sektionen des Alpenvereins die letzte Ausnahmegenehmigung, schrieb der Redakteur.

Gemeint waren offenbar am Fels wachsende seltene Pflanzenarten: Eine lange Liste lebendiger Zeugen nacheiszeitlicher Flora: „Solange ich retten kann, was noch davon da ist, muss ich mich für das Verbot einsetzen. Wir dürfen uns durch die Kletterei die seltenen Pflanzen und auch den Felsen nicht beschleunigt zerstören lassen“, sagte damals der Leiter des Forstamtes Hessisch Oldendorf, Jürgen Bosse, der Zeitung.

„Wir fanden das Verbot irrsinnig. Wir haben uns nur da festgehalten und traten nur dort hin, wo keine Pflanzen waren. Gleichzeitig wurden aber Betontreppen zum Hohenstein gelegt. Das muss man sich mal vorstellen“, so Ahlbrecht.

Gegen das Verbot liefen die Alpinisten Sturm. Expeditionsbergsteiger, Alpinextreme, Rechtsanwälte, Lehrer und auch Handwerker verbanden sich zu einem Aktionsbündnis. Mit Dr. Richard Gödecke aus Braunschweig hatten die Alpinisten einen der erfahrensten Bergsteiger Norddeutschlands als prominenten Mitstreiter in ihren Reihen.

Nach anfänglichen Gutachten, Gegengutachten und Gerichtsverhandlungen haben sich die Parteien später auf einen Kompromiss geeinigt, weiß der Bergsteiger aus Hameln. Es kam zu einer auch für die Alpinisten akzeptablen Zonierung in ein völlig gesperrtes Banngebiet von einem Viertel der Wand und in einen zum Klettern freien Bereich. „Besonders leichte Touren gab es im Banngebiet. Die wurden uns damals genommen“, scheint Ahlbrecht die Abmachung zu bedauern.




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