weather-image
11°

Vor einem Jahr verunglückte Bojan Rajic

Die Angst fährt noch immer mit

HESSISCH OLDENDORF. Für Autofahrer ist es wie ein Alptraum: Auf der eigenen Fahrspur nähert sich schnell ein entgegenkommendes Fahrzeug und zum Ausweichen gibt es keinen Platz. Bruchteile von Sekunden fühlen sich dann viel länger an – lange genug um zu realisieren, dass das eigene Leben einen Wimperschlag später vorbei sein könnte. Bojan Rajic hat so etwas erlebt, ist nur durch Glück nicht zu Tode gekommen.

veröffentlicht am 27.12.2018 um 17:27 Uhr
aktualisiert am 27.12.2018 um 20:50 Uhr

Bojan Rajic (hier mit Frau Milanka und seinen Kindern Luka und Korana) ist mit dem Leben davongekommen, doch noch immer hat er mit den Folgen des schweren Unfalls zu kämpfen. Foto: jsp
Jens Spickermann

Autor

Jens Spickermann Volontär zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der SZ/LZ? Dann melden Sie sich hier mit Ihren SZ/LZ -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

In wenigen Tagen jährt sich der schwere Unfall zum ersten Mal, der sich am 11. Januar auf der Landesstraße 433 bei Gut Helpensen ereignet hat (wir berichteten). Noch immer hat der Hessisch Oldendorfer mit den Folgen zu kämpfen – dabei stehen seine Erlebnisse wohl stellvertretend für viele der rund 65 000 Menschen, die in Deutschland jährlich im Straßenverkehr schwer verletzt werden.

Wenn Rajic auf die vergangenen Monate zurückblickt, erinnert er sich vor allem an eine Zeit langer Klinikaufenthalte und deprimierender Diagnosen. „Hochrasanztrauma, Instabilität des Kniegelenkes, Ulnaschaftfraktur, Querfragmentfraktur des Sternums und tiefe Beinvenenthrombose“ stehen auf der langen Liste der Unfallfolgen, die er davontrug. Seinen Beruf wird er wahrscheinlich nie mehr ausüben können.

Insgesamt sechs Menschen wurden bei dem Unfall verletzt, Rajic ist unverschuldet hineingeraten. Laut Polizeiangaben war ein 72-jähriger Autofahrer aus ungeklärter Ursache in den Gegenverkehr gefahren und nahezu frontal mit dem Ford Transit zusammengeprallt, in dem Rajic am Steuer saß.

Der Zusammenstoß ereignete sich am 11. Januar. Sechs Menschen wurden verletzt. Foto: Archiv/ube

„Drei oder vier Mal ist der Transit durch die Luft geflogen. Von lauten Geräuschen bin ich wach geworden und sah die Feuerwehrleute.“ So schilderte es Rajic später der Polizei. Direkt nachdem die Rettungskräfte ihn aus dem Autowrack befreit hatten, wurde er in eine Klinik in Hannover eingeliefert, später nach Hameln verlegt, musste innerhalb des vergangenen Jahres insgesamt für 20 Wochen in die Reha und wurde mehrmals operiert.

Wirklich gut geht es ihm auch ein Jahr später noch nicht. Von den Verletzungen an Arm, Beinen, Ellenbogen und Rippen sind die meisten inzwischen verheilt. Doch sein Knie hat es schwer getroffen: Unter anderem wegen eines Kreuzbandrisses kann er noch immer nur mit Krücke laufen. Was mit einem Bürojob leichter zu verkraften wäre, trifft Rajic hart: Der Serbe ist gelernter Pflasterer und war erst im Mai 2017 nach Hessisch Oldendorf gekommen, um bei einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb zu arbeiten.

Es hätte eigentlich alles gut werden können: Der Dauer-Wirtschaftskrise des Balkan-Staates entronnen, hatte der heute 33-Jährige im Herbst 2017 seine Frau und seine Tochter nach Hessisch Oldendorf geholt. Doch seit dem Unfall ist er arbeitsunfähig mit 80 Grad Behinderung. Wie es für ihn beruflich weitergehen könnte, weiß er noch nicht.

Drei oder vier Mal ist der Transit durch die Luft geflogen. Von lauten Geräuschen bin ich wach geworden und sah die Feuerwehrleute.

Bojan Rajic, Unfallopfer

Blickt er mit Hoffnung oder Pessimismus ins neue Jahr? „Etwas dazwischen“, übersetzt seine Schwester Durdica Babic für ihn – Deutsch zu sprechen fällt dem Serben noch schwer. Die Unfallfolgen haben ihn auch psychisch schwer getroffen. Eine Zeit lang habe er sich in seiner Wohnung eingeigelt und sie kaum noch verlassen, erzählt eine Freundin der Familie. Auch beim Autofahren wirkt der Schock noch nach: „Wenn ein Auto entgegen kommt, fährt er immer ein bisschen nach rechts“, erzählt seine Frau Milanka Rajic. Ihr Bruder hege aber immer noch Hoffnung, dass er seine Arbeit eines Tages wieder aufnehmen kann, sagt seine Schwester.

Obwohl der Unfall für sein Leben schwerwiegende Konsequenzen hat, ist Rajic auf den Verursacher nicht wütend. Der habe etwas mehr Glück gehabt und sei mit einem Armbruch davongekommen, erzählt die Familie. Persönlich haben sie von ihm aber nichts gehört: Der Senior habe sich nie gemeldet – so etwas wie eine Entschuldigung habe es nicht gegeben, weder mündlich noch schriftlich.

Doch das Jahr 2018 hat der Familie nicht nur Unglück beschert: Vor einigen Tagen haben Bojan und Milanka Rajic ein weiteres Kind bekommen. In der kommenden Woche muss sich der Vater aber für sechs Wochen von seiner Frau, seinem neugeborenen Sohn und seiner vierjährigen Tochter trennen: Dann geht es wieder in die Reha.




Anzeige
Anzeige
Anzeige
Kommentare