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Historie aufgearbeitet

Buch und Tafel erinnern an Zwangsarbeiter im Stift Fischbeck

FISCHBECK. Im Morgennebel umgibt das sorgfältig sanierte rote Backsteingebäude ein fast romantisches Flair. Doch wenn die Mauern reden könnten, dann wüssten sie vom schrecklichen Leid der früher in der seinerzeit „Russenkaserne“ genannten Behausung lebenden Menschen zu berichten.

veröffentlicht am 04.09.2021 um 15:00 Uhr

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Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude, das der Verwalter des Stifts, Stefan Römbke, auf eigene Kosten aufwendig hat wiederherstellen lassen, beherbergte von 1942 bis Kriegsende Zwangsarbeiter aus der Ukraine, die als „Ostarbeiter“ zu übelsten Bedingungen Sklavenarbeit auf den Feldern der Gegend leisten mussten. Auf die Bitte der Äbtissin Katrin Woitack hat der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom deren Geschichte nachgespürt und seine Ergebnisse jetzt in einer 50 Seiten starken Publikation veröffentlicht. In Anwesenheit von Kammerdirektor Andreas Hesse, des den Löwenanteil der Finanzierung tragenden Förderkreises, vertreten durch den ersten Vorsitzenden Wilhelm Kuhlmann, zahlreicher Stiftsdamen und des bei der Klosterkammer für Stifte und Klöster zuständigen Dr. Stephan Lüttich, wurde die Plakette am Eingang des Hauses sowie die Publikation der Öffentlichkeit vorgestellt.

Was Gelderblom zu berichten hat, geht wie immer unter die Haut. Etwa, wenn er die vom NS-Regime festgelegten Verpflegungssätze für „Ostarbeiter“ und „Ostarbeiterinnen“ darstellt. „Die lagen unter denen aller anderen ausländischen Arbeitskräfte. Gekocht wurde im Keller des Wohnhauses des damaligen Pächters Herbert Dehne, der das Stiftsgut selbstständig bewirtschaftete.“ Es gab Kohlsuppe und „Russenbrot“, das aus Roggenschrot, Zuckerrübenschnitzeln, Zell- und Strohmehl und Laub bestand. Jahrelang waren die 22 Personen, 16 Frauen und sechs Männer, dem Hunger ausgeliefert. Männer und Frauen der Jahrgänge 1921 bis 1923, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren. Herbert Dehne hatte, so hat Gelderblom herausgefunden, „Ostarbeiter“ angefordert, als Ersatz für die bei den örtlichen Landwirten wenig beliebten, weil aufmüpfigen und teuren italienischen „Vertragsarbeiter“, die er seit 1938 beschäftigt hatte. Die in der „Russenkaserne“ eingepferchten Arbeiterinnen und Arbeiter dagegen galten als „anspruchslos, billig und ohne politische Rücksichtnahmen repressiv kontrollierbar“. Die Landwirte hätten sie als „Pack“, als „Untermenschen“ betrachtet, so Gelderblom. Generelle Aussagen freilich seien aufgrund der überaus schmalen Quellenlage nicht mit Sicherheit zu treffen. Fünf Kinder kamen auf dem Stiftsgut in diesen Jahren zur Welt. Gelderblom: „Wer will, möge diese Geburten als Zeichen für Lebenswillen und Zukunftshoffnung werten ...“ Massiv diskriminiert und faktisch rechtlos, mit „Ost“ als sowjetische Arbeitskräfte gekennzeichnet, fristeten die Fischbecker Zwangsarbeiter ein bedauernswertes Dasein. Eine Darstellung einzelner Schicksale sei kaum noch möglich. Und die damaligen Stiftsdamen? Gelderblom: „Ich denke, es überrascht nicht, dass die Welt der Arbeitskräfte und die nur wenige Meter entfernt lebenden Stiftsdamen unendlich weit auseinander lag. Wenn sie die überhaupt wahrnahmen, so als eine Begleiterscheinung des Krieges.“ Umso mutiger wertet Gelderblom die Initiative von Woitack, das Thema wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Unterstützt von Mario Keller-Holte und Dr. Renate Oldermann, die das Archiv des Stifts betreut, konnte Gelderblom so das Wissen über das heute „Landarbeiterhaus“ genannte Gebäude ans Licht bringen.

Gelderblom: Von den Bewohnern der „Russenkaserne“. Die Beschäftigung von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus Polen und der Sowjetunion im Stiftsgut Fischbeck in den Jahren 1939 bis 1945. 51 Seiten, Verlag Jörg Mitzkat Holzminden.

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Foto: eaw



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